Ein Mann sei dazu berechtigt, "seine Meinung zu ändern", sagte Sonny Bill Williams und stürzte damit die Rugby-Nation Neuseeland kurz vor dem Anpfiff der Weltmeisterschaft in Konfusion.

Erstmals seit 1987 gastiert die WM vom 9. September bis zum 23. Oktober wieder bei den Kiwis, die dem ruppigen Spiel mit der Eierpflaume wohl am stärksten von allen Rugby-Nationen verfallen sind. Ihre Sehnsucht nach dem Titel ist riesig. Die All Blacks, ihre kultisch verehrte Nationalmannschaft, mögen den internationalen Rugby fast nach Belieben dominieren – die WM konnten sie erst einmal, eben 1987, gewinnen.

Dieser Triumph soll nun endlich wiederholt werden. Williams, oft auch schlicht "SBW" oder "Superman" genannt, gilt hierfür vielen Fans und Experten als Erfolgsgarant. Der 26-jährige Centerspieler, aufgewachsen in Auckland als Sohn einer Australierin und eines Samoaners, ist ein Ausnahmetalent. Manche nennen ihn gar "Rugby-Wunder".

Wie nur wenige versteht Williams es, die gegnerischen Verteidigungslinien mit listigen Täuschungsmanövern oder auch schierer Wucht zu überwinden. Zudem sind seine Fähigkeiten am Ball brillant: Er kann das Leder sicher mit einer Hand aufnehmen und selbst in stärkster Bedrängnis an Mitspieler weiterreichen. Ein paar dieser Zuspiele, so die Hoffnung, und der Webb Ellis Cup ginge endlich wieder nach Neuseeland. Williams' bereits kolportierter Status als Rugby-Gott käme ein Stück näher.

Zumindest das Letztgenannte ist nach Williams Meinungsänderung in Bezug auf die Nationalmannschaft unwahrscheinlich. Zwar wird er das Turnier noch spielen. Ob er danach allerdings weiter für die All Blacks auflaufen werde, sei offen, sagte er in der vergangenen Woche – obwohl er im Juli noch davon gesprochen hatte, er fühle sich "verpflichtet", für Neuseeland zu spielen.

Nun ist ein solches rhetorisches Wendemanöver im Profisport fast alltäglich. Die Wellen jedoch, die Williams' Zick-Zack-Kurs schlägt, sind höher als gewöhnlich. Das Unbehagen geht tief. Die All Blacks sind eine nationale Institution, die als eine Art Heilsarmee für die Volksseele fungiert. Jeder Neuseeländer würde Haus und Hof verpfänden, um einmal in ihren Reihen zu spielen. Ein Mann in Schwarz zu sein, das ist wie ein Ritterschlag, und so träumen jedes Wochenende Tausende neuseeländische Jungs, wenn sie sich auf schlammigen Äckern balgen, von dem Tag, an dem sie einmal ins Trikot mit dem Silberfarn-Emblem schlüpfen dürfen.