Doping in der BRD : Bloß nicht gegen die DDR verlieren!

Medaillen gefordert, Doping gefördert. Auch in der Bundesrepublik wurde mit staatlicher Hilfe gedopt. Vermutlich mit Rückhalt aus der Politik.
Das 200 Meter-Finale der Männer bei den Olympischen Spielen 1972 in München © Tony Duffy/Getty Images

Ein Leichtathlet gesteht: "Ich habe mir zweimal ’ne Spritze auf Druck vom Bundestrainer geben lassen." Mit einem Dopingmittel. "Ich habe dann gesagt, ich brauche den Scheiß nicht, ich hör da auf, ich mache das nicht." Doch der Bundestrainer forderte ihn auf: "Die nehmen hier alle, komm! Du hast keine Chance." Es ist ein Dialog zwischen einem Trainer und einem Athleten aus der Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung.

Die Annahme, dass Athleten aus der DDR ihre letzten Reserven aus Dopingmitteln bezogen und die aus der Bundesrepublik aus ihrem freien Geist, ist schon lange widerlegt. Doch es herrscht nach wie vor ein Ungleichgewicht im Wissensstand. Wie in der DDR gedopt wurde, das hat die Staatssicherheit in endlosen Akten dokumentiert. Das Doping der Bundesrepublik dagegen muss noch weiter erforscht werden. Zwei Gruppen von Wissenschaftlern, eine von der Berliner Humboldt-Universität und eine von der Universität Münster, haben dazu einen Auftrag vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft bekommen. Am Montag haben sie im Bundesverwaltungsamt in Berlin ihren zweiten Zwischenbericht vorgestellt – und einige zentrale Thesen.

Die "schrittweise Abkehr von der Idee des autonomen, ehrenamtlich geführten Sports", sieht der Münsteraner Sporthistoriker Michael Krüger in der Bundesrepublik der Siebzigerjahre. "Der Leistungssport ist faktisch zu einem Staatssport geworden." Der Hintergrund dafür ist, dass die Bundesrepublik den sportlichen Wettkampf mit der DDR nicht kampflos verlieren wollte. Gerade nicht bei den Olympischen Spielen 1972 in München, die der Welt ein offenes, kreatives und leistungsstarkes Bild von der Bundesrepublik vermitteln sollten.

Der Staat finanzierte den Spitzensport und erwartete im Gegenzug Medaillen. Auch um den Preis des Dopings. "Die Bundesregierung machte die Förderung auch von der Aufnahme von Anti-Doping-Regeln abhängig. In der Praxis spielte dieses Kriterium jedoch kaum eine Rolle", sagte Krüger. Für den Sport zuständig war damals Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher. Eine direkte Handlungsanleitung aus der Politik zum Dopen lasse sich jedoch nicht nachweisen, sagte Krüger: "Wir haben keine Aussage eines Politikers gefunden, die die Sportverbände auffordert: Pumpt unsere Athleten mit Dopingmitteln voll."

Krügers Berliner Kollege Giselher Spitzer bewertete das Doping im Westen daher auch nicht als systematisch wie in der DDR, sondern als "systemisch": "Wegen des vermuteten Rückhalts aus der Politik. Es gab kein Signal aus der Politik: Macht es anders als die anderen."

Beteiligt an diesem Doping war jedoch auch eine staatlich finanzierte Institution: das Bundesinstitut für Sportwissenschaft. Es vergab Forschungsaufträge, die sich mit dem Einsatz von Anabolika zur Leistungssteigerung im Sport befassten. Das Institut untersteht dem Bundesinnenministerium. Das Dopen von Frauen und Minderjährigen sei in der Forschung bewusst ausgespart geblieben. In der DDR war die Vergabe von männlichen Sexualhormonen an minderjährige Athletinnen auf staatliche Anordnung erfolgt. Die Schamgrenze für die Dopingvergabe lag hier bei der ersten Monatsblutung. Doch was in der Forschung im Westen nicht passierte, das geschah in der Praxis: "Unsere Interviews zeigen, dass das Verbot der Anabolika-Anwendung bei Frauen und Minderjährigen vor Ort unterlaufen wurde", sagte Spitzer. Hier sieht er dringenden Forschungsbedarf.

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Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

zweierlei Maß

Die Wortklauberei, ob Doping im Osten systematisch, im Westen aber systemisch betrieben wurde, sagt viel über die grassierende Bigotterie in der bewertung der teilungszeit in der deutschen Geschichte aus.
Im Ergebnis waren aber alle Spitzenathleten gedopt, egal ob Ost oder West.
Das ist wie mit der Bewertung der deutschen Geheimdienste. Die Staatssicherheit war in allen ihren gliedern die Inkarnation des Bösen und der Diktatur, der Nazi-durchseuchte BND hingegen ein Verteidiger deutscher Demokratie und Freiheit.
Diese holzschnittartige Minderbewertung aller Dinge aus dem Osten Deutschlands, bis hin zu Kindergartenbetreuung, Schulsystem, Gleichberechtigung der Frau und Polikliniken, zieht sich leider wie ein roter Faden durch die Diskussionen der letzten 21 Jahre.
Ich bin ja gespannt, wann sich dieser Unfug erledigt haben wird. Vermutlich hilft da nur eine vergleichbare Transparenz bei der Erforschung der alten BRD-Geschichte wie bei der DDR-Geschichte, damit wir endlich erkennen wie ähnlich wir einander immer waren.

Meinungen wie diese...

werden heute häufig geäußert.

Man merkt aber, das sie meist von Menschen kommen, die nie im alten Westen gelebt haben.
Das heutige Deutschland entspricht da viel eher dem, was hier ehemalige Ostbürger mit dem alten Westen gleichsetzen.

Dabei wird verkannt, wie sehr die deutsche Einheit letztlich das Land verändert hat und meiner Meinung nicht zum Guten.
Ich habe den Mitbürgern im Osten die Einheit gegönnt, begeistert war ich nicht darüber, hier im tiefen Westen am Rhein war fast niemand begeistert, außer den Karieristen. Eben weil damit genau damit jene Verhältnisse und Kräfte, die zur Reform anstanden, diesen ausweichen konnten.
Wenn sie also den alten Westen nur durch die Brille der Vereinigung kennen, erkennen sie nur das Spiegelbild des alten Ostens, dessen hässliche Seiten vor der Einheit niemals so stark in der westlichen Gesellschaft eingedrungen waren.
Wenn es auch keine realistische Option war, so halte ich den Anschluss der Ostländer mit anschließender Restauration doch für den größten politischen Fehler seit dem 2. Weltkrieg und denke das der deutsche Anteil an der Finanzkrise ohne diesen Anschluss (auch ohne Kohlsche Transfers) niemals dieses Ausmass hätte Annehmen können.

H.

Der Artikel überreibt reichlich,

denn es gibt nach wie vor keinen Beweis dafür, dass westdeutsche Sportler mit staatlicher Unterstützung gedopt haben. Im Gegensatz zu DDR fehlen auch die zahlreichen Dopingopfer, die als Nachweis dienen könnten. Dass Dopingforschung betrieben wurde, wie das eigentlich weltweit der Fall war, ist kein Beleg für staatlich unterstütztes Doping. Zudem ist es ein sehr großer Unterschied, strafrechtlich und moralisch, ob Menschen zum Doping gezwungen wurden, oder die Medikamente sogar ohne eigenes Wissen bekamen (beides DDR),oder ob sie das möglicherweise freiwillig taten.

Die staatliche Förderung des Leistungssportes in Westdeutschland automatisch mit staatlichem Doping gleichzusetzen, obwohl man selber zugeben muss, dass es dafür keine belege gibt, ist unseriös und unwissenschaftlich.

Die Unterschiede zwischen der DDR und der BRD waren sehr groß, den die DDR war ein totalitärer Unrechtstaat, eine Diktatur, die ihre Bürger einsperrte, und mithilfe einer staatlichen Geheimpolizei (MfS) systematisch ausspionierte und unterdrückte.

Kopfschütteln....

Es ist immer wieder dasselbe, wenn Fakten ausd er Vergangenheit offiziell werden. Sie werden benutzt um Geschichte umzuschreiben.
Als Schüler in den 70ziger Jahren sind wir zumindest an meiner Schule selbstverständlich davon ausgegangen, das auch im Westen gedopt wurde. Man musste sich so manche Athleten nur ansehen, um die Wahrheit zu ahnen.
Das wurde zwar nicht gefördert und systematisch betrieben, wie in der DDR, aber es wurden auch die Augen zugedrückt, solange nichts beweiskräftig wurde.

Wer daraus ableitet, das dies doch das Selbe wie in der DDR gewesen wäre, hat bis heute nichts verstanden.
Der moralische Unterschied ist geradezu gewaltig!
Blieb es im Westen eine Entscheidung des Einzelnen, war es im Osten staatlich organisiert.
War es im Westen eine Reaktion, um hochgeputschten Propagandaerfolgen entgegenzuwirken, war es im Osten genau mit diesem Ziel begonnen worden.

Die Spitzfindigkeit der Ausdrücke "systematisch" zu "systemisch" werden dem nicht gerecht.
Wenn es um den Nationalsozialismus geht ist jede Realativierung von Übel, warum bei den Ostdiktaturen anders verfahren wird kann sich jeder selbst denken.

H.

Dann schütteln Sie mal

Es ist wirklichkeitsfremd, sich hinzustellen und zu sagen, es sei ein Unterschied zwischen 1. die Oberen haben was angeordnet und 2. die Unteren haben etwas gemacht, und die Oberen haben weggeschaut.
Denn:
1. Doping war schon damals international verboten, und damit hatte man es als "Oberer" nicht nur nicht anzuweisen, sondern angemessene Maßnahmen zu ergreifen, um es zu unterbinden. Und dies wäre durch regelmäßige, nicht angekündigte Doping-Tests auch damals schon möglich gewesen.
2. Wer hat denn schon einmal in einer Hierarchie erlebt, dass untere Chargen etwas tun, was die "Oberen" tatsächlich (und nicht nur in Worten) absolut nicht wollen und wovon sie zumindest etwas ahnen.

Ihr Weltbild stimmt mich traurig...

denn es entspricht dem Zynismus alles nur im Lichte materialistischen Opportunismusses zu sehen, der wie ein Leichentuch über diesem Lande hängt.
Das kann ich Ihnen weder nehmen, noch meine Meinung beweisen.
Denn wenn Sie die Differenziertheit solcher Unterschiede nie erlebt und erfasst haben, können sie es gar nicht begreifen.
Das ist sehr bedauerlich, weil Ihnen viel entgangen ist.

H.

Machen Sie sich keine Sorgen um mich,

ich komme schon klar. Auch verstehe ich nicht, was eigentlich der Sinn der Phrase "Differnziertheit solcher Unterschiede" ist. Mein Weltbild ist viel einfacher gestrickt. Ich mache keinen Unterschied zwischen Unrecht anweisen und Unrecht wissentlich tollerieren, das gilt für mich weit über die vergleichsweise bedeutungslose Frage der Wertung der Doping-Praktiken in der ehemaligen DDR und der BRD hinaus. Wenn ein Staat z.B. Gesetze erlässt, durch die dem Wortlaut nach Gerechtigkeit und auch Stabilität des Systems garantiert werden, dann aber zulässt, dass diese sytematisch umgangen werden und Unrecht praktiziert wird, entzieht er sich selbst die Existenzgrundlagen. Und genau das passiert in der heutigen Bundesrepublik an allen Ecken und Enden. Und es wäre hilfreiche, darüber zu diskutieren und nicht darüber, wie man den Umgang mit Doping in der BRD vor 30 oder 40 Jahren entschuldigen kann und den in der DDR verteufeln.

Das sit eine Frage des Themas...

und das war der Umgang mit doping vor 30 oder 40 Jahren.

"Mein Weltbild ist viel einfacher gestrickt..." genau das meinte ich, es sit viel zu einfach gestrickt, wenn sie eine Chance haben wollen gegen die heutige Amoralität vorzugehen.

Diese Art der Prinzipienreiterer hat uns erst dahingebracht, wo die Bundesrepublik heute ist.

Es ist nicht immer klug und machmal sogar moralisch falsch sich an Fakten wie den westliche Dopingfällen nach Aktenlage zu nähern.
Formales Recht ist sehr begrenzt, deshalb hatten wir ja ein Richterrecht und kein amerikanisches Präzedenzfallrecht.
Damit nicht die Form sondern die gesamte Sachlage gewürdigt werden kann.
Das wurde zuerst im Strafrecht zugunsten der Angeklagten aufgeweicht, in dem man die mildernden Umstände über die Tat wertete, und führte konsequenerweise als Reaktion auf als mangelhaft enpfunden Bestrafung zu einer Überbetonung formaler Anforderungen.
Am eklatansten zeigte sich das am berühmten Folterurteil Daschners, dem größten Justizversagen nach dem Krieg.
rein formal war das Folterurteil nicht zu beantstanden, aber inhaltlich ist das Verbot der folterandrohung ein Schutzgesetz zur Vermeidung ungerechtfertigter, weil erpresster, Selbstbezichtigung.
Im Daschnerfall bestand aber nicht mal die Möglichkeit einer solchen Erpressung, was im Grunde genommen bedeutet, das das Recht gebeugt wurde, weil man die äußere form den vorzug vor dem Inhalt gab.

Letztlich sind das Türöffner für genau jene Zustände die sie letztlich bemängeln.

H.