Man muss sich den Besucher des VIP-Bereichs eines Fußballstadions als glücklichen Menschen vorstellen. Angenehm gedämpft dringt der Lärm des Spiels durch dicke Fensterscheiben an sein Ohr, über dunkel geöltes Parkett führt ihn sein Schritt ans Büfett, wo ihm adrette Servicekräfte Prosecco und Scampis reichen, bei deren Verzehr er anregende Gespräche über Fußball, Privates und Geschäftliches führt.

Man muss sich den Besucher des VIP-Bereichs eines Fußballstadions als Nervenbündel vorstellen. Schon die Einladung hat ihn in Unruhe versetzt. Schweren Herzens hat er schließlich zugesagt, nun kann er sich weder auf das Spiel noch auf den Prosecco konzentrieren, weil ihm die Angst im Nacken sitzt. Darf er eigentlich hier sein? Mit wem darf er reden? Über welche Themen? Und ist der Mann mit dem Hertha-Schal vielleicht ein Staatsanwalt in zivil?

Die deutsche Sport-Sponsoring-Szene hat ein Problem. Es geht um die Frage, wo Kontaktpflege und Gastfreundschaft aufhören – und wo Vorteilsnahme und Korruption anfangen. "Die Rechtsunsicherheit ist größer geworden", sagt Stephan Althoff, Vorstandsvorsitzender der Sponsoren-Vereinigung S20. "Das Klima trübt sich ein", sagt Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL), und spricht von einer "Karnickel-Schreckstarre", in der sich Sponsoren und Eingeladene befinden. Auch Reinhard Grindel, Bundestagsabgeordneter und Anti-Korruptionsbeauftragter des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), will, dass sich etwas ändert in Sponsoring-Deutschland – "damit die Betroffenen nicht das Gefühl haben: Mit einem Bein sitze ich auf einem Business-Seat, mit dem anderen im Gefängnis."

An diesem Mittwochabend hat sich die Branche in Berlin getroffen. DFL, DFB und S20 haben ins Atrium des Humboldt-Carrés nahe des Berliner Gendarmenmarkts geladen. Auch hier glänzt das Parkett seriös und beruhigend dunkel, die Säulen sind dezent ausgeleuchtet. Rund 150 Gäste wollen beim "Symposium Hospitality" diskutieren, Untertitel der Veranstaltung: "Rechtsfragen zur Einladungspraxis bei Sport und Kulturveranstaltungen".

Das diffizile Thema interessiert nicht nur Sponsoren und die 36 deutschen Proficlubs, von denen 21 an diesem Abend vertreten sind. Aus Bayreuth ist Katharina Wagner angereist, die Geschäftsführerin der Opern-Festspiele, auch auf dem Grünen Hügel macht man sich Gedanken über VIPs. Viele Bundestagsabgeordnete sind gekommen, im vorderen Bereich des Saals sitzen der ehemalige Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung von der CDU und sein Parteikollege Wolfgang Bosbach, der Vorsitzende des Innenausschusses. Die Vorsitzende des Sportausschusses, Dagmar Freitag huscht mit ein paar Minuten Verspätung auf ihren Platz, weiter hinten sitzt ein Vertreter des Finanzministeriums neben einem Abgesandten des Zweitligisten MSV Duisburg. Am Nebentisch tippt der Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga eine SMS in sein Smartphone.

Später wird noch die ehemalige Justizministerin Brigitte Zypries zu Wort kommen, das Grußwort spricht aber Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich. "Es geht um ein nüchternes Thema, dass aber schon viele Emotionen erzeugt hat", sagt Friedrich und spielt auf die Wutrede von Uli Hoeneß bei der Mitgliederversammlung des FC Bayern vor vier Jahren an. Damals hatte der Manager dem Bayern-Anhang in der Südkurve an den Kopf geworfen: "Wer glaubt Ihr eigentlich, wer Euch alle finanziert? Die Leute in den Logen, denen wir die Gelder aus der Tasche ziehen!"

An jedem Spieltag strömen rund 50.000 VIP-Gäste in deutsche Fußballstadien, die Businessbereiche mit fünf bis zehn Prozent aller Sitze generieren 30 bis 50 Prozent der Ticket-Einnahmen der Klubs. Noch vor zwei Wochen berichtete der Spiegel vom steigenden VIP-Bereich-Bedarf der Klubs, von "hochpreisigen Luxuslogen", von "Business-Speed-Dating" bei Hertha BSC und von 35 Millionen Euro, die der FC Bayern pro Saison allein durch Business-Pakete verdient. Eine Krise hört sich anders an.

Auch die Diskutanten auf dem Podium des Humboldt-Carrés berichten nicht von einbrechenden Umsätzen oder leer stehenden Logen. Aber die Furcht vor einem Domino-Effekt ist groß. Was passiert, wenn große Automobilzulieferer dem Fußball den Rücken kehren, weil sie Angst haben, unter Korruptionsverdacht zu geraten? "Irgendwann macht man gar nichts mehr, weil man damit auf der sicheren Seite ist", fürchtet DFL-Geschäftsführer Seifert.