Sportverbände "Die Fifa beschränkt sich auf Korruption neben dem Platz"

Jens Sejer Andersen kämpft seit Jahren gegen Korruption im Sport. So dringlich wie derzeit war das Problem noch nie, sagt der Däne im Interview.

Jens Sejer Andersen

Jens Sejer Andersen

ZEIT ONLINE: Warum ist es so dringlich, Korruption im Sport zu bekämpfen?

Andersen: Korruption müssen wir überall bekämpfen. Sie beschädigt unsere Demokratie, sie geht zu Lasten der nichtprivilegierten Schichten. Im Sport hat sie sich in den vergangenen drei Jahrzehnten stark, weil lange unbemerkt, verbreitet. Das ist besonders fatal.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Warum?

Andersen: Zum einen, weil die Vertreter des Sports dessen Werte, Erziehung, Gesundheit, Spaß und Gemeinschaft gefährden. Zum anderen kann der Sport, im Gegensatz zur Politik oder Wirtschaft, mit starken Bildern, etwa einem Hundert-Meter-Lauf oder einem Fußballspiel, diese Probleme und Vergehen verdecken.

Jens Sejer Andersen

Der Däne Jens Sejer Andersen, Jahrgang 1960, war Chefredakteur der Sportzeitschrift Ungdrom & Idraet und ist Direktor der Organisation Play the Game. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, Ethik und Demokratie im Sport zu stärken. Alle zwei Jahre findet eine Play-the-Game-Konferenz statt, vom 3. bis 6. Oktober 2011 war sie in Köln zu Gast.

ZEIT ONLINE: Stören sich die Zuschauer überhaupt an dem Geschacher der Verantwortlichen, solange Wettkampf und Spiel selbst unangetastet bleiben?

Andersen: Es kann sein, dass es den gewöhnlichen Fan nicht sehr interessiert, wer auf welchen Kanälen wie viel Geld in seine Taschen abzweigt. Aber spätestens dann, wenn das Geschehen auf dem Platz von der Korruption betroffen ist, verliert der Sport rasant an Bedeutung. Das kann man zurzeit im Fußball Asiens, Osteuropas oder Italiens beobachten, der unter Wettmanipulationen leidet. Die Fifa ist so schlau, sich auf Korruption neben dem Platz zu beschränken.

ZEIT ONLINE: Der moralisch Verantwortliche für den Zustand der Fifa, Präsident Joseph Blatter, ist im Juni für weitere vier Jahre "gewählt" worden. Die Revolution ist ausgeblieben. In Ihrer Begrüßungsrede spielten Sie auf den Arabischen Frühling und den November 89 an. Ist das nicht übertrieben?

Andersen: Das kann man natürlich nicht gleichsetzen. Ich wollte damit bloß sagen, dass Dinge sich ändern können, wenn sich Empörung massenweise verbreitet. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich die Fifa solch schwere Verstöße erlaubt, dass sie in Großteilen der Weltöffentlichkeit dauerhaft an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Das hat fast die Dimension des Festina-Skandals 1998 oder des IOC-Bestechungsskandals 1999 erreicht. Diese Vorfälle haben den Sport so erschüttert, dass Änderungen unumgänglich wurden. An dem Punkt steht nun die Fifa.

ZEIT ONLINE: Das Ergebnis der Play-the-Game-Konferenz ist ein Papier, das sie dem IOC überreichen. Darin fordern Sie Good Governance im Sport, zum Beispiel Transparenz, demokratische Prinzipien oder Stakeholder-Strategien. Welche Reaktion erwarten sie?

Leser-Kommentare
  1. "ZEIT ONLINE: Stören sich die Zuschauer überhaupt an dem Geschacher der Verantwortlichen, solange Wettkampf und Spiel selbst unangetastet bleiben?"

    Mich als Zuschauer stört das ganz gewaltig. Es wird wieder nur umverteilt von unten (Mitglieder von Sportverbänden, GEZ-Zahler) zu irgendwelchen Sportfunktionären, die sich dann schmieren lassen, wenn es um die Bestimmung von Austraggungsorten geht.

    Und wenn es dann dochmal zur Verurteilung von FiFa-Funktionären kommt, weil dreistellige Millionenbeträge veruntreut wurden, dann muss man gesenketen Hauptes davon 5 Millionen zurückzahlen.

    Jeder, der gegen diesen Sumpf angeht, hat meine volle Sympathie.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    @Dr. Nerd: Danke für Ihren Kommentar. Seien Sie versichert, dass uns das auch stört.

    Redaktion

    @Dr. Nerd: Danke für Ihren Kommentar. Seien Sie versichert, dass uns das auch stört.

  2. Redaktion

    @Dr. Nerd: Danke für Ihren Kommentar. Seien Sie versichert, dass uns das auch stört.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Gute Frage"
  3. Herr Fritsch, koennten sie die rede von Pound auf der play the game bitte verlinken so moeglich ?
    mfg,
    realpirate

  4. Wenn sie das tatsächlich stört, dann beantworten sie uns doch mal folgende Frage:

    Unsere Welt hat sich in den letzten 3 Jahrzehnten gewaltig geändert, hin zu Gesellschaften in denen sich weltweit ein einziger Grundwert durchgesetzt hat: die Habgier.
    [...]

    Da die Habgier in alle Bereiche gesellschaftlichen Lebens eingedrungen ist, wäre es ein Wunder wenn sich ausgerechnet der Sport mit seinen Milliarden Umsätzen und seinen auf schon lächerliche Art korrupten Funktionäre davon verschont geblieben wäre!

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

  5. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

  6. soll es wahrscheinlich heißen (über Hr. Andersen).

    Wie groß ist eigentlich das Geschäft mit Fußball weltweit? So oder so dürfte es keine Überraschung sein, dass die Korruption, Steuerhinterziehung u.Ä. deshalb dort blüht wie eh und jeh.

  7. Freier Autor

    @realpirate: Die Rede von Pound findet sich hier: http://www.playthegame.or...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Besten Dank !
    gruss von realpirate

    Besten Dank !
    gruss von realpirate

  8. Redaktion

    Muss ich die Diskussion hier verstehen?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service