Schach-EuropameisterschaftDer Schach-Guru aus Usbekistan flüsterte die Sieg-Taktik

Vom Außenseiter zum Europameister: Den größten Teamerfolg seiner Geschichte verdankt der deutsche Schachbund dem usbekischen Großmeister Kasimdschanow. von Stefan Löffler

Das deutsche Team bei der EM (von links): Kapitän Bönsch, Naiditsch, Kasimdschanow, Gustafsson, Fridman und Buhmann

Das deutsche Team bei der EM (von links): Kapitän Bönsch, Naiditsch, Kasimdschanow, Gustafsson, Fridman und Buhmann  |  © Schach-EM Porto Carras

Der Schlachtplan für den entscheidenden Wettkampf gegen den Schachweltmeister Armenien wurde auf einem nächtlichen Spaziergang rund um die griechische Ferienanlage Porto Carras auf Sithonia entworfen. "Georg, die beste Chance, eine Partie zu gewinnen, haben wir an Deinem Brett", sagte der mit der deutschen Mannschaft angereiste Trainer Rustam Kasimdschanow leise.

Georg Meier, ein 24-jähriger Trierer, derzeit Wirtschaftsstudent an der Texas Tech University in Lubbock, konnte nicht sicher sein, ob er richtig verstanden hatte. Schließlich führte er die schwarzen Steine, ging nicht mit dem Vorteil des ersten Zugs ins letzte Europameisterschafts-Spiel. Und in Sergei Movsesian erwartete ihn ein fast sechzig Weltranglistenplätze vor ihm klassierter Gegner.

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Doch Kasimdschanow hatte weiter gedacht: "Mit Weiß wird sich der Armenier gezwungen fühlen, auf Gewinn zu spielen. Aber gegen Georg in dieser Form zu gewinnen, ist sehr schwierig", sagt Kasimdschanow.

Meier sollte die Französische Eröffnung spielen. Wenn Movsesian dann auf die Vorstoßvariante verzichtete, sollte Meier jedoch nicht seine übliche Rubinstein-Variante spielen, mit der er fast immer ein Remis bekommt, aber selten gewinnt, sondern in die schärfere Hauptvariante einlenken. "Ich kann nicht sagen kann, ob das Georgs oder meine Idee war, wir haben so viel diskutiert und zusammen analysiert", so Kasimdschanow.

Die Marschroute des 31-Jährigen, der in der Bundesliga neuerdings zusammen mit Meier, Arkadi Naiditsch und Jan Gustafsson für Meister OSG Baden-Baden spielt, wurde am folgenden Tag umgesetzt: Am ersten Brett unternahm der Dortmunder Naiditsch mit Weiß keinerlei Gewinnversuche gegen Armeniens Spitzenspieler Lewon Aronjan. Nach nicht einmal zehn Minuten war ein Unentschieden vereinbart. Wenig später gab der Bochumer Daniel Fridman die einzige weitere Weißpartie remis.

An den beiden verbliebenen Brettern hatte das deutsche Team Schwarz. Das bedeutet in der Regel zunächst Defensive, doch schon in den vorangehenden Runden wurden die entscheidenden Punkte mit den schwarzen Figuren erzielt: Beim 2,5:1,5 gegen Rumänien ließ sich Fridman einen Springer wegnehmen, um das ausschlaggebende Tempo für einen Konter zu gewinnen. Gegen Aserbaidschan provozierte Naiditsch den Weltranglistenfünften Teimur Radschabow zu einem zum Scheitern verurteilten Angriff.

Meiers Variantenwechsel brachte Movsesian wie beabsichtigt aus dem Konzept. Mit Aufmerksamkeit und taktischen Schlägen an beiden Flügeln gewann er eine mustergültig geführte Partie. Als Meiers Mannschaftskollege Gustafsson alle Gewinnversuche Sargissjans abgewehrt hatte, war ein 2,5:1,5 perfekt.

Deutschland war Europameister vor Aserbaidschan und Ungarn . Armenien blieb nur der vierte Platz. Dauerfavorit Russland, das bis vor zehn Jahren fast alle Titel einstrich, steckte mit Platz fünf eine weitere Enttäuschung ein.

Noch schlimmer erwischte es den Sieger der letzten Schacholympiade: Die Ukraine wurde Fünfzehnter. Für den Deutschen Schachbund ist es nur ein Jahr nach seiner vielleicht schwersten Blamage, dem 64. Platz bei der Schacholympiade , der größte Mannschaftserfolg in seiner 134-jährigen Geschichte.

Leserkommentare
    • Chaplin
    • 14. November 2011 15:42 Uhr

    Wenn wir schon bei Brettspielen sind:
    Nächstes Jahr ist der Europäische Go Kongress (http://www.egc2012.eu/) in Deutschland, genauer gesagt in Bonn.
    Wäre klasse, wenn es dazu auch einen zweiseitigen Artikel gäbe - immerhin spielt Deutschland europaweit in Go ebenfalls oben mit!

  1. ... diese Feilscherei und Berechnerei, wer gegen wen die minimal besseren Chancen hat, um so die Sitze zu verteilen und dann noch sich fest vorzunehmen, gegen diesen oder jenen Spieler keinesfalls auf Gewinn zu spielen - einfach ein Graus. Alles feige Kerle. Statt frisch aufzuspielen und das Beste zu geben, egal, was kommen mag. So wie die das "aussitzen", interessiert mich das nicht. Da kauf ich keine Schachzeitung.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • iblis
    • 14. November 2011 19:41 Uhr

    es gehe einfach nur darum, seine eigene Partie schön zu spielen, der wird nach kurzer Zeit wie durch Zauberhand erfolglosen Mannschaften mit schlechter Stimmung angehören. Und auch das nicht auf Dauer.

    Jeder, der selbst aktiv Sport treibt, weiß, dass man nicht auf Biegen und Brechen losrennen oder auf Gewinn spielen sollte. Wenn ein Team zuhause gegen Real Madrid gewonnen hat, wird es in Madrid ein 3:3 in der vorletzten Minute besser sicher ausbolzen als ungestüm mit 3:4 gewinnen zu wollen. Wer im Abfahrtslauf eine niedrige Startnummer kriegt, wird nicht aus Überfairness dem Gegener vorlassen.
    Ähnlich ist es in allen (zumindest allen, die ich kenne) Sportarten: man agiert auch taktisch. Selbstverständlich ist es auch im Schach so. Ich werde gegen einen sehr viel stärkeren Gegner mit Schwarz nicht die modernste Königsindischvariante anstreben (nur weil's lebendiger oder scheinar fairer ist) sondern lieber die slawische Abtauschvariante.
    Im Team muss man zudem teamverträglich spielen. Wenn mein Mannschaftsführer mir ein Remis nahelegt, biete ich das an, auch wenn ich leicht besser stehe und meine gewinnen zu können. Vielleicht gewinnt gerade deshalb mein Team.
    Wer dazu "erbärmlich" schreibt hat wenig vom Wettkampfsport verstanden. Er möge im Trockenbecken oder Fitnessstudio oder Kaffeehaus verharren und dort seine Schwerpunkte setzen. Ist ja völlig OK, aber die sportlich taktische Einstellung ist deshalb keineswegs "erbärmlich".

    • iblis
    • 14. November 2011 19:41 Uhr

    es gehe einfach nur darum, seine eigene Partie schön zu spielen, der wird nach kurzer Zeit wie durch Zauberhand erfolglosen Mannschaften mit schlechter Stimmung angehören. Und auch das nicht auf Dauer.

    Antwort auf "Erbärmlich ..."
  2. leider ist die Headline "Der Schach-Guru aus Usbekistan flüsterte die Sieg-Taktik" etwas mißverständlich. Den Titel haben die 5 schon selber geholt und ein so kurzfristig einberufener Coach kann allenfalls Nuancen verändern.

  3. Jeder, der selbst aktiv Sport treibt, weiß, dass man nicht auf Biegen und Brechen losrennen oder auf Gewinn spielen sollte. Wenn ein Team zuhause gegen Real Madrid gewonnen hat, wird es in Madrid ein 3:3 in der vorletzten Minute besser sicher ausbolzen als ungestüm mit 3:4 gewinnen zu wollen. Wer im Abfahrtslauf eine niedrige Startnummer kriegt, wird nicht aus Überfairness dem Gegener vorlassen.
    Ähnlich ist es in allen (zumindest allen, die ich kenne) Sportarten: man agiert auch taktisch. Selbstverständlich ist es auch im Schach so. Ich werde gegen einen sehr viel stärkeren Gegner mit Schwarz nicht die modernste Königsindischvariante anstreben (nur weil's lebendiger oder scheinar fairer ist) sondern lieber die slawische Abtauschvariante.
    Im Team muss man zudem teamverträglich spielen. Wenn mein Mannschaftsführer mir ein Remis nahelegt, biete ich das an, auch wenn ich leicht besser stehe und meine gewinnen zu können. Vielleicht gewinnt gerade deshalb mein Team.
    Wer dazu "erbärmlich" schreibt hat wenig vom Wettkampfsport verstanden. Er möge im Trockenbecken oder Fitnessstudio oder Kaffeehaus verharren und dort seine Schwerpunkte setzen. Ist ja völlig OK, aber die sportlich taktische Einstellung ist deshalb keineswegs "erbärmlich".

    Antwort auf "Erbärmlich ..."

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  • Schlagworte Armenien | Remis | Usbekistan | Aserbaidschan | Russland | Ukraine
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