FrauenfußballWas von der WM-Euphorie geblieben ist

Lässt sich der Frauenfußball-Boom in die Bundesliga hinüberretten? Vier Wochen nach dem WM-Finale eine Spurensuche beim Deutschen Meister Turbine Potsdam. von 

Auf in den Alltag: Turbine Potsdam zum Saisonauftakt

Auf in den Alltag: Turbine Potsdam zum Saisonauftakt  |  © Jan Kuppert

Wenn es jemand wissen muss, dann sie. Christine und Dieter, 75 und 82 Jahre alt. Am vergangenen Sonntag sitzen sie schon anderthalb Stunden vor Anpfiff im Stadion von Turbine Potsdam, zum ersten Mal zwei Reihen höher als in den Vorjahren, damit sie nicht mehr so viele Treppen steigen müssen. Dieter trägt das Trikot von Bianca Schmidt, Christine das von Anja Mittag. Sie sind Frauenfußball-Experten. Ist er schon da, der WM-Boom? Christine schaut links, schaut rechts. "Noch sehe ich nichts, aber es ist ja auch noch über eine Stunde Zeit", sagt sie.

Christine und Dieter haben zu Hause vor dem Fernseher nur zwei WM-Spiele verpasst. Sie wissen das so genau, weil sie nach Schlusspfiff alle Ergebnisse in den Spielplan ihrer Programmzeitschrift eingetragen haben und zwei Felder immer noch leer sind. Die Beiden haben mit der deutschen Mannschaft gefiebert, sich erst gefreut und dann auf die Bundestrainerin Silvia Neid geschimpft, weil sie Birgit Prinz nicht hat spielen lassen. Und sie haben sich gefragt, was die WM wohl mit ihrem Sport machen wird.

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Zuschauer

Das Spiel Potsdam gegen Hamburg war mit 2.790 Zuschauern die bestbesuchte Partie am 1. Spieltag der Bundesliga. Den Sieg des 1. FFC Frankfurt gegen Essen-Schönebeck sahen 2.750 Zuschauer. Nur 710 Zuschauer wollten den USV Jena gegen den VfL Wolfsburg sehen. Insgesamt sahen 9.845 Zuschauer die sechs Frauenfußball-Spiele, was einem Schnitt von 1.640 entspricht. Das sind 300 Zuschauer mehr als am ersten Spieltag der Vorsaison. Damals sahen insgesamt 7.883 Zuschauer die Spiele, ein Schnitt von 1.313.

TV-Präsenz

Einzig das Spiel des 1. FFC Frankfurt gegen Essen-Schönebeck wurde am Sonntagmittag live vom Hessischen Rundfunk übertragen. Etwa 110.000 Zuschauer verfolgten das Spiel. Ein unterdurchschnittlicher Marktanteil von 0,9 Prozent. Das WM-Finale Mitte Juli zwischen Japan und den USA sahen noch 15 Millionen TV-Zuschauer. Die Partie des Deutschen Meisters fand live nur im Internet statt, im Live-Stream von DFB-TV. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg zeigte am Abend eine kurze Zusammenfassung.

Vor einem Monat, in den drei WM-Wochen , katapultierte sich eine Sportart so schnell ins öffentliche Bewusstsein wie nie zuvor. Zehntausende saßen in den Stadien, Millionen vor den Fernsehern. Für wenige Wochen gehörte der Fußball den Frauen. Es gab Live-Übertragungen und Titelseiten, Feuerwerke und Trauertränen.

Schon damals war unklar, wie viel Euphorie sich in den Alltag retten lässt, in die Stadien der Frauenfußball-Bundesliga, die nicht nach Versicherungskonzernen oder Großbrauereien benannt sind, sondern nach Sozialisten oder Physikern. War der Frauenfußball ein Sport für einen Sommer oder war der eine Sommer erst der Anfang? Beim Saisonauftakt des Deutschen Meisters Turbine Potsdam gegen den Hamburger SV gab es keine eindeutige Antwort.

Jene, die auf den Boom hoffen, bauen auf den Wiedererkennungswert. Und da waren sie, die bekannten Gesichter: Babett Peter, die Potsdamer Abwehrchefin, die auch in der DFB-Abwehr zu den Besten gehörte. Genoveva Anonma, die Frau aus Äquatorialguinea, die sich während der WM gegen Vorwürfe wehren musste, sie sei ein Mann und in die WM-Allstar-Auswahl berufen wurde. Und da ist noch Yuki Nagasato, die Japanerin, die immer so nett lächelt. Auf sie sind sie in Potsdam besonders stolz, eine echte Weltmeisterin .

Das erste Tor ist ein WM-Tor. Nach acht Minuten köpft Nagasato einen langen Ball vor die Füße von Anonma, die zum 1:0 trifft. Martin, Benny und ihre Freunde applaudieren, nicken sich anerkennend zu. Zu fünft stehen sie auf der Gegengeraden, da, wo die Karten nur vier Euro kosten. Die Studenten sind das erste Mal beim Frauenfußball. "Ich bin überrascht, dass es so voll ist", sagt Benny.

Sonst gehen sie zum SV Babelsberg, dem Drittligisten, der ebenfalls im Karl-Liebknecht-Stadion spielt. Früher fuhren sie auch mal zur Hertha nach Berlin. Das war auf Dauer aber zu teuer, außerdem mögen sie das Olympiastadion nicht, wegen der Laufbahn. In Potsdam stehen Martin und Benny so nahe am Spielfeld, dass sie die Spielerinnen schnaufen hören.

Glauben sie an einen Frauenfußball-Boom? "Kein Boom, es wird eher ein schleichender Prozess sein", sagt Benny. Ein Freund von ihnen hatte die Turbine-Idee. Er schrieb eine Rundmail über Facebook. "Die ersten Antworten klangen noch skeptisch, es wurde gewitzelt", sagt Martin. Dann sind sie aber doch gegangen, wegen der WM. Das Turnier habe ein paar Kneipenklischees verändert. "Da waren sauspannende Spiele dabei", sagt Martin. Ihm fällt ein, wie die USA im Viertelfinale Brasilien schlugen.

Leserkommentare
  1. Ich sehe nicht wieso ein anstieg von 900 (!) leuten im vergleich zum vorjahr irgendein effekt seien sollen.
    Ernsthaft, wenn Fussball Spiele von Männern gleichzeitig mit denen laufen , gehen die meisten dahin und Fans von "SV Babelsberg" sind wohl nicht so ein hohes Niveu gewohnt, wenn sie zu Frauenfussball wechseln...

    Eine Leserempfehlung
    • sioux
    • 22. August 2011 21:33 Uhr

    Die Mädels spielen anders Fußball als Männer, aber es ist toll!

  2. "Lässt sich der Frauenfußball-Boom in die Bundesliga hinüberretten?"

    Die Frage müsste lauten:

    Lässt sich aus dem Frauenfußball eine profitable Nische des Sportgeschäfts machen!

  3. Über sportliche Leistungen?
    Die lassen sich verbessern, wenn die Frauen als Vollprofis arbeiten können.

    Über Zuschauer in den Stadien?
    Die sind für einen Boom vollkommen uninteressant! Sie kommen aber, wenn es einen Boom gibt.

    Über Marketing?
    Da könnte es anfangen. Bei gutem Marketing könnten die Frauen als Vollprofis arbeiten (s.o.). Die sportlichen Leistungen würden den Männern vergleichbarer. Die Medien würden aufmerksam und die Präsenz des Frauenfussballs würde steigen. Mehr Menschen interessieren sich und einige gehen auch in die Stadien. Die Sponsoren würden mehr bezahlen, weil die Konkurrenz unter ihnen wächst. Und wir wären wieder am Anfang der Schleife.

    Der Boom, die Massen und die Höchstleistung kommen erst mit der Medienpräsenz.

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    @akademischer Realist: "Worüber reden wir? Über sportliche Leistungen? Die lassen sich verbessern, wenn die Frauen als Vollprofis arbeiten können. Über Zuschauer in den Stadien? Die sind für einen Boom vollkommen uninteressant! Sie kommen aber, wenn es einen Boom gibt. [...] Der Boom, die Massen und die Höchstleistung kommen erst mit der Medienpräsenz."

    Mit der Medienpräsenz, insbesondere dem Fernsehen, kommt das große Geld und das ermöglicht die Professionalisierung im großen Stil. Aber ist denn Frauenfußball als eine reine Fernsehsportart vorstellbar, bei der man Spielstätten sieht mit 200 Zuschauern und der Fernsehzuschauer die Spielerinnen auf dem Platz reden hören kann? Das wiche doch ziemlich von dem ab, was der durchschnittliche Fußballkonsument gewohnt ist. Ich halte das für unmöglich. Ohne emotionsgeladene Stadionatmosphäre dürfte Frauenfußball auch kein großes Fersehereignis werden. Selbst wenn Frauenfußball künftig boomt im Sinne einer Volkssportart, ohne zahlende Zuschauer wird es trotzdem dann keine großartige Professionalisierung geben. Zugespitzt formuliert, selbst wenn alle Frauen und Mädchen künftig Fußball spielen, aber keine dieser Frauen ins Stadion geht, um anderen Frauen beim Spielen zuzusehen, wird keine dieser Frauen jemals vom Fußball leben können.

    • isd09
    • 23. August 2011 1:52 Uhr

    Ich will hier keine neuen wunden aufreißen und auch keine Kritik mehr äußern.

    Fakt ist das Japan eine Weltklasse Frauen-WM 2011 gespielt hat und wir nur Durchschittlich.

    Zuschauer-Boom im Durchschnitt bei den Frauen gibt es nicht sondern da zählt wirklich nur das abschneiden unter den ersten 3.wenn es demnach auch in Weltklasse Form gespielt wird.
    Die Medien geben keinen Durchschnitt die Saison-Präsenz wenn die Einschaltquoten gering sind.
    Das muss verbessert werden und vorallem Intressant gestaltet werden.
    Frauen haben es viel schwerer im bezahlten Fussball,das ist 1.Grund warum der Frauenfussball intressant ist.
    National gesehen übersteigt der Wert wenn es im eigenen Land ist,aufpassen das die Euphorie nicht gebremst wird bei der nächsten EM.

  4. @akademischer Realist: "Worüber reden wir? Über sportliche Leistungen? Die lassen sich verbessern, wenn die Frauen als Vollprofis arbeiten können. Über Zuschauer in den Stadien? Die sind für einen Boom vollkommen uninteressant! Sie kommen aber, wenn es einen Boom gibt. [...] Der Boom, die Massen und die Höchstleistung kommen erst mit der Medienpräsenz."

    Mit der Medienpräsenz, insbesondere dem Fernsehen, kommt das große Geld und das ermöglicht die Professionalisierung im großen Stil. Aber ist denn Frauenfußball als eine reine Fernsehsportart vorstellbar, bei der man Spielstätten sieht mit 200 Zuschauern und der Fernsehzuschauer die Spielerinnen auf dem Platz reden hören kann? Das wiche doch ziemlich von dem ab, was der durchschnittliche Fußballkonsument gewohnt ist. Ich halte das für unmöglich. Ohne emotionsgeladene Stadionatmosphäre dürfte Frauenfußball auch kein großes Fersehereignis werden. Selbst wenn Frauenfußball künftig boomt im Sinne einer Volkssportart, ohne zahlende Zuschauer wird es trotzdem dann keine großartige Professionalisierung geben. Zugespitzt formuliert, selbst wenn alle Frauen und Mädchen künftig Fußball spielen, aber keine dieser Frauen ins Stadion geht, um anderen Frauen beim Spielen zuzusehen, wird keine dieser Frauen jemals vom Fußball leben können.

  5. Im Radsport sowohl auf der Bahn, als auch auf der Straße wird die WM zusammen durchgeführt, es gibt da keine separate WM.

    In der Leichtathletik geht es, beim Fechten geht es, beim Schwimmen auch.

    Würden Fussball WM der Männer und Frauen zur selben Zeit und am selben Ort durchgeführt könnten alle davon profitieren und billiger wäre es allemal.

  6. Im Radsport sowohl auf der Bahn, als auch auf der Straße wird die WM zusammen durchgeführt, es gibt da keine separate WM.

    In der Leichtathletik geht es, beim Fechten geht es, beim Schwimmen auch.

    Würden Fussball WM der Männer und Frauen zur selben Zeit und am selben Ort durchgeführt könnten alle davon profitieren und billiger wäre es allemal.

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