Pheidippides hieß der sagenhafte Bote, der die Nachricht vom Sieg über die Perser von Marathon nach Athen trug, 40 Kilometer weit. Kaum aber hatte er die Nachricht verkündet, brach er tot zusammen. Schon die Legende gebietet Grund zur Vorsicht.

Die Läufer von heute stört das nicht. Sie laufen weiter und mehr als je zuvor. 245 Marathonläufe pro Jahr im deutschsprachigen Raum listet das Portal marathon.de auf. Am Sonntag werden in Berlin 40.963 an der Startlinie stehen, zu einem der größten Volksläufe der Welt und dem größten des Landes. Laufen boomt immer noch. Wer einen Marathon finisht, gilt als fit, zäh und leistungsfähig.

Doch so einfach ist das nicht. Wer glaubt mit einem Marathonlauf etwas für seine Gesundheit zu tun, könnte falsch liegen. Viele Mediziner sind sich einig: Ein Marathonlauf ist eine Extrembelastung für den Körper, die eher schadet als hilft. Und die in manchen Fällen sogar gefährlich sein kann.

"Wir gehen von einer Todesfallrate von 1 zu 110.000 aus", sagt Lars Brechtel, medizinischer Direktor des Berlin-Marathons. Das macht statistisch in Berlin einen Toten in jedem dritten Jahr. Dabei verlängert Ausdauertraining erwiesenermaßen das Leben. Trotzdem fallen Läufer tot um. Wie passt das zusammen?

"Man kann von einem Marathon-Paradox sprechen", sagt Frank Mooren vom Institut für Sportmedizin der Universität Gießen. Während das Training für einen solchen Lauf durchaus positive Effekte auf Herz, Bänder und das Immunsystem hat, gilt das für den Marathon selbst nicht. "Das Gesunde am Marathon ist die Vorbereitung darauf", sagt Mooren.

So steigert moderate sportliche Betätigung zwar die Abwehrfähigkeit des Körpers. Ein Marathonlauf aber schwächt das Immunsystem. Im Körper der Sportler ist nach solch einer extremen Belastung eine nachweisbare Entzündungsreaktion zu beobachten, der Läufer ist eine Zeitlang anfälliger für Infekte. "Das ist eine Schutzreaktion des Körpers, damit er sich nicht noch mehr belastet", sagt Mooren.

Auch Knochen, Bänder, Gelenke und Muskeln werden durch sanftes Training gestärkt, fast jeder Marathoni aber klagt über Kniebeschwerden, schmerzende Schienbeine, Achillessehnenprobleme oder Krämpfe. Kein Wunder, müssen die Knie doch pro Laufschritt Kräfte abfedern, die dem Drei- bis Fünffachen des Körpergewichts entsprechen. Ein 80 Kilogramm schwerer Läufer belastet während eines Marathons jedes Kniegelenk mit insgesamt 5.000 Tonnen.

Am meisten Sorgen macht den Medizinern das Herz der Sportler. Zwar stärkt regelmäßiges Lauftraining das Herz und lässt es ökonomischer und gleichmäßiger schlagen, fast alle Marathon-Todesfälle aber beruhen auf einem Versagen des Herz-Kreislauf-Systems. "Es gilt das Paradox der körperlichen Arbeit", sagt Stefan Möhlenkamp, Chefarzt der Kardiologie des Krankenhaus Bethanien in Moers.

Dieses Phänomen beinhaltet den gleichen Widerspruch wie das Marathon-Paradox. Es besagt, dass akute körperliche Anstrengung das Risiko eines plötzlichen Herztodes erhöht, während regelmäßige körperliche Aktivität bei mittlerer Intensität vor genau diesem Risiko schützt. Auf den Sport bezogen, fanden amerikanische Wissenschaftler schon 1982 heraus, dass das Herzinfarktrisiko bei einem trainierten Mann in Ruhe nur halb so hoch liegt wie bei einem Untrainierten. Aber: Während des Laufens steigt es um das Siebenfache.