EM-Test in KiewDie torfreudige Jugendtruppe des fröstelnden Jogi Löw

Niemals hat Trainer Löw eine so junge Mannschaft wie in Kiew spielen lassen. Was als Test in der Ukraine gedacht war, wurde zum überraschenden Fußballfest. von 

Joachim Löw in Kiew

Joachim Löw in Kiew  |  © Joern Pollex/Bongarts/Getty Images

Es war nach Mitternacht im Pressesaal,  als etwas seltenes passierte. Joachim Löw hatte zuvor gut eineinhalb Stunden in der Kälte gestanden, seine Spieler angeschrien und sich trotz Mantel und Schaal die Nase etwas verkühlt. Im Freundschaftsspiel gegen die Ukraine hatte sein Team drei Tore geschossen und drei kassiert. Wie das kam, sollte der Bundestrainer nun im größten Konferenzraum des Kiewer Olympiastadions erklären.

Löw redete wie meist nach einem Länderspiel: ruhig, besonnen, galant. Danach verabschiedete er sich, wie immer höflich. Aber anders als sonst, gab es spontane Reaktionen im Reporterplenum. Die junge Übersetzerin erbat sich schnell ein Autogramm und fast alle ukrainischen Journalisten erhoben sich nach den Worten des deutschen Trainers gar von ihren Stühlen und applaudierten, kurz, aber herzlich. Wieso sie das taten, lässt sich nicht nur mit Löws freundlicher Eloquenz erklären.

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Die deutsche Nationalmannschaft war am 11.11.2011 der perfekte Gast in der Sportstadt Kiew. Das erste Fußballspiel nach der aufwändigen und überteuerten Sanierung des Olympiastadions hatte sich mit jeder Spielminute zu einem Fußballfest entwickelt.

In der ersten Spielhälfte ließ die Nationalelf die Ukrainer so ungehindert angreifen, dass auf der großen Videotafel schnell ein 2:0 für die Gastgeber angezeigt wurde. Als es kurz vor dem Halbzeitpfiff durch einen 25-Meter-Schuss gar 3:1 stand, sprang auch der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch vor Freude in die Luft.

Im Durchschnitt waren die Spieler der deutschen Nationalelf an diesem Abend jünger als 23 Jahre alt. Niemals zuvor hat Löw eine so junge Elf spielen lassen. Im Mittelfeld deuteten Özil, Götze und Kroos an, welch spielerische Zukunft dem deutschen Fußball gehört. In der Offensive spielten Gomez und Müller souverän. Trotz aller Unerfahrenheit und Fehler in der Abwehr schafften die Bundesligaprofis so in der zweiten Halbzeit den Ausgleich.

"Welch ein Spektakel!", sagte eine Studentin aus Kiew, als das ukrainische Team in der 90. Spielminute fast das 4:3 geschossen hätte. Die Ukrainerin arbeitete am Spieltag für den Fußballverband, um den EM-Test zu organisieren – ohne Bezahlung, aber mit der Hoffnung im kommenden Sommer beim Fußballgroßereignis einen richtigen Job zu bekommen.

Damit das Stadion mit fast 70.000 Leuten einige Minuten nach dem Anpfiff gefüllt war, bekamen zahlreiche Studenten und etliche Schülergruppen Tickets für das Freundschaftsspiel gegen Deutschland geschenkt. Fans des DFB-Teams berichteten, dass am Nachmittag vor der Partie offizielle Tickets für 1,80 Euro in Kiew verkauft wurden. Die Bauarbeiten im Stadion und in der gesamten Stadt sind noch nicht abgeschlossen.

Angst vor Hooligans

Die Sorge, im Juni 2012 könnte es neben dem Kommerz-Event der Europäischen Fußballunion auch zu einem Aufmarsch der osteuropäischen Hooligans kommen, bestätigen viele Kiewer. Doch neben all diesen Befürchtungen und Einschränkungen abseits der Fußballrasens: Kiew sei reif für das ganz große Fußball-Bohei, lautete die am häufigsten vernommene Botschaft des Abends. Der Chef des Organisationskomitees in der Ukraine hatte vor dem Spiel noch vollmundig versprochen, Regierung und Organisatoren würden ihr Bestes tun, das Turnier zur besten Europameisterschaft der Geschichte zu machen. 

Leserkommentare
  1. ... dass ist ihre hohe Moral, die sich in ihrem mannschaftlich geschlossenen Auftreten manifestiert. Da gibt niemand auf. Da gibt niemand dem Mitspieler die Schuld. Da gibt es fast keine Revanchefouls. Für solche Nachhaker kommt eigentlich nur noch Badstuber infrage, und auch der wird darin langsam reifer und bedächtiger.

    Mein Lob an Jogi Löw. Er hat eine geschlossen auftretende Truppe geformt, die so rein gar nichts mehr mit der Risiko und Verantwortung scheuenden völlerschen Ära gemeinsam hat.

    Bei so einer Mannschaft macht es auch bei einem Rückstand Spaß weiter zu zu schauen.

    Ich freue mich auf die nächste EM.

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    • 3cpo
    • 12. November 2011 12:49 Uhr

    Gut, dass Löw ein bisschen herum experimentiert. Und mir ging es genauso wie Ihnen. Normalerweise hätte ich abgeschaltet, aber ich blieb dran und das Spiel hat mir nicht die Stimmung versaut. Wer mir besonders gut gefallen hat, war Schürrle. Schneller Mann, auch technisch sehr gut. Die EM kann kommen.

    • Voce
    • 12. November 2011 10:32 Uhr

    Schneefalles war wohl bei dem einen oder anderen deutschen Spieler vorzeitig weihnachtliche Stimmung aufgekommen, denn es wurde über 90 Minuten nach dem Motto :" Macht hoch die Tüt, die Tor macht weit " gespielt und die Ukraine zum Tore schießen eingelden.
    Und das haben sie dann auch prima genutzt. Immerhin, kleinkriegen galt nicht und so hat sich die deutsche Mannschaft trotz vieler Schwachpunkte ( wann hört Löw endlich auf, Aogo und Träsch zu testen, die können einfach nicht mehr als gestern und einige Male vorher schon gezeigt) letzlich noch ganz gut aus der Affäre gezogen.

  2. Geheimnisvoll blickt Löw auf die rechte Seite - mit seinem Schal, den er so gerne zeigt. So geheimnisvoll war auch seine Taktik, die beinahe nach hinten los ging. Die zwei größten Talente Deutschlands Özil und Götze verzweifelten fast in der ersten Halbzeit und kurz vor ihrer Einwechslung, war es Özil, der wirkungslos blieb, ins Gesicht geschrieben. Warum auch nicht, denn mit dem neuen Trikot von Adidas hat sich schon Deutschland zum Europameister gemacht. Löw redet schon vom Finale. Nur wird dabei vergessen, dass andere Nationen sehr wohl auch Fußball spielen können.

  3. Davon ist diese Fußball-Nationalmannschaft noch weit entfernt.

    Ein besonderes Lob für den Ausdruck "Kommerz-Event". Als hätten die Ukraine und Polen keine anderen Sorgen.

    Erinnern wir uns an die Olympiade in Griechenland. Wir zahlen heute dafür. Genauso werden wir für die überzogene Fußball-EM bezahlen.

    Schachspielen wäre billiger.

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    Da muss ich mal Klugscheißen: Sie meinen sicherlich die Olympischen Spiele. Die Olympiade ist der Zeitraum zwischen den Olympischen (Sommer)spielen: http://de.wikipedia.org/w...

    ...langweiliger.

    • 3cpo
    • 12. November 2011 12:49 Uhr

    Gut, dass Löw ein bisschen herum experimentiert. Und mir ging es genauso wie Ihnen. Normalerweise hätte ich abgeschaltet, aber ich blieb dran und das Spiel hat mir nicht die Stimmung versaut. Wer mir besonders gut gefallen hat, war Schürrle. Schneller Mann, auch technisch sehr gut. Die EM kann kommen.

  4. Da muss ich mal Klugscheißen: Sie meinen sicherlich die Olympischen Spiele. Die Olympiade ist der Zeitraum zwischen den Olympischen (Sommer)spielen: http://de.wikipedia.org/w...

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    Olympiade als Bezeichnung für die Veranstaltung und den Zeitraum. Im Falle Griechenlands und auch der Fußball-EM in Polen und der Ukraine dürfte der Unterschied belanglos sein.

    Die Veranstaltungen verschlingen astronomische Summen. Und zwar Jahre vor der Eröffnung und Jahre nach der Schlußfeier.

    Griechenland und die EU zahlen heute für die Verschwendung von gestern. Ab Sommer 2013 werden Polen, die Ukraine und die EU für die Verschwendung von morgen zahlen. Die Ukraine ist nicht in der EU, wird aber trotzdem von der EU mitbetreut werden müssen.

    Angesichts der sozialen Probleme in der EU ist es immer wieder rätselhaft was die Menschen daran finden, 22 Millionären bei ihrer Freizeitbeschäftigung zuzusehen.

  5. Vertrauenserweckende Lichtblicke waren einzig Kroos, Boateng und Khedira...später noch Müller. Der Rest war Wattebauschfußball...bei Hummels hat man manchmal den Eindruck, er trägt seine Kopfhörer noch auf dem Rasen und pennt zu irgendeinem Liedchen...Özil stand neben sich, wenn Schweinsteiger fehlt erscheinen die Kreativen im Mittelfeld deutlich geschwächt. Träsch und Aogo haben in dieser Mannschaft nichts zu suchen, wobei Aogo wenigstens noch ohne Ball Ansätze zeigt.

  6. ...schon wieder auf einen Zug in die andere Richtung springen?
    Löw hat experimentiert. Hat beim ersten Mal nicht geklappt. Das hat die Viererkette und das 4-2-3-1 auch nicht.
    Jetzt auf einem Hummels, Khedira, Götze und Özil rumzuhacken ist einfach nur lächerlich. Das sieht man vor allem daran, dass die ganzen "Fussballexperten" diese SChwäche ausnutzen, die ganzen Ex-Fussballprofis aber nicht so einen Wind von machen.
    Einfach mal versuchen die Ups nicht ganz so hoch und die Downs nicht ganz so schlecht zu reden... würde vielen Leuten gut tun...

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  • Schlagworte Joachim Löw | Bundestrainer | DFB-Team | Hooligan | Nationalelf | Olympiastadion
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