ZEIT ONLINE : Herr Pitsch, Sie erforschen hauptsächlich Doping im Spitzensport. Nun haben Sie herausgefunden, dass im Amateurfußball oft Ergebnisse abgesprochen werden. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Werner Pitsch : Durch Gespräche mit Studenten, die Fußball spielen, habe ich erfahren, dass das alltäglicher vorkommt als ich dachte.

ZEIT ONLINE : Warum machen das Amateur- also Hobbyfußballer?

Pitsch : Ich erkenne zwei Muster. Erstens, das liegt nahe, geht es um den sportlichen Erfolg. Manche Mannschaften wollen aufsteigen, manche nicht absteigen. Dann unterbreiten sie der gegnerischen Mannschaft Angebote.

ZEIT ONLINE : Das zweite Muster?

Pitsch : Die Herstellung des sozialen Friedens. Ich habe in Interviews gehört, dass Mannschaft A gegen Mannschaft B absichtlich verloren hat, weil Mannschaft C, der direkte Konkurrent von B, so unsympathisch und unfair ist und sanktioniert werden sollte. So wurde unmoralisches Handeln moralisch begründet. Wir nennen so etwas Neutralisierung.

ZEIT ONLINE : So manche Mannschaft hat schon absichtlich verloren, um ihrem Gegner dabei zu helfen, nicht abzusteigen. Denn der kommt vielleicht aus einem Ort, der näher dran liegt als dessen Konkurrent, bringt mehr Zuschauer mit oder hat selbst schon mal geholfen.

Pitsch : Das sind Grenzfälle von Spielmanipulationen. An diesen Beispielen wird sehr gut deutlich, dass wir uns mit einem Gegenstand beschäftigen, der sehr schwer abzugrenzen ist.



ZEIT ONLINE : Bekannt ist auch die Spende für die Mannschaft, die gegen den direkten Konkurrenten spielt.

Pitsch : Das zählen wir nicht zur Manipualtion, denn das ist eine Siegprämie. Wenn Uli Hoeneß dem Gegner von Dortmund für einen Sieg Würstchen verspricht, empfindet das auch niemand als Betrug.

ZEIT ONLINE : In Ihrer Studie hatten Sie mit einer Mannschaft zu tun, die ohne Belohnung von Dritten absichtlich verloren hat.

Pitsch : Ja, die Herren vermieden, aufzusteigen, weil ihnen in einer Liga darüber der Trainingsaufwand zu groß geworden wäre. Das wollten sie ihren Frauen und Kindern nicht zumuten, außerdem hat das Budget des Vereins nicht gereicht. Auch das ist ein Sonderfall, eine nette Anekdote. Genau wie die des Schiedsrichters, der von Eltern mit Vergünstigungen gelockt wurde, damit ihr kleiner Sohn siegt.

ZEIT ONLINE : Welche Rollen spielen Schiedsrichter generell?

Pitsch : Mir ist kein Hoyzer der Amateure bekannt, sie sind meines Wissens nie die Initiatoren. Alle anderen aber schon: Spieler, Vorstände, Zuschauer.

ZEIT ONLINE : Wie hoch ist denn so ein Bakschisch, gibt es eine informelle Preisliste?

Pitsch : Manchmal gibt es ein bisschen Geld. Häufiger sind Lebensmittel, sprich: drei bis fünf Kisten Bier für die Mannschaftsfeier.

ZEIT ONLINE : So billig?

Pitsch : Der Anreiz darf nicht zu klein sein, aber noch weniger darf er zu groß sein. Sonst bekommt es den Geruch des Anstößigen. Hohe Geldbeträge würden die meisten Amateurfußballer aus Gewissensgründen ablehnen. Der Mogler argumentiert moralisch.