Michael Oennings Mängelliste ist lang. © Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Entlässt ein Fußballverein seinen Trainer, gibt es einen Reflex: Ihr habt keine Geduld, gebt dem Trainer Zeit! Doch es kann gute Gründe für eine Trennung geben. So wie jetzt beim Hamburger SV, der mit den Resultaten und der Arbeit seines Trainers Michael Oenning nicht zufrieden sein konnte.

Oennings Bilanz ist schlecht: Saisonübergreifend blieb er dreizehn Spiele in Serie ohne Sieg. Aus den sechs Partien der aktuellen Runde holte er nur einen Punkt – und den mit viel Glück. Das macht Platz 18 mit einer Mannschaft, die entgegen vielen Behauptungen nicht nur aus jungen, billigen Talenten besteht, sondern auch aus vielen Nationalspielern.

Das erhärtet Zweifel an Oennings Eignung zur Führungskraft. Die Mängelliste Oennings ist lang: Er hat es nie geschafft, seiner Mannschaft Leidenschaft vorzuleben oder zu vermitteln. Im Training ließ er vieles durchgehen, griff bei Nachlässigkeiten nicht durch. Seine Autorität in der Mannschaft war längst geschwunden, sein Training galt als einseitig und uninspiriert. Sein Coaching während der Spiele war schwach, seine Taktik irritierte, eine Spielidee war bei seiner HSV-Elf nie zu erkennen.

Auch abseits des Platzes soll Oenning wenig professionell, fast nachlässig aufgetreten sein. Er kam oft als einer der Letzten zum Training. In der Vorsaison bat der HSV-Vorstand Oenning zu einem Termin, um sich dessen Konzept präsentieren zu lassen. Oenning soll mit leeren Händen erschienen sein.

In Trainerkreisen der Bundesliga ist hämisch vom "Klavierspieler" die Rede, der sich mit Chopin besser auskenne als mit der Raumdeckung. Nicht mal in Nürnberg, wo er 2009 seinen größten Erfolg feierte, spricht man gut über den Trainer Oenning. Der Aufstieg in die Bundesliga wird seinem damaligen Assistenten Peter Hermann zugeschrieben. Als Hermann Nürnberg verließ, stellte sich Misserfolg ein, der Rauswurf folgte kein halbes Jahr später.

Dass sich Oenning relativ lange in Hamburg halten konnte, war der vereinspolitischen Lage geschuldet. Durch den Vorstandswechsel im März wurde Oenning vom Assistenten zum Cheftrainer. Der damalige Vorstandschef Bernd Hoffmann, angezählt auch wegen der vielen Trainerwechsel, hatte Oenning trotz Zweifeln nicht feuern wollen, weil er damit einen weiteren Fehler in der Personalpolitik zugegeben hätte. Der neue Vorstand Carl-Edgar Jarchow, dem Fußballkompetenz abgesprochen wird, wollte sich von seinem Vorgänger absetzen und Kontinuität betonen. Ende April verlängerte er mit Oenning ohne Not um zwei Jahre.

Geglaubt haben in Hamburg schon lange nur noch wenige an Oenning, auch nicht der neue Sportdirektor Frank Arnesen. Sein Favorit Stale Solbakken ist in Köln gelandet. Für ihn schien die Altlast Oenning ein Trainer, den er verbrauchen muss, um ihn durch einen seiner Kandidaten zu ersetzen.

Arnesen ist angetreten, um viele Jahre lang Entwicklungsarbeit unabhängig vom Tagesgeschäft zu leisten. Die Geduld, mit der die Fans den Weg begleiten wollten, ist aufgebraucht. Seine Transfers werden kritisiert. Von Oenning hat er sich spät getrennt, vielleicht zu spät. Die Art, wie er Oenning erst eine Garantie gab und ihn zwei Tage später vor die Tür setzte, schadet zudem seiner Glaubwürdigkeit. Nicht ausgeschlossen, dass Arnesen in Hamburg nur dann eine Zukunft hat, wenn seine erste eigene Trainerwahl sofort sitzt.