ZEIT ONLINE: Herr Lato, erinnern Sie sich an den 3. Juli 1974?

Grzegorz Lato: Ja, natürlich, die Regenschlacht von Frankfurt. Kurz vor dem Spiel öffnete sich der Himmel, dann war da nur noch Wasser. Überall. Aber am Ende zählt das Ergebnis. Die Deutschen sind zu Recht Weltmeister geworden.

ZEIT ONLINE: Es ging damals zwischen der BRD und Polen um den Einzug ins WM-Finale. Franz Beckenbauer hat später bekannt, dass Sie die bessere Mannschaft hatten und unter regulären Bedingungen möglicherweise gewonnen hätten.

Lato: Niemand weiß, wie es auf einem trockenen Platz ausgegangen wäre. Klar ist: Heutzutage würde ein Spiel bei solchen Verhältnissen nicht angepfiffen. Das war kein Fußball, sondern Wasser-Polo. Eine Schlammschlacht. Der Ball blieb in Pfützen liegen, aus denen man ihn nicht rausschießen konnte.

ZEIT ONLINE: Die heutige polnische Nationalmannschaft ist weit von der Stärke der 74er-Elf entfernt. Sie steht auf Platz 65 der Fifa-Weltrangliste, weit hinter Ländern wie Australien (22.) und Burkina Faso (40.). Woran liegt das?

Lato: Im Fußball ist alles enger zusammengerückt. Es gibt keine schwachen Mannschaften mehr. Polen hat zudem einen radikalen politischen und wirtschaftlichen Systemwechsel hinter sich. Unsere Vereine haben große finanzielle Probleme und können dem eigenen Nachwuchs nicht mehr die Entwicklungsmöglichkeiten bieten wie zu meiner Zeit. Viele junge Menschen geben einer beruflichen Perspektive außerhalb des Fußballs den Vorzug.

ZEIT ONLINE: Sie haben fast Ihre gesamte Karriere über für den kleinen Karpatenclub Stal Mielec gespielt. Das wäre heute undenkbar. Hat das Geld im Fußball die Alleinherrschaft übernommen?

Lato: In gewisser Weise war Mielec unter realsozialistischen Bedingungen auch ein privilegierter Vorzeigeclub. Wir hatten Fußball-Internate für die Jugend und Schulungszentren für die Trainer. Der Verein hielt den Spielern den Rücken frei. Heute ist Polen Mitglied der EU, und die Spieler suchen ihr Glück im Ausland – vor allem in Deutschland. Denken Sie an Lukas Podolski und Miro Klose oder Robert Lewandowski und Kuba Blaszczykowski.

ZEIT ONLINE: Die beiden Letztgenannten spielen für Polen. Am Dienstag treffen sie in Danzig zum Freundschaftsspiel auf Deutschland. Zeit für eine Revanche für 1974?

Lato: Unsere Legionäre helfen uns natürlich, aber es ist noch ein langer Weg, bis Polen wieder das Niveau der siebziger Jahre erreichen kann. Die Deutschen haben derzeit eine fantastische Mannschaft. Sie sind ein Vorbild für uns. Für den Dienstag hoffe ich auf ein Unentschieden. Aber es wird sehr schwer.

ZEIT ONLINE: Das Spiel findet in Danzig statt, weil das neue Nationalstadion in Warschau nicht rechtzeitig fertig geworden ist. Als die Danziger Arena Anfang Juni eröffnet werden sollte, war sie ebenfalls nicht fertig. Das Einweihungsspiel musste verlegt werden. Das ist peinlich, oder?

Lato: Nein, es ist bedauerlich, aber mehr auch nicht. In beiden Fällen haben uns ein paar Wochen Bauzeit gefehlt. Am Ende werden hier wie dort fantastische Stadien stehen. Sie werden zu den schönsten Fußball-Arenen Europas gehören. Das ist es, was zählt.

ZEIT ONLINE: Als Ausrichter der Europameisterschaft 2012 haben Sie noch andere, schwerer wiegende Probleme. Im Frühjahr haben Hooligans mit Randale in polnischen Stadien Angst und Schrecken verbreitet. Premierminister Donald Tusk hat Geisterspiele angeordnet und sogar mit einer Absage des EM-Turniers gedroht. Sind Sie sicher, dass die EM das versprochene Fußballfest wird?

Lato: Ja, das bin ich. Das Hooligan-Problem wird aufgebauscht und überbewertet. Fan-Gewalt gibt es überall in Europa, auch in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Aber die EM 2012 findet in Polen statt.