Martin Kind"Hannover wird von der Änderung der 50+1-Regel profitieren"

Martin Kind hat erstritten, dass Investoren Fußballvereine übernehmen dürfen. Im Interview erklärt Hannovers Präsident, was sein Erfolg für die Liga bedeuten könnte. von 

Martin Kind, Präsident von Hannover 96

Martin Kind, Präsident von Hannover 96  |  © Peter Steffen/picture alliance/dpa

ZEIT ONLINE: Herr Kind, Sie haben seit fünf Jahren für eine Änderung der 50+1-Regelung gekämpft. Haben Sie Ihr Ziel nun erreicht?

Martin Kind: Ja, davon bin ich überzeugt. Wir haben nunmehr die notwendige Rechts- und Planungssicherheit für alle deutschen Fußballvereine und für unsere zukünftige Arbeit bei Hannover 96.

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ZEIT ONLINE: Die DFL hat nach dem Urteil des Schiedsgerichtes eine Pressemitteilung veröffentlicht. Die Klarheit, die Sie ansprechen, kann man da nicht rauslesen.

Kind: Hier widerspreche ich. Das Rechtsurteil ist eindeutig.

50-plus-1-Regel

Die 50-plus-1-Regel ist eine deutsche Besonderheit. Sie verhindert, dass ein Investor die Stimmenmehrheit an einem Fußballklub erhält. So soll die Macht von Kapitalgebern beschränkt und sportliche Ziele vor wirtschaftlichen geschützt werden.

DFB und DFL legen in ihren Satzungen fest, dass ein Verein nur eine Lizenz erhalten kann, wenn "50 Prozent zuzüglich mindestens eines weiteren Stimmanteils in der Versammlung der Anteilseigner" der "Mutterverein" behält.

Lex Leverkusen

Die Regel ließ bisher Ausnahmen zu, Kritikern zufolge ist das Wettbewerbsverzerrung. In der DFL-Satzung heißt es: "Über Ausnahmen in solchen Fällen, in denen ein Wirtschaftsunternehmen seit mehr als zwanzig Jahren vor 1999 den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat, entscheidet der Vorstand des Verbandes."
Derzeit profitieren zwei Bundesligavereine von dieser Ausnahmeregel: Bayer Leverkusen, eine hundertprozentige Tochter der Bayer AG, und der VfL Wolfsburg, eine hundertprozentige Tochter der Volkswagen AG.

Lockerung

Am Dienstag gab das Ständige Schiedsgericht einer Klage von Hannover 96 gegen die Stichtagsregelung statt und weichte damit die 50+1-Regel auf. Nun darf ein Investor die Mehrheit bei einem Bundesligaclub übernehmen, wenn er ihn mehr als 20 Jahre gefördert hat. Die zeitliche Einschränkung "vor dem 1.1.1999", die Lex Leverkusen also, fiel weg.

Umgehungen

Der TSG Hoffenheim wird vorgeworfen, sie umgehe die 50+1-Regel. Dietmar Hopp, der den Verein seit 1989 unterstützt, hält nahezu das komplette Vereinskapital, sein Stimmrecht ist auf dem Papier jedoch auf 49 Prozent beschränkt. Der Fünftligist RB Leipzig steht unter Beobachtung des DFB, seitdem dort im Sommer 2009 Red Bull eingestiegen ist.

Kultureller Hintergrund

Die 50+1-Regel gilt vielen Fußballfans und -romantikern als heilig, weil sie den deutschen Fußball vor zu viel fremdem und vor allem zu viel ökonomischem Einfluss schütze. Als warnendes Beispiel gilt England, dessen Klubfußball sich Globalisierung und Kommerzialisierung verschrieben hat. Populäre Vereine wie Manchester United, FC Liverpool, FC Chelsea, Aston Villa oder Manchester City sind in der Hand von russischen, amerikanischen, isländischen und inzwischen auch arabischen Milliardären.

Die Begleiterscheinungen sind an manchen Orten höhere Ticketpreise, Fan-Proteste, Entfremdung. Aber auch Erfolg in internationalen Wettbewerben. Nicht zuletzt dies ruft deutsche Kritiker der 50-plus-1-Regel auf den Plan.

ZEIT ONLINE: Die 50+1-Regelung besagte bisher, dass ein Investor nicht die Mehrheit eines Fußballclubs übernehmen darf. Das ändert sich nun?

Kind: Ja, wenn der Investor sich zuvor 20 Jahre in einem Fußballverein wirtschaftlich engagiert hat, kann er die Mehrheit übernehmen.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für Sie in Hannover? Sie sind Geschäftsführer des Vereins und mit Ihrem Unternehmen auch Investor – bereits seit 20 Jahren?

Kind: Nein, erst seit 1997.

ZEIT ONLINE: Sie müssen also noch sechs Jahre warten, bis Sie als Sponsor zum Beispiel offiziell entscheiden können, welche Personen im Verein welche Positionen besetzen?

Kind: Nach 20 Jahren hat der Hauptaktionär die volle Entscheidungskompetenz, personell und wirtschaftlich.

ZEIT ONLINE: Was machen Sie in den nächsten sechs Jahren?

Kind: Wir werden Gespräche führen. Es gibt vermögende Bürger in der Region Hannover, die sich für die Stadt und den Fußballverein verantwortlich fühlen. Bisher war es so, dass diese Personen durch die Rechtslage darin gehindert waren, sich für Hannover 96 einzusetzen. Jetzt hat sich das geändert. Hannover 96 wird von der Änderung der 50+1-Regel profitieren.

ZEIT ONLINE: Neben den Personalentscheidungen: Welche wesentlichen Entscheidungen darf ein Investor zukünftig bei einem Verein wie Hannover 96 treffen?

Kind: Erstens: Der Eigentümer bestimmt den Geschäftsführer des Fußballunternehmens. Zweitens: Er genehmigt den Etat. Drittens: Er trifft Investitionsentscheidungen.

ZEIT ONLINE: Können Sie das konkretisieren, was sind Investitionsentscheidungen für einen Fußballverein?

Kind: Der Eigentümer kann beispielsweise festlegen, dass ein Verein mindestens fünf Spieler verpflichten soll, die nicht teurer als sechs Millionen Euro sind.

ZEIT ONLINE: Das ist ein positives Beispiel. Es kann auch sein, dass ein Verein sich durch zu hohe Spieler-Ausgaben verschuldet. Solche Beispiele gibt es in England oder Spanien, wo es keine 50+1-Regel gibt.

Kind: Wir werden in Deutschland in den nächsten Jahren sicher keine kritischen Verhältnisse bekommen.

Leserkommentare
  1. Sie ist, wenn man es genauer betrachtet, ein Papiertiger. Wie es einige Vereine schon bewiesen haben. Hoffenheim; Leverkusen; Wolfsburg, um nur einige zu nennen. Zum Glück ist es bisher noch nicht dazu gekommen, das sich ein Verein wirtschaftlich dermaßen ins Abseite manöwriert hat, das es zum Schwur kommen mußte, die Mitglieder oder der Investor. Hier liegt ein nicht zu unterschätzendes Konfliktpotential für die Vereine, egal wie sie heißen, egal wer sie am Leben hält. Hier gilt der Spruch : Sport ist die schönste Nebensache der Welt, schon längst nicht mehr!!!

  2. 2. ahja..

    ... und was hat die finanzkräftigen Fans bisher davon abgehalten den Verein zu unterstützen? Das Mitspracherecht?
    Die Abhängigkeit von 1-2 Unterstützern sehe ich sehr kritisch. Was passiert mit WOB wenn VW rote Zahlen schreibt? Was mit Hoffenheim wenn das Geld von Herrn Hopp nicht mehr zur Verfügung steht.

    Es steht zu befürchten das ursprünglich gut gemeinte Investitionen zum Niedergang von einigen Vereinen führen.
    Wir werden sehen was passiert.

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    ...Sie nach Uerdingen.

    • Tryandc
    • 31. August 2011 11:11 Uhr

    habe doch nur davon profitiert dass es in England die 50+1 Regel nicht gibt. Vorher (vor Mr Abramovitch) war Chelsea ein Verein wie Schalke. Nur Schulden aber kein Erfolg.
    Man City wird davon profitieren dass ein Scheich sein Geld nur so herumwirft. Und ManU hat es nicht geschadet dass es den Amerikanern gehoert. Ich hoere immer das Argument "ja wenn der Besitzer dann keine Lust mehr hat" dann wuerde der Verein den Bach runtergehen. Na, das kann schon sein. Aber meist ist es doch so dass die gern ihr Investment wieder haben wollen und gezwungen sind den Verein dementsprechend zu fuehren. D50+1 hat viele Vereine hier aber auch nicht davor gewahrt Schulden zu machen und falsch zu wirtschaften (Schalke, Dortmund und Stuttgart war da auch schon).

    Ich haette nichts dagegen wenn ein reicher Russe den VFB kauft und wir dann mal die Champions Leauge gewinnen. Wenn er keine Lust mehr hat...Ja...dann spielen wir halt dann wieder da wo wir die meiste Zeit spielen. Zwischen dem 3ten und 15ten Platz in the Bundesliga. Und gewinnen mit Glueck alle 15 Jahre eine Meisterschaft.

    Noch etwas...50+1 ist nicht dafuer verantwortlich dass in Deutschland beim Fussball Gehaelter rechtzeitig gezahlt werden im Vergleich zu Italien oder Spanien. Was dafuer verantwortlich ist die entsprechende Fuehrung des Vereins. Die sind in Deutschland eben gut. Aber das ist nicht nur im Fussball sondern in der ganzen Wirtschaft so.

    Eine Leserempfehlung
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    • Rhuo
    • 31. August 2011 11:44 Uhr

    "Ich haette nichts dagegen wenn ein reicher Russe den VFB kauft und wir dann mal die Champions Leauge gewinnen. Wenn er keine Lust mehr hat...Ja...dann spielen wir halt dann wieder da wo wir die meiste Zeit spielen. Zwischen dem 3ten und 15ten Platz in the Bundesliga. Und gewinnen mit Glueck alle 15 Jahre eine Meisterschaft."

    Chelsea hat mit Abramowitsch als Investor lediglich einmal das Finale der CL erreicht. Ich hingegen will für meinen VFB nicht den Erfolg um jeden Preis. Einen orts- und fußballfremden Besitzer könnte ich nicht ertragen.

    Würde aber Mercedes den VFB übernehmen, so könnte ich damit leben.

    gerade bei Manchester United ist aber doch das Problem, dass die Glazers die Rückzahlung des Kredits, den sie zum Kauf des Vereins aufgenommen haben, dem Verein aufgebürdet haben. Dadurch wurde aus dem reichsten ein hochverschuldeter Club. Sicherlich spielt die Mannschaft immer noch hervorragenden und erfolgreichen Fussball, aber die Übernahme durch die Glazers hat den Verein massiv geschadet.

    • tempo20
    • 31. August 2011 11:35 Uhr

    Falls Investoren die Vereine übernehemen sollten, wird sicherlich mancher Verein von der Bildfläche verschwinden. Natürlich erst dann wenn sich der Investor verabschiedet. Die nötigen Fans wird es wohl nicht mehr geben um den Verein aufzufangen. In der Zukunft könnte es dazu kommen das es keine Fußballvereine mehr gibt sondern Fussball-GmbHs.

    • Rhuo
    • 31. August 2011 11:44 Uhr

    "Ich haette nichts dagegen wenn ein reicher Russe den VFB kauft und wir dann mal die Champions Leauge gewinnen. Wenn er keine Lust mehr hat...Ja...dann spielen wir halt dann wieder da wo wir die meiste Zeit spielen. Zwischen dem 3ten und 15ten Platz in the Bundesliga. Und gewinnen mit Glueck alle 15 Jahre eine Meisterschaft."

    Chelsea hat mit Abramowitsch als Investor lediglich einmal das Finale der CL erreicht. Ich hingegen will für meinen VFB nicht den Erfolg um jeden Preis. Einen orts- und fußballfremden Besitzer könnte ich nicht ertragen.

    Würde aber Mercedes den VFB übernehmen, so könnte ich damit leben.

    Antwort auf "Chelsea Fans"
  3. gerade bei Manchester United ist aber doch das Problem, dass die Glazers die Rückzahlung des Kredits, den sie zum Kauf des Vereins aufgenommen haben, dem Verein aufgebürdet haben. Dadurch wurde aus dem reichsten ein hochverschuldeter Club. Sicherlich spielt die Mannschaft immer noch hervorragenden und erfolgreichen Fussball, aber die Übernahme durch die Glazers hat den Verein massiv geschadet.

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    • Tryandc
    • 31. August 2011 11:56 Uhr

    Inwiefern hat es dem Verein geschadet? Bitte begruenden Sie das doch einmal. Wer hat den Schaden genommen? 4 mal die Premier League gewonnen und 1 mal Champions League seit den Glazers. Und gekauft hat man den verein fuer £800m jetzt ist er 1.3 milliarden wert. Also verstehe ich nicht wenn man soche Saetze sagt ohne sie zu belegen.

    • Tryandc
    • 31. August 2011 11:56 Uhr

    Inwiefern hat es dem Verein geschadet? Bitte begruenden Sie das doch einmal. Wer hat den Schaden genommen? 4 mal die Premier League gewonnen und 1 mal Champions League seit den Glazers. Und gekauft hat man den verein fuer £800m jetzt ist er 1.3 milliarden wert. Also verstehe ich nicht wenn man soche Saetze sagt ohne sie zu belegen.

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    Und vor der Übernahme der Glazer Familie war ManU nciht erfolgreich?
    ManU war vor der Übernahme einer der reichsten Clubs der Welt. Jetzt sind die hochverschuldet. Also nenen Sie mir mal bitte auch nur ein Argument warum die Glazers gut für ManU sind??

    • Tryandc
    • 31. August 2011 12:00 Uhr

    gewonnen ist auch nicht schlcht wenn man vorher 50 Jahre lang nichts gewonnen hat, oder nicht?
    Die Fans haben nur profitiert. Dass es ihn 1 Milliarde gekostet hat ist doch kein Problem fuer die Fans. Es ist doch sein Geld. Dafuer haben wir richtig Spass gehabt.

    " Einen orts- und fußballfremden Besitzer könnte ich nicht ertragen.". Ahh ...und Daimler gehoert wohl auch den Ortsbesitzern? Schon lange nicht mehr. kommt dann auch auf das gleiche heraus.

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  • Schlagworte Martin Kind | Bundesliga | DFB | Fußball | FC Bayern München | Hannover 96
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