ZEIT ONLINE: Herr Professor Kleinert, Arjen Robben ist mal wieder verletzt. Ist der Niederländer einfach nur ein Pechvogel oder steckt mehr dahinter?

Jens Kleinert: Mit Pech hat das wenig zu tun. Solche Verletzungsserien sind nicht selten im Leistungssport. Wenn nach an einer eigentlich überstandenen Verletzung der betroffene Bereich unbewusst etwas geschont wird, wird der Körper an anderer Stelle stärker belastet. Und das kann wiederum zu einer neuen Verletzung führen.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt dabei die psychische Komponente?

Kleinert: Es lassen sich vielleicht fünf bis zehn Prozent der Verletzungen gut durch psychologische Faktoren erklären. Beteiligt sind die psychologischen Prozesse vermutlich aber bei viel mehr Verletzungen. Sie sind in aller Regel nicht die ursächlichen Faktoren für Verletzungen, sondern kommen zusätzlich dazu. Wenn ich mich nicht gut fühle, dann verhalte ich mich anders im Zweikampf, ich gehe vielleicht ängstlich in ihn rein, der Haltapparat gibt keine Sicherheit. Und damit werde ich nicht nur fehler-, sondern auch verletzungsanfälliger. Die Psyche steuert ganz einfach das Bewegungsverhalten. Wenn ich während des Spiels an die Verletzung denke, ist die nächste Verletzung schon vorprogrammiert.

ZEIT ONLINE: Worauf kommt es nach einer überstandenen Verletzung an, um auch in mentaler Hinsicht wieder fit für den Einsatz auf dem Platz zu sein?

Kleinert: Der Spieler muss Vertrauen in seinen Körper haben. Voraussetzung dafür ist eine gute eigene Körperwahrnehmung. Doch genau daran fehlt es häufig. Eine Untersuchung unter Leistungssportlern hat ergeben, dass immerhin ein Drittel eine eher schlechte eigene Körperwahrnehmung hat. Bei Nichtsportlern ist zwar der Anteil noch höher, aber ein Drittel ist trotzdem überraschend viel. Eine fehlerhafte Selbstwahrnehmung wird ja nicht nur zum Problem, wenn ich ängstlich bin. Übereifer kann ja genauso schädlich sein. Die realistische Selbstreflektion ist hier ganz wichtig.

ZEIT ONLINE: Wie komme ich als Rekonvaleszent zu einer realistischen Selbsteinschätzung meiner momentanen Verfassung?

Kleinert: Es gibt Techniken um das zu trainieren, beispielsweise das Prognosetraining. Wenn der Arzt oder der Physiotherapeut Kraft- und Beweglichkeitsaufgaben vorgibt, muss der Spieler vorher eine Einschätzung abgeben, ob er das wohl schafft oder nicht. So lernt er sich realistisch einzuschätzen.

ZEIT ONLINE: Und wenn das Vertrauen fehlt, obwohl der Mannschaftsarzt grünes Licht für einen Einsatz gibt?

Kleinert: Der Einsatz von Bildern, also Imagination, kann helfen. Sportler verbinden dann den Zustand ihrer Muskulatur mit vertrauensbildenden Bildern, beispielsweise einem Baum oder Fels, die sie im Geiste aufrufen, das hilft ungemein. Manche Spieler reden mit ihrer Muskulatur, fragen sich, wie es ihr geht, sprechen Mut zu. Entscheidend ist, dass ein Spieler nicht nur medizinisch gesund ist, sondern sich auch gesund fühlt. Kopf und Körper müssen zusammengebracht werden.