Darf ein Torwart Gewalt gegenüber einem Fan anwenden, der ihn angreift? Darf der Schiedsrichter den Torwart daraufhin des Feldes verweisen? Und wo verläuft die Grenze zwischen Notwehr und Körperverletzung? Diese Fragen werden nach dem abgebrochenen Pokalspiel Ajax Amsterdam gegen AZ Alkmaar in den Niederlanden augenblicklich heftig diskutiert.

Ein 19-jähriger mutmaßlich betrunkener Fan war in der 36. Minute des Spiels aufs Feld gelaufen und auf den Alkmaar-Torwart Esteban Alvarado zugestürmt. Der Schlussmann aus Costa Rica verteidigte sich – "begreiflicherweise", wie die Zeitung De Telegraaf am Donnerstag urteilte. Alvarado verteidigte sich aber nicht nur, sondern trat danach noch mehrmals auf den bereits am Boden liegenden Fan ein.

Auf dem Platz kam es zu Tumulten. Schiedsrichter Bas Nijhuis schickte den Alkmaar-Keeper dennoch mit Rot vom Platz. Eine Entscheidung, die der ehemalige Schiedsrichter Mario van den Ende im De Telegraaf verteidigte: "Regel 12 ist ganz eindeutig. Wenn ein Spieler sich einer Gewalthandlung auf dem Platz oder gegen einen Zuschauer oder Offiziellen schuldig macht, ist er mit der Roten Karte zu bestrafen. Spielregeltechnisch hat Nijhuis richtig entschieden.“

Nach dem Platzverweis gegen seinen Torwart verließ das Team von Alkmaar auf Anweisung ihres Trainers Gert Jan Verbeek beim Stand von 0:1 in der 37. Minute geschlossen das Feld. Das Spiel musste abgebrochen werden. Das Disziplinargericht des niederländischen Fußballverbandes wird nun entscheiden, ob die Partie so gewertet oder ausgespielt wird.

"Ich habe gesehen, dass Esteban attackiert wurde und sich verteidigt hat", sagte der verständnisvolle Ajax-Coach Frank de Boer. "Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, aber ich kann ihn mit seinem südamerikanischen Temperament verstehen." Esteban reichte Strafanzeige gegen den Fan ein, der in einer ersten Polizeivernehmung angegeben haben soll, er könne den Torwart nicht ausstehen. Abgesehen von einem Strafverfahren droht ihm nun ein lebenslanges Stadionverbot.

Am Abend kam es zu schweren Ausschreitungen wütender Fußball-Fans. Die Polizei rückte vor der Amsterdam Arena mit Wasserwerfern an und nahm acht mutmaßliche Randalierer fest – vier wegen Gewaltanwendung und vier wegen des illegalen Einsatzes von Feuerwerkskörpern.

Der Amsterdamer Club entschuldigte sich am Donnerstag für den Zwischenfall in der Achtelfinal-Partie. "Was für ein Wahnsinn. Das ist ein Drama und ein historischer Tiefpunkt für Ajax", sagte der Interimssportdirektor Danny Blind.

Am Donnerstagabend befand die Anklagevertretung beim niederländischen Fußballverband KNVB, die gewalttätige Reaktion von Torhüter Esteban Alvarado auf die Attacke eines Fans hätte nicht zwingend mit einem Platzverweis bestraft werden müssen. Somit wurde die Rote Karte für ungültig erklärt.