Reist man in diesen Tagen nach Sinsheim, mit der Bahn über Neckargemünd, Zuzenhausen, Hoffenheim, künden Deutschlandfahnen über Glasbausteinfassaden von der Fußball-Weltmeisterschaft. Am Ziel angekommen empfangen einen Wimpelreihen über den Gassen mit den Farben aller sechzehn Teilnehmerländer. Laternen sind mit Fifa-Flaggen behangen, Schaufenster mit Fußballbildern dekoriert, die Kinder gemalt haben. Am Straßenrand reihen sich Fußballerinnen zum Gruß, sie sind aus Pressspanplatten gebastelt.

In Sinsheim kann man die WM nicht übersehen. Das liegt auch daran, dass es der mit Abstand kleinste Spielort ist. Es liegt aber auch daran, dass "in Sinsheim alle mitmachen", wie der Oberbürgermeister Rolf Geinert sagt. "Alle" ist sicher übertrieben, doch bei den Vorbereitungen haben viele angepackt. Jugendliche haben Müll aufgesammelt, Rentner die Grünflächen gepflegt, die örtliche Wirtschaft hat mitgezogen. Die WM habe den Ort zusammengeschweißt, heißt es.

Eine internationale Großveranstaltung sei "eine einmalige Gelegenheit für uns", fährt der Oberbürgermeister fort. "Doch die Fifa hat uns ein paar harte Nüsse zu knacken gegeben." Anfänglich wurde diskutiert, ob die VW- oder Opel-Autohäuser am Autobahnrand zugehängt werden sollen, um den Fifa-Sponsor Hyundai vor Trittbrettfahrerei zu schützen. Auch hatten sich die Organisatoren darauf vorbereitet, in der Nähe der Fanmeile am Burgplatz Sonnenschirme mit Bierwerbung abzukleben.

Das Verhüllungsmaterial blieb im Container. Bloß der lokale Sponsor, die Volksbank, darf nicht in WM-Broschüren erwähnt werden, weil er mit einem DFB-Sponsor konkurriert. Und der Kirche hat die Fifa untersagt, Fair-Trade-Fußbälle zu verkaufen. Das hätte Adidas gestört. Man muss dazu sagen: Dies sind Kleinigkeiten im Vergleich mit der Besatzungszeit vor fünf Jahren, als die Fußballweltregierung zur WM 2006 Bannmeilen um die Stadien zog.

Am Sonntag, dem Tag der Eröffnung, waren mehr als 10.000 Menschen den ganzen Tag über in der Sinsheimer Innenstadt, darunter der neue Baden-Württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, aber auch viele Touristen aus Frankreich, das an diesem Tag in Sinsheim Nigeria schlug. Es spielte die Big Band der Bundeswehr, Kinder trugen ein Bobby-Car-Rennen aus.

In Sinsheim "wollen alle dabei sein", sagt der Oberbürgermeister Geinert. "Alle" kamen am Donnerstagabend dann doch nicht; zum zweiten deutschen Spiel gegen Nigeria erschienen rund tausend Gäste. Es war ein bürgerliches Publikum, viele über vierzig. Vor der Fernsehübertragung hatte die Bavarian Classic Jazz Band vor Festzeltgarnituren gespielt. Hätte man sich den Fußball weggedacht, hätte man sich wie beim städtischen Weinfest gefühlt.

Die WM-Stadien sind deutschlandweit sehr gut besucht, doch in den Städten ist weniger los. In der Frankfurter Innenstadt, dem Zentrum der WM, begegnet man nur an einigen Ecken Birgit-Prinz-Trikots. Bochum und Leverkusen ist von dem WM-Event wenig anzumerken, Dresden nur deswegen, weil ESPN für ein USA-Spiel sein Sendezentrum an der Frauenkirche aufgeschlagen hatte. Die Fanmeile liegt in Dresden am Stadtrand, nahe dem Stadion. Nach dem Spiel USA gegen Nordkorea tanzte eine Mädchengruppe auf einer großen Bühne, auf einem großen Festplatz, ohne Publikum.