Wer ein Auto kaufen will, kann sich den Händler aussuchen. "Aber wenn ich ein Abo für Live-Fußball möchte", sagt Karen Murphy, "muss ich es in England erwerben und zehn Mal so viel zahlen wie anderswo in Europa." Dass dies gültiges Recht ist, akzeptiert die britische Wirtin nicht. Deshalb kämpft sie vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg.

Frau Murphy hatte zum Gefallen ihrer Gäste ihres Pubs in Portsmouth ein Abo für die Ausstrahlung der Premier League beim griechischen Sender Nova erworben, das deutlich billiger war als das des nationalen Pay-TV-Senders BSkyB. Daraufhin ging die Media Protection Services Ltd, ein Dienstleister der Premier League, gegen Murphy vor – und siegte in zwei Instanzen. Für den 4. Oktober hat der EuGH ein Urteil angekündigt, das dürfte endgültig Klarheit darüber schaffen, ob es für einen EU-Bürger zulässig ist, sich ein Pay-TV-Abo in einem Mitgliedsland seiner Wahl zu besorgen.

Die Funktionäre der Premier League sehen der Entscheidung mit Spannung entgegen, denn die enormen Pay-TV-Honorare sind das Fundament dafür, dass die Liga seit zwei Jahrzehnten boomt und internationale Stars hier die höchsten Gehälter der Welt kassieren. 1,78 Milliarden Pfund bekommt die Premier League derzeit pro Saison von Rupert Murdochs BSkyB und ESPN. Wenn aber viele Kunden des Senders abspringen, weil sie wissen, dass sie in Griechenland oder sonstwo günstiger abonnieren können und dürfen, hätte das auch Folgen für die Clubs: BSkyB würde ihnen aufgrund sinkender Einnahmen nicht mehr das zahlen, was man bisher bezahlt hat.

Frau Murphy und ihre Unterstützer aus der Gastronomie bringen die Premier League auch deshalb auf die Palme, weil sie ihren Gästen Spiele zugänglich machen, die der brave englische Pay-TV-Abonnent gar nicht sehen kann, und zwar solche aus der englischen Liga. Im eigenen Land bietet die Premier League bisher nämlich nur 138 der 380 Saisonspiele an (115 bei BSkyB und 23 bei ESPN), im Ausland dagegen alle.

Wenig gelassen sehen die Liga-Manager dem Urteil auch deshalb entgegen, weil die Generalanwältin Juliane Kokott im Februar den Richtern in ihren Schlussanträgen einen klaren Vorschlag im Sinne Murphys unterbreitet hat. Ihrer Ansicht nach verstößt die bisherige Pay-TV-Rechte-Praxis gegen EU-Recht. Hintergrund: Wenn eine Liga mit einem Sender einen Vertrag abschließt, muss dieser bisher zusichern, dass er seine Decoder und die dafür benötigten Karten nur in seinem Gebiet verkauft. Dies laufe aber darauf hinaus, "aus der Ausschaltung des Binnenmarkts Gewinn zu erzielen", sagt Kokott. Der Wettbewerb werde dadurch verhindert, eingeschränkt oder verfälscht. Was Kokott empfiehlt, ist von Belang, denn in drei von vier Fällen setzen die Richter deren Empfehlung um.

Fußball könnte durch Liberalisierung an Reichweite verlieren

Der auf Sportrecht spezialisierte Hamburger Anwalt Jörg von Appen hingegen hofft, dass die Richter ihr nicht folgen: "Ich bin kein Traditionalist, aber die aktuelle Regel hat sich rechtlich und praktisch bewährt. Und sie hat für Wettbewerb innerhalb der Länder gesorgt." Sollten die Richter im Sinne Kokotts entscheiden, "würde der Konsument davon nicht profitieren", sagt von Appen, der einst für die Rechteagentur Sportfive arbeitete, Partnerin unter anderem des HSV, von Hertha BSC und Borussia Dortmund. Paradoxerweise könnte der Fußball durch eine Liberalisierung an Reichweite verlieren. Die Ligen könnten dann nämlich ihre Rechte in allen europäischen Ländern zu einem ähnlich hohen Preis verkaufen, was aber zur Folge haben dürfte, dass in Ländern, deren Sender weniger zahlen können, die Spiele nicht mehr gezeigt werden. Der Popularität der Clubs wäre das kaum förderlich. Man dürfte dann bald längst nicht mehr in jedem Winkel Europas jemanden treffen, der ein Trikot von Manchester United oder Arsenal trägt.

Von Appen gehört zu jenen, die befürchten, der Fall Murphy könne für die Sportrechtevermarktung ähnliche Folgen haben wie 1995 der Fall Bosman für den Transfermarkt. Der belgische Fußballer, ähnlich renitent wie die Wirtin, setzte durch, dass ein Verein für einen Spieler keine Ablösesumme mehr verlangen kann, wenn dessen Vertrag ausläuft. Bosman gewann, die Spieler profitierten, die Clubs büßten erheblich an Macht ein. Blüht den Verbänden und Vereinen nun ein ähnliches Schicksal? Siegt Murphy, müssten sich die Premier League, aber auch die Fifa und die Uefa für den Verkauf der Rechte für Welt- und Europameisterschaften in der Tat andere Modelle überlegen.

Denkbar ist etwa, dass die Premier League die gesamten Europa-Rechte an einen finanzkräftigen TV- oder Telekommunikationskonzern verkauft, der große Teile des Kontinents abdeckt. Sonderlich viele Kandidaten gäbe es dafür aber allerdings nicht. "Ich bin überzeugt, dass der Markt eine Lösung finden wird, mit der alle Beteiligten gut leben können", sagt Peter Heermann, Professor für Sportrecht an der Universität Bayreuth. "Die Agenturen, Ligen und Verbände lamentieren jetzt. Dass sie längst einen Plan B haben, werden sie uns nicht auf die Nase binden", ergänzt er.

Stefan Szymanski , Direktor des Sports Business Network Centre an der Cass Business School in London, glaubt sogar, die Luxemburger Richter täten der Premier League "einen Gefallen", wenn sie die bisherige Praxis für rechtswidrig erklären. Ein entsprechendes Urteil des EuGH triebe die Liga womöglich dazu, den heimischen Sendern künftig sämtliche Live-Rechte zu verkaufen und so möglicherweise mehr Geld zu verdienen. Dass "durch eine neue Regel das ganze System kaputt gehen wird", wie Uli Hoeneß damals in der Bosman-Debatte schimpfte, bewahrheitete sich bekanntlich auch nicht.