Fans des 1. FC Lok Leipzig (Archiv) © Thomas Eisenhuth/picture alliance/dpa

In keiner Stadt ist Fußball politisch so aufgeladen wie in Leipzig. Gewalt und Drohungen kennzeichnen die Rivalitäten zwischen den Leipziger Vereinen, dem 1. FC Lokomotive, der BSG Chemie und dem Team von Red Bull. Der Vorfall, der die Konfliktlinie am deutlichsten zeigte, ereignete sich im Oktober 2009: 50 Neonazis, darunter viele Fans aus dem Dunstkreis des Oberligisten 1. FC Lok, überfielen den antirassistischen Klub Roter Stern Leipzig während eines Spiels in Brandis. Ein Fan verlor fast sein Augenlicht.

Wo, wenn nicht in diesem Umfeld braucht es ein pädagogisches Fanprojekt? Ein Fanprojekt, welches das Abdriften von heranwachsenden Fans in die rechte Szene durch ein Langzeitkonzept verhindert? Durch ein Konzept, das in Dortmund, Hamburg oder München bereits Erfolge erzielt hat. Doch ausgerechnet in Leipzig ist das 1992 gegründete Fanprojekt nun gescheitert.

Dahinter steht ein Streit, der verdeutlicht, dass Fanprojekte dreißig Jahre nach ihrer Gründung noch immer missverstanden werden. Für viele Politiker sind Fanprojekte ein bequemer Weg, gewalttätige und rechte Fans zu überwachen und zu kontrollieren. Doch laut dem 1992 verabschiedeten Nationalen Konzept Sport und Sicherheit (NKKS) sollen Fanprojekte eben nicht repressiv wirken, sondern präventiv – bevor rechte Einstellungen entstehen können. Zielgruppe sind eher Jugendliche und junge Erwachsene, die künftigen Meinungsführer der Kurven. In Leipzig hat sich dieses Konzept bis heute nicht durchgesetzt.

Die fünfzig Fanprojekte in Deutschland werden von freien Trägern der Jugendhilfe betrieben. Der Träger des Leipziger Projekts, die Leipziger Sportjugend e.V., steht seit Langem in der Kritik. Dessen Leiter Udo Ueberschär verfolgt das Konzept der sogenannten Akzeptierenden Sozialarbeit. Das bedeutet, dass auch die Fans mit einem verschwommenen rechten Weltbild betreut werden. Dieses Konzept ist umstritten. Seit sich in Leipzig Anfang der Neunziger Jahre ein Jugendklub in einen Neonazitreff verwandelte, wird dieser pädagogische Ansatz in anderen Einrichtungen der Stadt abgelehnt.

Auch für das Leipziger Fanprojekt bewahrheiteten sich die Befürchtungen. Ueberschär ließ sich 2007 bei der Sanierung der Räumlichkeiten des Fanprojektes im Stadtteil Stötteritz von rechten Fans helfen, unter anderem von den Blue Caps, einer berüchtigten Fangruppe des 1. FC Lok. Deren treibende Kraft Enrico Böhm ließ sich von der NPD als Kandidat für die Leipziger Stadtratswahl 2009 aufstellen. Bereits am 1. Februar 2008 hatte Böhm im Fanprojekt ein Treffen von zwanzig Rechtsextremen organisiert, darunter waren auch NPD-Funktionäre.

Nachdem sich die Gesinnung Böhms herumsprach, erhielt er im Fanprojekt Hausverbot. Sein Wirken dort beschrieb er auf der Website der Blue Caps: "Man konnte tragen, was man wollte und trank reichlich Alkohol mit dem Sozialarbeiter. Auch war es kein Problem, ein Treffen mit Vertretern der Nationalen Szene im Fanprojekt abzuhalten, natürlich gegen zwei Flaschen Goldkrone. Des Weiteren sagte keiner etwas, als man Bücher vom Mord am ehemaligen Reichsminister Rudolf Hess im Fanprojekt verkaufte." Im Frühjahr 2011 organisierte das Fanprojekt zwei Busse zum Auswärtsspiel des 1. FC Lokomotive in Zwickau, darin fuhren auch Neonazis mit, die auf dem Rückweg in Borna Polster aufschlitzten und einen Sitz mit einem Hakenkreuz beschmierten.

Sieht so Akzeptierende Sozialarbeit aus? Der Leiter des Fanprojekts, Udo Ueberschär, wollte sich zu dem Thema nicht äußern. Auf der Website des Projekts lässt sich wenig zum Thema Antidiskriminierung finden. Erstaunlich, werden Fanprojekte doch staatlich gefördert und müssen eine transparente Arbeit gewährleisten. 2008, im Jahr des Neonazi-Treffens im Fanprojekt, überwies die Stadt Leipzig 83.160 Euro aus Steuermitteln.