Silvia Neid bei ihrer letzten WM-Pressekonferenz © Ronny Hartmann/Getty Images

Silvia Neid hat sich vercoacht. Im Viertelfinale gegen Japan wechselte sie falsch und zu spät, nahm keinen Einfluss auf das verstockte Angriffsspiel. Das passiert, Niederlagen kommen vor im Sport. Doch das Japan-Spiel war nicht die Ausnahme, es steht exemplarisch für die Leistung der deutschen Elf bei dieser WM. Deswegen fällt die Kritik an der Bundestrainerin grundsätzlicher aus.

Silvia Neid verantwortet ein Turnier der spielerischen Armut . Zwar gewann ihr Team alle drei Vorrundenspiele, doch höherem Anspruch genügte nur der Sieg gegen Frankreich. Die Mängelliste ist dagegen lang: schwacher Spielaufbau, lange Bälle, technische Fehler, ungenaue Pässe, lahmer Fußball aus dem Stoppen-Schauen-Passen-Mustopf. Was man selten bis nicht sah: Spiel ohne Ball, schnelles Umschalten, überraschende Anspiele und Attacken, einstudierte Spielzüge, Temperament, Witz, Mut, Ideenfußball.

Jetzt fragt man sich, warum die Mannschaft diesen verkrampften Eindruck hinterließ und so schlecht eingespielt war. Neid hatte das Team drei Monate zur Vorbereitung, der DFB hatte die Bundesliga viel früher als sonst beendet – ein Zustand für einen Trainer, von dem beispielsweise Joachim Löw nur träumen kann. Diese lange Zeit der Kasernierung verlangt eine kluge Menschenführung. Doch Neid gilt als überstreng und misstrauisch, sie pflegt eine Kultur der Kontrolle, vielleicht sogar der Angst. Kreativität kann sich nur schwer entfalten. Hat sich auch nur eine einzige Spielerin bei dieser WM weiterentwickelt?

Und Individualität wird beäugt. Was dazu führt, dass Neid die reichen Ressourcen im Team nicht ausschöpft. Lira Bajramaj ist die mit Abstand talentierteste deutsche Fußballerin. Keine andere verfügt annähernd über ihre Bewegungsvielfalt, ihre Ballbehandlung und ihre Fähigkeit, das Tempo in Richtung Tor zu erhöhen. Bajramaj ist die Zukunft des Frauenfußballs.

Dass sie bei dieser WM kaum zum Zuge kam, und wenn, dann als verunsicherte Irrläuferin, ist nicht zuletzt der Trainerin anzukreiden. Neid hätte sie stärken, das Spiel auf sie zuschneiden müssen. Doch Neid hat Bajramaj kleingemacht und kleingehalten. Bajramaj ist nicht Neids Typ, das Cover-Girl mit den lackierten Fingernägeln widerspricht Neids engstirnigem Kollektivideal.



Auch eine andere Personalie weckt Zweifel an Neids Menschenführung. Birgit Prinz ist die wichtigste Spielerin der deutschen Fußballgeschichte . Dass sie über ihren Zenit ist, kann man Neid nicht vorwerfen. Aber Neid hat den offensichtlichen Konflikt nicht rechtzeitig erkannt und gelöst. Mit mehr Vertrauen und Anerkennung hätte die als integer geltende Prinz die Elf in den entscheidenden Momenten unterstützen können, vielleicht als Joker, das Toreschießen wird sie kaum verlernt haben. Doch sie erlebte das deutsche Ende und das ihrer Karriere mit sichtbarem Zorn auf der Bank.

Der Druck der so überfrachteten Heim-WM mag bei all dem eine Rolle gespielt haben, doch Silvia Neid hat eine einmalige Chance für den deutschen Frauenfußball verpasst. Mit Rumpelfußball gewinnt man keine neuen Fans. Vor dem Turnier hat der DFB den Vertrag mit ihr bis 2016 verlängert, ohne erkennbare Not. Alle wichtigen Posten im Verband sind mit ihren Weggefährtinnen besetzt, interne Kritiker gibt es nicht. Doch die Diskussion über die Welt- und Europameistertrainerin wird und muss beginnen.