NationalmannschaftDeutschland brilliert, Holland vanbommelt

Löws Elf beeindruckt gar in der B-Note: Deutschland hat Holland derart spielend dominiert, dass nun alles auf den EM-Showdown gegen Spanien hinausläuft. von 

Die vier Besten (v.l.n.r.): Sami Khedira, Thomas Müller, Miroslav Klose und Mesut Özil

Die vier Besten (v.l.n.r.): Sami Khedira, Thomas Müller, Miroslav Klose und Mesut Özil  |  © Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Es stand noch 0:0, Mesut Özil, gedeckt und mit dem Rücken zur Spielrichtung, wurde angespielt. Mark van Bommel, das Leittier der Holländer, nahm Özil und vielleicht auch den Ball ins Visier und ging zu Boden. Doch Özil hob den Ball leicht an, sprang über das Hindernis, drehte sich dabei und leitete den Angriff ein – alles eine einzige elegante Bewegung. Van Bommel grätschte ins Nichts, als er aufschaute, spielte die Musik längst woanders.

Beim 3:0-Sieg der Deutschen sah man in Hamburg einige Szenen wie diese, sie versinnbildlichten das neue Verhältnis zum Rivalen Holland. Der deutsche Fußball hat unter Joachim Löw einen steten Wandel vollzogen, es gibt kein geeigneteres Kontrastmittel dafür als Holland. Betrachtet man die vergangenen vier Jahrzehnte war Holland selbst zu erfolgreichsten deutschen Zeiten seinem großen Nachbarn ästhetisch und irgendwie auch moralisch überlegen.

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Holland stand für Voetbal total, Ballzirkulation, Schönheit, Deutschland für Berti, Briegel und Borowka. Immerhin konnte sich Deutschland mit dem nicht unwesentlichen Fakt trösten, dass es mehr Titel gewann.

Nun hat sich die Lage gedreht. Die Deutschen sind die Feingeister, die Ball und Gegner laufen lassen, die hochspringen müssen, wenn der Gegner auf Jagd geht. Hollands Coach Bert van Marwijk sagte während der Pressekonferenz nach dem Spiel: "Deutschland ist unglaublich stark im Umschalten nach vorne. Das konnten sie früher schon, aber jetzt können sie auch noch Fußball spielen."

Holland hingegen vanbommelt. In Hamburg gelangen ihnen in manchen Szenen nicht mal die Fouls. Ihre Angriffe waren so inspirierend wie die Oh-wie-ist-das-schön-Gesänge der deutschen Fans.

In Ausdruck und Ergebnis war Deutschland deutlich überlegen. Das neue Programm im Zirkus Löw heißt "Fluidität". Mittelfeldspieler und Stürmer rochieren ständig, durch eingeübte oder intuitiv vollzogene Laufwege zerschneiden sie die gegnerische Abwehr. Diesmal erwischte es hauptsächlich die linke Seite der Holländer. Durch ihre hohe technische Qualität erreichte die deutsche Elf eine Passquote von teilweise über 90 Prozent, ein Spitzenwert. "Holland war in der Defensive in einigen Phasen überfordert", sagte Löw nach dem Abpfiff. Keiner kam auf die Idee, das als Großmäuligkeit abzutun.

Leserkommentare
    • DerDude
    • 16. November 2011 12:03 Uhr

    ...und Italien, nicht zu vergessen. Da sind auch noch ein paar Rechnungen offen...

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    • cruyff
    • 17. November 2011 11:53 Uhr

    An diesen Abend hätte jedes Team die Niederländer geschlagen!
    Nicht in Form und Schwach besetzt!

  1. … war überwältigend. Dass die Deutschen unter Jogi Löw gelernt haben berauschend schönen Fußball zu spielen, ist ja schon seit längerer Zeit zu beobachten. Das Spiel gegen die Niederlande hat aber gezeigt, dass die Mannschaft in puncto Spielkultur, Schnelligkeit und technischer Raffinesse sich immer noch zu steigern weiß. Ich bin begeistert. Danke für einen grandiosen Fußballabend.

    • eluutz
    • 16. November 2011 12:15 Uhr

    Es war - von deutscher Seite gesehen - ein schönes Spiel. Inzwischen bilde sogar ich mir ein, dass es eine sichtbare Entwicklung der deutschen Fussball Nationalmannschaft gibt. Ich denke, Hoffnungen auf gute Spiel und mit ein wenig Glück einen Tiel, darf man sich jetzt wirklich machen.

    Zu so einem "Gesamtkunstwerk" gehört aber auch eine starke Bank. Ein Tunier wie EM/ WM bedeutet, dass in relativ kurzer Zeit viele Spiele gemacht werden müssen. Deshalb ist die erste Elf manchmal nur soviel Wert wie mögliche Ersatzspieler, seien es jetzt "Götze, Schürrle, Gomez, Reus, Hummels oder Holtby" oder tatsächlich Khedira (was ich noch nicht für ausgemacht halte).

    Tatsächlich ist Fussball eben kein Spiel, bei dem ein Trainer über die Maßen Eitelkeiten einzelner Spieler berücksichtigen kann. Ich denke, bei der aktuellen Leistungsdichte (zumindest sieht das von aussen so aus) entscheidet manchmal die Tagesform oder die taktische Einstellung.

    Deshalb an dieser Stelle hier meinen Respekt für die Mannschaft inklusive der Bank (aka B-Mannschaft), ohne die es nicht funktionieren kann.

  2. >> ... den Gästen fehlten zudem wichtige Offensivspieler wie Arjen Robben, Rafael van der Vaart und Robin van Persie ... <<

    ... Schweinsteiger und Lahm. Auch nicht gerade Ausschussware. Die Ausrede der Holländer zählt also nicht.

    Die gute Nachricht für 2012: Man hat nicht wirklich gemerkt, dass das nicht die Bestbesetzung war. Egal, wer spielt, auf dem Platz steht immer eine A-Mannschaft.

    Noch 205 Tage bis zur EM. Das wird ein Spaß :-)

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    • elfotzo
    • 16. November 2011 23:54 Uhr
    • elfotzo
    • 16. November 2011 23:54 Uhr
    • elfotzo
    • 17. November 2011 0:18 Uhr

    Doppelposting

    • elfotzo
    • 17. November 2011 0:18 Uhr

    Deutschland fehlten Chef und Kapitän, aber jeder Einzelne wollte und drängte sich auf. Selten wird es wohl schwerer ein EM-Ticket im deutschen Kader zu ergattern wie heuer. Die Niederländer werden meiner Meinung nach sowieso überbewertet. Wirklich gut bei der WM 2010 waren Sie nur gegen Brasilien und Uruguay. Im Finale fielen Sie vor allem durch harte Spielweise auf und haben verdient verloren.
    Spanien bekleckert sich gerade auch nicht mit Ruhm, siehe England und Costa Rica.
    Denke, dass es eine sehr spannende EM werden kann, mit Deutschland und Spanien als Hauptfavoriten. Die anderen Nationen werden aber nicht schlafen, und vielleicht dazwischen funken.

    • 3cpo
    • 16. November 2011 12:43 Uhr

    Verstehe den Artikel nicht. Die Holländer waren grottenschlecht und somit war es für Deutschland wirklich nicht schwer zu gewinnen, oder aber wie beim 3:0 mal schön Kurz- und Doppelpass inkl. Tor zu spielen. Das war kein wirklich ernst zu nehmender Gegner. Ich fand das Spiel übelst langweilig. Ich hatte mir einfach eine "spannende" Partie erhofft, mit einem ebenbürtigen Gegner. Das war aber eher ne Schwarz-Rot-Gold Katze und 'ne orangene Maus.

    Gegen die Ukraine wars andersrum. Deutschland spielte schlecht und die Ukraine nutzte das aus. Aber das Spiel war wenigstens spannend.

    cu

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    • Anay
    • 16. November 2011 13:31 Uhr

    Sehe ich auch so. Holland schien nicht wirklich Bock zu haben. Die spielten mit 80% Leistung. Höchstens. Irgendwie sehe ich den deutschen Fußball meist als Fortführung der WM 2010: schön, künstlerisch anspruchsvoll, leicht, taktisch gefestigt, aber irgendwie habe ich immer das Wort vom "in Schönheit sterben" im Hinterkopf. Ich weiß nicht, ob die Mannschaft auch geduldig in einem Spiel gegen einen auf Augenhöhe operierenden, hartnäckigen und guten Gegner einen Sieg erkämpfen kann. Die anderen Mannschaften (selbst Spanien und Brasilien) spielen momentan nicht sonderlich super, sind aber bei der WM (NL & ES) an uns vorbeigezogen, und könnten es auch bei der EM. In der Quali haben sie das Nötigste getan, und das war erfolgreich. Ist unsere Mannschaft schon so abgeklärt und effizient, erwachsen und erfahren genug? Schön spielen gegen unmotivierte Gegner reicht nicht. Und immer das Gerede von Spanien und Holland, als ob die die einzigen wären: England und Italien sollte man definitiv auf der Rechnung haben. Und nicht vergessen, dass wir nicht als Gruppenkopf gesetzt sind, also bei der EM schon in der Vorrunde arge Probleme bekommen können.

    Von den zwei letzten Spielen ist das 3:3 gegen die Ukraine viel wertvoller: ein hochmotivierter Gegner, eine deutsche 1B-Mannschaft, auswärts, mit dem 3er-Ketten-System einfach mal von Löw ins kalte Wasser geschmissen… und sie haben nicht aufgegeben und nicht verloren. <em>Das</em> ist die Einstellung, mit der man Europameister werden kann.

    • dacapo
    • 16. November 2011 17:13 Uhr

    Es scheint, ich habe zwei andere Spiele gesehen als Sie. Aber ich kann mir sicher sein, dass diese Ihre Äußerung zur üblichen Mieselpampeligkeit der Deutschen zu zählen ist. Ohne Meckern geht es bei den Deutschen immer noch nicht. Nur gut, dass sich der deutsche Fussball ein bisschen zum Flotteren entwickelt hat.

    Sie schreiben: "Ich fand das Spiel übelst langweilig."
    Ist natürlich Ihr gutes Recht - jeder hat das Recht auf seinen eigenen Geschmack.

    Ich selbst befinde mich, wenn ich das richtig sehe, in
    guter(?), jedenfalls großer Gesellschaft von Leuten, denen es anders ging. Ein Team Holland, das nach eigenem Bekunden in ein Prestigeduell gegangen ist, durch die "eigene" Nationalmannschaft so beherrscht zu sehen, hat m.E. schon einen hohen Unterhaltungswert. Abgesehen davon, dass selbst ein zunehmend ratloser gewordener Gegner durch irgend einen Umstand plötzlich wieder in die Gänge kommen und Fahrt aufnehmen kann (vgl. z.B. die Spätphase im letzten Brasilien-Spiel, wo zunächst schon alles gelaufen schien und es für die DFB-Elf dann doch noch einmal eng wurde).

    Zum Ukraine-Spiel muss ich auch ein bisschen widersprechen. Sicher spielten da Löws Mann nicht so gut wie gestern, aber sie spielten nicht wirklich schlecht. Ein paar wenige Fehler, und ein cleverer Gegner macht mit etwas Glück das Optimum draus. Die schwächere Abwehr war neben dem Fehlen von Lahm und Schweinsteiger auch dem (laut Löw bewusst unvorbereiteten !) Systemwechsel geschuldet. Als "es" dann passiert war, erkämpfte sich die "splecht" spielende Mannschaft dann doch nach einem 2-Tore-Rückstand immerhin noch ein Remis.

    • Anay
    • 16. November 2011 13:31 Uhr
    6. @3cpo

    Sehe ich auch so. Holland schien nicht wirklich Bock zu haben. Die spielten mit 80% Leistung. Höchstens. Irgendwie sehe ich den deutschen Fußball meist als Fortführung der WM 2010: schön, künstlerisch anspruchsvoll, leicht, taktisch gefestigt, aber irgendwie habe ich immer das Wort vom "in Schönheit sterben" im Hinterkopf. Ich weiß nicht, ob die Mannschaft auch geduldig in einem Spiel gegen einen auf Augenhöhe operierenden, hartnäckigen und guten Gegner einen Sieg erkämpfen kann. Die anderen Mannschaften (selbst Spanien und Brasilien) spielen momentan nicht sonderlich super, sind aber bei der WM (NL & ES) an uns vorbeigezogen, und könnten es auch bei der EM. In der Quali haben sie das Nötigste getan, und das war erfolgreich. Ist unsere Mannschaft schon so abgeklärt und effizient, erwachsen und erfahren genug? Schön spielen gegen unmotivierte Gegner reicht nicht. Und immer das Gerede von Spanien und Holland, als ob die die einzigen wären: England und Italien sollte man definitiv auf der Rechnung haben. Und nicht vergessen, dass wir nicht als Gruppenkopf gesetzt sind, also bei der EM schon in der Vorrunde arge Probleme bekommen können.

    Von den zwei letzten Spielen ist das 3:3 gegen die Ukraine viel wertvoller: ein hochmotivierter Gegner, eine deutsche 1B-Mannschaft, auswärts, mit dem 3er-Ketten-System einfach mal von Löw ins kalte Wasser geschmissen… und sie haben nicht aufgegeben und nicht verloren. <em>Das</em> ist die Einstellung, mit der man Europameister werden kann.

    Antwort auf "Deutschland brilliert?"
  3. Ach, immer diese selektive Wahrnehmung! Die Niederländer waren den Deutschen also früher "irgendwie moralisch überlegen". Was für eine Formulierung. Sicher gilt das auch für Dänemark, Frankreich, Portugal, Tschechien, Italien, etc..
    Es gab in den Niederlanden vier "goldene Generationen".

    1. Cryuff/Neeskens in den Siebzigern.

    2. Gullit, van Basten, Rijkaard um die 1990-er

    4. Die Ajax-Jungs um Davids, Seedorf, Bergkamp und die Jahrtausendwende

    5. Das Team der letzten WM mit Robben, van Persie, Snijder

    Dazwischen war schon gerne mal 10 Jahre Funkstille. Oder erinnert sich jemand an einen holländischen Spieler der( frühen) Achtziger Jahre?
    Da stand Deutschland immerhin in 2 WM-Finals. Aber da waren dann Frankreich und Italien die Hauptkonkurrenten, oder gar Argentinien. Das unterscheidet eben Deutschland von den meisten anderen Ländern. Wir haben fast immer eine konkurrenzfähige Nationalmannschaft, während andere (meist kleinere) Länder auf eine goldene Generation hoffen müssen. Erinnert sich z.B. noch jemand an Bulgarien?
    Wir in Deutschland nehmen bestimmte Länder immer nur dann wahr, wenn diese Länder mal gleichwertig oder besser sind. Befinden sich diese in einer Schwächephase, werden sie durch ein anderes Team ersetzt, das dann angeblich den ultimativen Fußball spielt.
    In manchen Köpfen setzt sich dann fest, dass diese Mannschaften schon immer "besser gespielt" hätten.

    • Voce
    • 16. November 2011 14:18 Uhr

    Turnieren immer noch, was angesichts der vielen guten Leistungen in der Vergangenheit doch einiges zu hoffen gibt, nicht nur für die EM, sondern auch für die WM. Die junge deutsche Elf ist so gut drauf (und sie wird sich auch noch weiterentwickeln und weiterverbessern), dass sie das Vermögen zu haben scheint, es den Spaniern bei den kommenden Turnieren nachmachen und beide Turniere für sich entscheiden könnte. Die Qualität dafür hat sie .

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