Besitzverhältnisse bei ProfiteamsGeld schießt Tore, jetzt auch offiziell

Die 50+1-Regel war eine Illusion. Durch ihre Änderung werden Großinvestoren, die Fußballvereine übernehmen, zukünftig transparenter handeln. von 

Eine zerknüllte Dose des RB-Leipzig-Sponsors auf dem Rasen im Zentralstadion Leipzig

Eine zerknüllte Dose des RB-Leipzig-Sponsors auf dem Rasen im Zentralstadion Leipzig  |  © Jan Woitas, dpa

Es gibt eine Wahrheit, die viele Fußballfans nicht wahrhaben wollen: Geld schießt Tore . Martin Kind, Präsident, Geschäftsführer, Sponsor, kurz, der Alleinherrscher über Hannover 96, verbreitet diese Wahrheit seit Jahren. Er will mehr Geld , damit 96 auch mal einen Titel holt. Beliebter hat sich der Unternehmer mit diesem Ansinnen nicht gemacht.

Seit Dienstag kann Kind auf mehr Geld, mehr Tore hoffen. Seiner Klage wurde stattgegeben, die 50+1-Regel wurde aufgeweicht. Die Tür für Investoren, die die Mehrheit in einem Fußballclub anstreben, wurde mehr als nur ein Stück weit aufgestoßen. Fußballromantiker und Kommerzkritiker mögen nun aufschreien, doch die Entscheidung des Schiedsgerichtes sorgt für mehr Gerechtigkeit. Weil es keine Ausnahmen, dafür aber mehr Transparenz gibt.

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50-plus-1-Regel

Die 50-plus-1-Regel ist eine deutsche Besonderheit. Sie verhindert, dass ein Investor die Stimmenmehrheit an einem Fußballklub erhält. So soll die Macht von Kapitalgebern beschränkt und sportliche Ziele vor wirtschaftlichen geschützt werden.

DFB und DFL legen in ihren Satzungen fest, dass ein Verein nur eine Lizenz erhalten kann, wenn "50 Prozent zuzüglich mindestens eines weiteren Stimmanteils in der Versammlung der Anteilseigner" der "Mutterverein" behält.

Lex Leverkusen

Die Regel ließ bisher Ausnahmen zu, Kritikern zufolge ist das Wettbewerbsverzerrung. In der DFL-Satzung heißt es: "Über Ausnahmen in solchen Fällen, in denen ein Wirtschaftsunternehmen seit mehr als zwanzig Jahren vor 1999 den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat, entscheidet der Vorstand des Verbandes."
Derzeit profitieren zwei Bundesligavereine von dieser Ausnahmeregel: Bayer Leverkusen, eine hundertprozentige Tochter der Bayer AG, und der VfL Wolfsburg, eine hundertprozentige Tochter der Volkswagen AG.

Lockerung

Am Dienstag gab das Ständige Schiedsgericht einer Klage von Hannover 96 gegen die Stichtagsregelung statt und weichte damit die 50+1-Regel auf. Nun darf ein Investor die Mehrheit bei einem Bundesligaclub übernehmen, wenn er ihn mehr als 20 Jahre gefördert hat. Die zeitliche Einschränkung "vor dem 1.1.1999", die Lex Leverkusen also, fiel weg.

Umgehungen

Der TSG Hoffenheim wird vorgeworfen, sie umgehe die 50+1-Regel. Dietmar Hopp, der den Verein seit 1989 unterstützt, hält nahezu das komplette Vereinskapital, sein Stimmrecht ist auf dem Papier jedoch auf 49 Prozent beschränkt. Der Fünftligist RB Leipzig steht unter Beobachtung des DFB, seitdem dort im Sommer 2009 Red Bull eingestiegen ist.

Kultureller Hintergrund

Die 50+1-Regel gilt vielen Fußballfans und -romantikern als heilig, weil sie den deutschen Fußball vor zu viel fremdem und vor allem zu viel ökonomischem Einfluss schütze. Als warnendes Beispiel gilt England, dessen Klubfußball sich Globalisierung und Kommerzialisierung verschrieben hat. Populäre Vereine wie Manchester United, FC Liverpool, FC Chelsea, Aston Villa oder Manchester City sind in der Hand von russischen, amerikanischen, isländischen und inzwischen auch arabischen Milliardären.

Die Begleiterscheinungen sind an manchen Orten höhere Ticketpreise, Fan-Proteste, Entfremdung. Aber auch Erfolg in internationalen Wettbewerben. Nicht zuletzt dies ruft deutsche Kritiker der 50-plus-1-Regel auf den Plan.

Mag sein, dass die Änderung der 50+1-Regel Verhältnisse wie im englischen oder spanischen Fußball begünstigt. Aufzuhalten ist diese Entwicklung aber ohnehin nicht. In der Praxis war die 50+1-Regel eine Illusion. Auch in Deutschland gibt es längst Investoren, die dank ihres Geldes Fußballvereine lenken.

Bei Bayer Leverkusen und dem VfL Wolfsburg wurde das vom DFB geduldet. Bayer und VW gaben und geben Geld und bestimmen, was damit geschieht. Der Werksclub darf seinen Geldgeber sogar im Namen tragen.

Die Illusion der 50+1-Regel verdeutlicht am offensichtlichsten der Retortenverein 1899 Hoffenheim. Offiziell hält der Großinvestor Dietmar Hopp dort nicht die Mehrheit am Fußballverein. Offiziell hat nur der Fußballclub die Entscheidungshoheit über die Personalien. Offiziell.

Inoffiziell weiß jeder, der sich mit dem Verein beschäftigt, dass Hopp das Sagen hat: Stadionneubau, Struktur der Jugendabteilung, vielleicht sogar die Schallattacke : Der Geldgeber fällt alle wichtigen Entscheidungen. In der vorigen Spielzeit soll er dafür gesorgt haben, dass der Trainer Ralf Rangnick entlassen und der Spieler Luis Gustavo verkauft wurde.

Ein weiteres Beispiel ist RB Leipzig . Formal kann man dem Verein, der von Dietrich Mateschitz erfunden wurde, nichts vorwerfen. Doch schon der Blick auf die Vereinswebsite zeigt, dass ein Brausehersteller hinter dem Club steht, der mehr als die PR-Arbeit koordiniert.

Martin Kind hat die gleichen Ziele wie Dietmar Hopp oder Dietrich Mateschitz. Sein Verein soll reicher werden, damit er erfolgreicher Fußball spielt. Anders als Hopp und Mateschitz wollte sich Kind jedoch nicht eines seltsamen Konstrukts behelfen, sondern auf legalem Weg seinen Verein unterstützen. Er hat Erfolg gehabt und für alle eine fairere Lösung erstritten.

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Leserkommentare
  1. Spielzeug von sehr reichen Männern, die, wenn sie die Lust daran verloren haben, sich ganz schnell zurück ziehen. Kennt irgendwer noch den VfR Oli Bürstadt - oder Bayer 05 Uerdingen? Beide sind heute in den Niederungen der Unterklassigkeit verschwunden. Und dabei war Uerdingen einmal DFB-Pokalsieger und Europapokal-Teilnehmer...

    • SmoeJoe
    • 31. August 2011 19:30 Uhr

    für mich keine Bundesliga zu gucken, denn die Tabellenplätze werden nur durch den Reichtum der Sponsoren begründet. Das hat mit dem Dazugehörigkeitsgefühl des einfachen Bürges zur Mannschaft nichts mehr zu tun. Schade eigentlich..

    Von daher sind mir WM und EM deutlich lieber, denn da kann man sich nicht einfach die Besten der Welt zusammenkaufen, sondern da kommt die Manschaft aus den eigenen Reihen - womit man sich deutlich besser identifizieren kann!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    schauen wir mal auf die vorherige bundesligasaison, gerade das beispiel hannover zeigt, dass es eben nicht nur das geld ist, das die tore schiesst. eine mannschaft aus bei "größeren" vereinen auf der ersatzbank platzierten und der günstig eingekauften wurde vom trainer, den alle für den ersten rausgeworfenen des jahres hielten auf platz vier geführt. da hat keiner teures geld gekostet.
    also: ein grund weiterhin bundesliga zu schauen.
    schon weil ich 96-fan bin.

    Die letzten Jahre haben genau das Gegenteil bewiesen (in der Bundesliga) gerade dort ist Geld = besserer Tabellenplatz eben nicht der Fall, zum Glück!

    Die "Einbürgerung" verschiedenen Spieler in Nationalmannschaften ist leider auch meist eine Geldfrage - nicht oft, aber passiert auch genug.

    Da ein Investor mind. 20 Jahre aktiv sein muss, wird hoffentlich nicht das gleiche wie in England passieren. Warum das hier in Deutschland passieren muss ist äußerst fragwürdig. Leverkusen ist da nur ein schlechtes Beispiel.

    Die Büchse der Pandora ist leider schon vor ein paar Jahren geöffnet worden - hoffen wir das es zumindest nicht völlig aus dem Ruder läuft.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Argumente, die einer Diskussion zum Artikelthema nicht dienlich sind. Danke. Die Redaktion/vn

  2. Ich finde das Thema ist ein schwierigens, wurder aber von der DFL gut gelöst. Weil es in dem Artikel nicht steht: Investoren dürfen einsteigen, wenn sie den Verein zuvor mindestens 20Jahre unterstützt haben.
    Im Prinzip Nichts Schlechtes, allerdings kann Geld alleine dann doch keine Tore schießen und genau darin liegt das Problem. Chealsea FC hat z.b. unt Mourinho Unsummen für relativ unbekannte Spieler ausgegeben, allerdings hat sich sehr schnell gezeigt, dass sie jeden Cent Wert waren(Freizeitkicker wie die Herren Dorgba,Robben und Essien). Allerdings macht ohne Sinn und Verstand investiertes Geld den Fußball kaputt. Beispiele dafür gibt es genug: der VFL unter Hoeneß, Paris SG oder der einst so sympatische blaue Club aus Manchester dessen Namen ich als Fan von Arsenal London nicht ausprechen will.
    Darin liegt die Brisanz der Sache. Vielleicht kann die UEFA Financial-Fair Play Regelung helfen diesen Negativbeispielen entgegenzuwirken.

    Grüße aus Rostock.

  3. schauen wir mal auf die vorherige bundesligasaison, gerade das beispiel hannover zeigt, dass es eben nicht nur das geld ist, das die tore schiesst. eine mannschaft aus bei "größeren" vereinen auf der ersatzbank platzierten und der günstig eingekauften wurde vom trainer, den alle für den ersten rausgeworfenen des jahres hielten auf platz vier geführt. da hat keiner teures geld gekostet.
    also: ein grund weiterhin bundesliga zu schauen.
    schon weil ich 96-fan bin.

    Antwort auf "Ein Grund mehr..."
  4. 5. zu 2.

    Die letzten Jahre haben genau das Gegenteil bewiesen (in der Bundesliga) gerade dort ist Geld = besserer Tabellenplatz eben nicht der Fall, zum Glück!

    Die "Einbürgerung" verschiedenen Spieler in Nationalmannschaften ist leider auch meist eine Geldfrage - nicht oft, aber passiert auch genug.

    Da ein Investor mind. 20 Jahre aktiv sein muss, wird hoffentlich nicht das gleiche wie in England passieren. Warum das hier in Deutschland passieren muss ist äußerst fragwürdig. Leverkusen ist da nur ein schlechtes Beispiel.

    Die Büchse der Pandora ist leider schon vor ein paar Jahren geöffnet worden - hoffen wir das es zumindest nicht völlig aus dem Ruder läuft.

    Antwort auf "Ein Grund mehr..."
  5. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Argumente, die einer Diskussion zum Artikelthema nicht dienlich sind. Danke. Die Redaktion/vn

    Antwort auf "Ein Grund mehr..."
  6. Was macht den Fussball aus???? Faszination!!! Spieler die ein System beherrschen, Fitness und Beweglichkeit mit dem Ball. Jeder Verein der Fussball wissenschaftlich betreibt landet zwangsläufig auf dem Bauch - es sei denn man formt einen synthetischen Ball der alle Variationen ausführt die man vorgibt. Langeweile pur. Die Unberechenbarkeit des Spiels das man nicht planen kann ist der eigentliche Reiz. Großvereine wie die Bayern verbrennen viel zu viel Geld um dort hinzukommen. Sie brennen aus und begleichen jede sportliche Rechnung mit wertvollem Bares - was anderswo dringender gebraucht wird. Wenn erwachsene Schnösel wie Effenberg, Basler oder Matthäus visionieren dann steht der Brechtopf nahe am Geschehen!!!!

    • hirmer
    • 04. Mai 2012 8:22 Uhr

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/vn

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Dietmar Hopp | Martin Kind | Bayer AG | Bundesliga | DFB | Dietrich Mateschitz
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