Richard Pound über Korruption"Der Sport wird zum Zirkus und zur Farce"

Selten äußern sich Funktionäre kritisch zu Korruption im Sport. Das IOC-Mitglied Richard Pound tut es. Weil der Sport seine Glaubwürdigkeit verlieren könnte, schreibt er. von Richard Pound

Seit 1978 bin ich Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), ich war Gründungsdirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Ich weiß, wovon ich rede, wenn ich sage: Der Sport steckt in einer großen Krise.

Richard Pound
Richard Pound

Richard "Dick" Pound (Jahrgang 1942) ist seit 1978 Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee (IOC). 2001 kandidierte er für die Präsidentschaft, scheiterte aber an Jacques Rogge. Von 1999 bis 2007 war Pound Direktor der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, die 1999 gegründet wurde. Bei den Olympischen Spielen 1960 nahm der Kanadier als Schwimmer teil.

Korruption hat sich im Sport wie eine Epidemie verbreitet und gefährdet seine Integrität und die seiner Wettkämpfe. Zwar halten Funktionäre immer wieder fromme Sonntagsreden über die Werte des Sports, doch seit Jahren weigern sie sich, seine Probleme zu bekämpfen. Mit dem Resultat, dass ihre Glaubwürdigkeit und die des Sports leiden.

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Eine spezielle Form der Korruption im Sport ist Doping, eine Korruption des Wettbewerbs. Ein gedopter Athlet ist kein echter Athlet. Seine Leistung kann nicht mit der Leistung eines Athleten verglichen werden, der sich an die Regeln hält. Jahre, Jahrzehnte verseuchte Doping den Radsport, ohne dass jemand dagegen ernsthaft vorging.

Erst der Festina-Skandal im Jahr 1998 verdeutlichte den Verantwortlichen, dass sie handeln mussten. Ein Jahr später wurde die Wada gegründet, es war das erste Mal, dass Sport und Politik gleichberechtigt an einem Tisch saßen. Leider ist der Kampf gegen Doping heute weniger sexy als vor zehn Jahren. In den Gremien sitzen nicht mehr prominente Minister, stattdessen Bürokraten, die weniger Macht haben. Dennoch ist das Experiment Wada ein, wenn auch kleiner, Erfolg.

Größere Versäumnisse erlaubt sich der Sport im Kampf gegen schwerere Delikte, etwa Bestechung, Geldwäsche oder Betrug. Das IOC lässt zu, dass die Mehrheit seiner Verbände diese Probleme ignorieren. Anfang des Jahres fand ein Treffen zum Thema statt. Das hielt ich für einen guten ersten Schritt. Leider beschränkte sich die Debatte auf Sportwetten und Spielmanipulation. Wetten halte ich nicht für das wichtigste Thema.

Das IOC sollte mit gutem Beispiel vorangehen und einen globalen Plan entwerfen, Korruption in allen Spielarten zu erschweren. Dazu muss es festlegen, welche Aufgaben der Sport selbst übernimmt und welche man Regierungen und Staatsanwälten überlässt. Denn dem Sport stehen viele Instrumente nicht zur Verfügung, etwa kann er keine Telefonate abhören, Verdächtige observieren, Banken und Geldflüsse überwachen oder Eide abnehmen. Genau dies wäre aber notwendig, um der Probleme Herr zu werden.

Vor ernsten Herausforderungen steht der Fußballweltverband. Bei allem Respekt, die Fifa bleibt weit hinter ihrem geäußerten Anspruch zurück, ihre Probleme zu lösen, ihre politischen Vorgänge transparent zu machen und ihr Handeln so auszurichten, dass die Öffentlichkeit Vertrauen in die Führung des Fußballs zurückgewinnt.

Leserkommentare
    • TomFynn
    • 13. Oktober 2011 19:07 Uhr

    Welche Glaubwürdigkeit?

    Eine Leserempfehlung
    • Ranjit
    • 13. Oktober 2011 21:30 Uhr

    Warum nicht aus der Not eine Tugend machen? Rennfahrer werden doch auch von Autoherstellern gesponsert. Warum also nicht Fußballer oder sonstige Athleten von Pharmaunternehmen unterstützen lassen?

    Es gewinnt dann halt nur sekundär der Athlet sondern primär die Firma, die ihn oder sie optimal in Form gespritzt hat. Und die alltagstaugliche Version des Doping-Cocktails gibts dann wenig später in der Apotheke.

    Etwas ernsthafter betrachtet sollte man anmerken, dass Doping und Korruption bei weitem nicht alle relevanten Problemfelder sind.

    Wie Herr Pound so schön sagt:
    "Ein gedopter Athlet ist kein echter Athlet. Seine Leistung kann nicht mit der Leistung eines Athleten verglichen werden, der sich an die Regeln hält."

    Ja kann denn die Leistung eines Athleten, der von einem Verein bzw. Land mit enormen finanziellen Mitteln mit einem Athleten ohne diesen Bonus verglichen werden? Gewinnt nicht in der Bundesliga nicht auch der Verein, der sich die besten Spieler kaufen kann?

    Im Endeffekt ist der "Sport" von dem Herr Pound hier schreibt ein Produkt der Unterhaltungsindustrie. Sicherlich zunächst völlig legitim, so wie Fantasyschinken, Actionfilme oder Computerspiele auch. Unehrlich ist nur, dass Sport als Unterhaltungsprodukt nur funktioniert, solange die Illusion aufrecht erhalten werden kann, es wäre mehr als ein Unterhaltungsprodukt. Die Sorge um Glaubwürdigkeit ist also immer auch die Sorge um Aktienkurse.

    Eine Leserempfehlung
  1. @ Ranjit : " Unehrlich ist nur, dass Sport als Unterhaltungsprodukt nur funktioniert, solange die Illusion aufrecht erhalten werden kann, es wäre mehr als ein Unterhaltungsprodukt. Die Sorge um Glaubwürdigkeit ist also immer auch die Sorge um Aktienkurse "

    Da haben sie recht - leider. Obwohl ich das Pound persoenlich nun wirklich nicht unterstellen wuerde... oder doch ?? Ich sehe die Wada auch nicht als ' kleinen erfolg ' wie er, sondern bin erbost ueber die internationale zahnlosigkeit der ganzen sache.
    Ich bin allerdings auch ein Sportfan der alten schule, moechte an das gute im menschen glauben und mich an der schoenheit der bewegung und der spannung des wettkampfes ergoetzen.
    Im klartext also ein leicht zu manipulierender, naiver und romantischer trottel, dem man mit dem richtigen spin alles verkaufen kann ?
    Mitnichten. Hirn an, Troete aus.Geht ganz einfach.

    • Arno85
    • 04. Januar 2012 13:53 Uhr

    Der Spitzensport darf überhaupt keine Förderung durch öffentliche Mittel bekommen. Es ist ein Skandal, dass die Allgemeinheit jedes Fußballwochenende Tausende Polizisten aufbieten muss, die Vereine die Stadienmieten bei den Pleitekommunen nicht bezahlen, die Vereine meist überschuldet sind und die Rasenkasper fürstliche Gelder einstreichen. Wer viel Geld mit sogenanntem Spitzensport macht sollte auch die Polizeieinsätze bezahlen. Ich bin für eine Abstimmung hinsichtlich der Übertragung von Sport in den öffentlich-rechtlichen Sendern . Vor allem soll der Beitragszahler einen Einfluss auf die Gelder haben, die von ARD und ZDF für Sportübertragungen gezahlt werden. Volks- und Breitensport soll gefördert werden, da man hier noch davon ausgehen kann, dass er der Gesunderhaltung der teilnehmenden Sportler dient. Im Spitzensport ist dies häufig nicht der Fall.

  2. bei wem?
    Das Wichtig für das IOC sind nicht die (Sport-)Spiele
    sondern die Vergabespiele für die nächsten Spielorte.
    Dabei geht es unter anderem um Stadien, Infrastruktur uns dergleichen.
    Viel wichtiger aber ist es, es den Herren möglichst 'angenehm' zu machen.
    Da ja immer mehrere Städte die Gunst der Ausrichtung der Spiele erhalten möchten -sonst wäre es ja kein Wettbewerb-
    fließen dann die Gelder gleich von mehreren Seiten den IOC-Mitgliedern zu.
    Wenn hinterher vom Geldgeber, z.B. der Stadt Berlin, Rechenschaft darüber gefordert wird, dann sind die Akten leider nicht mehr vorhanden. (Tut uns so leid!)
    Oder wenn von vornherein das Wort Transparenz mit in die Bewerbungspapiere einfließt (München), weiß man, dass man sich den ganzen Zirkus auch gleich 'sparen' kann.
    Denn die Mitbewerber praktizieren kreativere Buchführung.
    Der eigentliche Wettbewerb bei den Olympischen Spielen ist der Wettbewerb um die Vergabe der Spiele. Und das Doping, dass diese 'Spiele' beflügelt, ist die doppelte Buchführung bei den Bewerbern.
    Dopingkontrollen gibt es: Bei den Sportlern und dort (inzwischen meist) glaubwürdig.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Fifa | IOC | Radsport | Abschreckung | Apartheid | Bestechung
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