ZEIT ONLINE: Herr Nawrath, Sie haben eine Studie zum Thema Burn-out bei Fußballtrainern veröffentlicht. Was haben Sie herausgefunden?

Christian Nawrath: Ein Ergebnis ist, dass bei Trainern Symptome unabhängig von ihrem Erfolg oder Misserfolg auftreten können, die unter Burn-out subsumiert werden können. Im Misserfolgsfall stehen Trainer vor allem wegen der Angst vor dem Arbeitsplatzverlust unter Druck. Im Erfolgsfall ist diese Angst zwar nicht da, dafür steigen die Erwartungen vom Umfeld und den Medien. Aber auch die eigenen Erwartungen.

ZEIT ONLINE: Für ihre Studie haben Sie mittels Interviews und Fragebogen über fünfzig Trainer aus den höchsten drei deutschen Ligen befragt. Wie viele waren Burn-out-gefährdet?

Nawrath: Rund 10 Prozent der damals befragten Trainer in der Fragebogenstudie fühlten sich aktuell ausgebrannt. Das ist nicht sehr viel. Aber: Zwei Drittel der Trainer sagten, dass sie sich in der Vergangenheit schon einmal ausgebrannt gefühlt haben. Das ist viel. Aber vielleicht auch ein Hinweis darauf, dass man keine akute Schwäche zugeben will und kann.

ZEIT ONLINE: Weil das bedeuten könnte, in Zukunft nicht mehr als Trainer arbeiten zu können?

Nawrath: Natürlich steigt für einen Trainer, der eine Pause einlegt, die Gefahr, vom berühmten Trainerkarussell herunterzufallen und danach schwerer wieder einen Job zu finden – oder gar keinen mehr. Dann befindet sich der Trainer in einem Dilemma: Bleiben und auf die notwendige Erholung verzichten oder eine Pause einlegen, aber dafür vielleicht nicht mehr in den Job zurückkehren können. Das betrifft aber nicht jeden Trainer gleichermaßen. Ist man bereits sehr erfolgreich, ist eine Rückkehr nach einer Pause sehr gut möglich. Aber vor allem junge Trainer könnten aus Angst, keine zweite Chance mehr zu bekommen, auf eine notwendige Pause verzichten.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen in diesem Zusammenhang sogar von "einer besonderen Brutalität in der Branche, da der Trainerberuf nicht von der Leistung, sondern ausschließlich vom Erfolg abhängig ist".

Nawrath: Ja. Im Vergleich zu anderen Arbeitnehmern gibt es deswegen auch eine viel höhere Arbeitsplatzunsicherheit. Die meisten Trainer sagen, dass sie nur von Woche zu Woche, von Sieg zu Sieg oder eben Niederlage zu Niederlage leben. Und im Vergleich zu einem normalen Arbeitgeber stehen sie in der Öffentlichkeit, ihre Arbeit wird von den Medien und der Öffentlichkeit ständig bewertet. Erfolg oder Misserfolg kann sich jederzeit wieder ändern. Natürlich kann man sich vorbereiten, gewissenhaft seine Arbeit machen und an gewissen Stellschrauben drehen. Aber eines ist von Beginn an klar: Man kann nicht immer gewinnen. Erfolg ist aber das A und O und das höchste Kriterium für die Bewertung der Arbeit eines Trainers.

ZEIT ONLINE: Dennoch denken viele Fans, dass das Trainerdasein ein absoluter Traumberuf ist.

Nawrath: Das haben auch die allermeisten Trainer in unserer Befragung gesagt. Sie haben aber auch gesagt, dass sie für ihren Traumberuf auf viel verzichten müssen. Auf Familie, auf soziale Kontakte und natürlich auf Freizeit. Dieses Verzichten-Müssen und das Fehlen von Erholungsphasen in Verbindung mit der angesprochenen Abhängigkeit vom Erfolg erhöht die Gefahr, auszubrennen.