AmateurfußballDrei Kisten Bier für eine gewollte Niederlage

Jeder siebte Amateurfußballer manipuliert oder leidet unter Spielabsprachen. Der Betrug, sagt der Wissenschaftler Werner Pitsch im Interview, hat eine soziale Funktion. von 

Geht es hier mit rechten Dingen zu? Szene aus einem Amateurspiel auf dem Grandplatz von Osdorf, einem Hamburger Stadtteil

Geht es hier mit rechten Dingen zu? Szene aus einem Amateurspiel auf dem Grandplatz von Osdorf, einem Hamburger Stadtteil  |  © Christin Schaaf

ZEIT ONLINE : Herr Pitsch, Sie erforschen hauptsächlich Doping im Spitzensport. Nun haben Sie herausgefunden, dass im Amateurfußball oft Ergebnisse abgesprochen werden. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Werner Pitsch : Durch Gespräche mit Studenten, die Fußball spielen, habe ich erfahren, dass das alltäglicher vorkommt als ich dachte.

ZEIT ONLINE : Warum machen das Amateur- also Hobbyfußballer?

Pitsch : Ich erkenne zwei Muster. Erstens, das liegt nahe, geht es um den sportlichen Erfolg. Manche Mannschaften wollen aufsteigen, manche nicht absteigen. Dann unterbreiten sie der gegnerischen Mannschaft Angebote.

ZEIT ONLINE : Das zweite Muster?

Pitsch : Die Herstellung des sozialen Friedens. Ich habe in Interviews gehört, dass Mannschaft A gegen Mannschaft B absichtlich verloren hat, weil Mannschaft C, der direkte Konkurrent von B, so unsympathisch und unfair ist und sanktioniert werden sollte. So wurde unmoralisches Handeln moralisch begründet. Wir nennen so etwas Neutralisierung.

ZEIT ONLINE : So manche Mannschaft hat schon absichtlich verloren, um ihrem Gegner dabei zu helfen, nicht abzusteigen. Denn der kommt vielleicht aus einem Ort, der näher dran liegt als dessen Konkurrent, bringt mehr Zuschauer mit oder hat selbst schon mal geholfen.

Anzeige

Pitsch : Das sind Grenzfälle von Spielmanipulationen. An diesen Beispielen wird sehr gut deutlich, dass wir uns mit einem Gegenstand beschäftigen, der sehr schwer abzugrenzen ist.

Forschungslage

Es gibt wenige, meist ökonomische Studien zur Manipulation im Profifußball – trotz der zahlreichen Vorfälle in der Türkei, Italien oder Deutschland. Am einschlägigsten sind die Arbeiten von Boeri und Severgnini zum Betrug in der italienischen Serie A. Sozialwissenschaftliche Forschung zu dem Thema ist unbekannt. Manipulationen im Amateurfußball waren bisher noch nicht empirisch untersucht worden. Der DFB hatte Werner Pitschs Finanzierungsantrag für dieses Projekt abgelehnt.

Die Pitsch-Studie

An der Online-Umfrage (August bis Oktober 2011) von Werner Pitsch nahmen 349 Amateurfußballer und 68 Amateurfußballerinnen im durchschnittlichen Alter von 26 Jahren teil. Rund jede(r) siebte gab dabei an, in der Saison 2010/11 von Spielabsprachen betroffen gewesen zu sein. Eine ähnlich große Zahl war mindestens einmal an Spielmanipulationen beteiligt. Einen geschlechtsspezifischen Unterschied konnte Pitsch nicht feststellen. Diese quantitative Erhebung wurden durch qualitative Analyse, vor allem Interviews, ergänzt.



ZEIT ONLINE : Bekannt ist auch die Spende für die Mannschaft, die gegen den direkten Konkurrenten spielt.

Pitsch : Das zählen wir nicht zur Manipualtion, denn das ist eine Siegprämie. Wenn Uli Hoeneß dem Gegner von Dortmund für einen Sieg Würstchen verspricht, empfindet das auch niemand als Betrug.

ZEIT ONLINE : In Ihrer Studie hatten Sie mit einer Mannschaft zu tun, die ohne Belohnung von Dritten absichtlich verloren hat.

Pitsch : Ja, die Herren vermieden, aufzusteigen, weil ihnen in einer Liga darüber der Trainingsaufwand zu groß geworden wäre. Das wollten sie ihren Frauen und Kindern nicht zumuten, außerdem hat das Budget des Vereins nicht gereicht. Auch das ist ein Sonderfall, eine nette Anekdote. Genau wie die des Schiedsrichters, der von Eltern mit Vergünstigungen gelockt wurde, damit ihr kleiner Sohn siegt.

ZEIT ONLINE : Welche Rollen spielen Schiedsrichter generell?

Pitsch : Mir ist kein Hoyzer der Amateure bekannt, sie sind meines Wissens nie die Initiatoren. Alle anderen aber schon: Spieler, Vorstände, Zuschauer.

ZEIT ONLINE : Wie hoch ist denn so ein Bakschisch, gibt es eine informelle Preisliste?

Pitsch : Manchmal gibt es ein bisschen Geld. Häufiger sind Lebensmittel, sprich: drei bis fünf Kisten Bier für die Mannschaftsfeier.

ZEIT ONLINE : So billig?

Pitsch : Der Anreiz darf nicht zu klein sein, aber noch weniger darf er zu groß sein. Sonst bekommt es den Geruch des Anstößigen. Hohe Geldbeträge würden die meisten Amateurfußballer aus Gewissensgründen ablehnen. Der Mogler argumentiert moralisch.

Leserkommentare
    • Dismas
    • 01. Dezember 2011 18:07 Uhr
    1. [...]

    gerade im Amateurfussball existieren noch Werte und Anstand.
    Hier ist wieder ein Analyst zugange, der keinen Verein in den untersten Ligen kennt.

    Überschrift entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/se

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Ich kann die Zahlen der Studie nicht verteidigen. Als jemand, der über dreißig Jahre im Amateur- und Jugendfußball als Spieler, Trainer, Spielertrainer, sogar in der Vorstandsarbeit tätig gewesen bin, kann ich aber bestätigen, dass solche Dinge vorkommen.

    In der vergangenen Saison hat unser Konkurrent im Abstiegskampf am letzten Spieltag 8:0 gewonnen. Es war genau das Ergebnis, was ihm zum Klassenerhalt gereicht hätte, wenn wir verloren hätten. (Ham wir aber nicht.)

    Zitat: "Gerade im Amateurfussball existieren noch Werte und Anstand." Schöner Satz, ich sage ihn auch immer gerne. Aber wohlwissend, dass dabei die Hühner lachen.

    Ja die Werte.

    Man hilft einen befrundeten Verein doch beim abstiegskampf, und krigt villeicht mal ein paar punkte wenn es um den eigenen Aufstieg geht.

    Ja eherlcih sind die Leute, schon komisch das es immer gantz normal ist das solche Nettigkeiten niemand aufschreibt und sich doch fast immer alle daran halten und den Grafllen auch Jahre später noch immer nicht vergessen haben und noch immer gereit sind ihn zu vergelten.

    Man hat halt Ehre und Werte, die sind zwar nicht immer die eines nur auf Profit ausgelegen Profisports, aber genau desshalb hat man sie ja auch. Um im Verein mentschlich zu bleiben und ebend nicht zu den Sportler zu werden der nur den sieg will, und nicht an den Freundschaften und den Vereinsleben interessiert ist.

    Und wenn der Aufstig oder Klassenerhalt gesichert ist, warum dann nich auch mal halb besoffen vom Fest spielen, dann freun sich halt die ander um die Punkte und die eigenen fans feiern eh mit ihren Verein schon mal das geschafte.

    • Monteri
    • 01. Dezember 2011 18:19 Uhr

    Das hieße, wenn an seinen Spinnereien glauben würde
    in jeder Amateurmannschaft wäre mindestens 1 Betrüger-

    • Monteri
    • 01. Dezember 2011 18:21 Uhr

    nur der Author ud seine " Studenten "

  1. dass von 14 Mannschaften ungefähr 2 (Auswechselspieler nicht mitgerechnet) kollektiv Absprachen betreiben. Das ist vermutlich auch am effektivsten, da in den unteren Klassen teilweise die Leistungsdichte nicht so hoch ist, dass 1 oder 2 Spieler zwingend über Sieg oder Niederlage entscheiden. Bzw. wäre es sehr auffällig, wenn gerade solche Leistungsträger spielentscheidende Fehler begehen. Außerdem kann ich mir das Szenario mit den Bierkistchen für die Mannschaftsfeier gut vorstellen.

    Beim Bayerischen Fußball Verband war es zumindest früher in den unteren Klassen so geregelt, dass es bei Punktgleichheit am Saisonende immer ein Entscheidungsspiel gab. Eigentlich eine ganz passable Methode, um Spiele mit einem Ergebnis von 20+:0 am Saisonende zu vermeiden - ob dann wiederum mehr Spiele abgesprochen werden ist natürlich eine andere Frage.
    Vielleicht sollte man auch so eine Art Play-Offs am Ende der regulären Runde mit z.B. den Top 4 bzw. den schlechtesten 4 der jeweiligen Klasse durchführen.

    Interessant wäre es allerdings zu erfahren, in welchen Ligen die Untersuchungen in der Saison 2010/2011 durchgeführt wurden.

  2. Redaktion

    Ich kann die Zahlen der Studie nicht verteidigen. Als jemand, der über dreißig Jahre im Amateur- und Jugendfußball als Spieler, Trainer, Spielertrainer, sogar in der Vorstandsarbeit tätig gewesen bin, kann ich aber bestätigen, dass solche Dinge vorkommen.

    In der vergangenen Saison hat unser Konkurrent im Abstiegskampf am letzten Spieltag 8:0 gewonnen. Es war genau das Ergebnis, was ihm zum Klassenerhalt gereicht hätte, wenn wir verloren hätten. (Ham wir aber nicht.)

    Zitat: "Gerade im Amateurfussball existieren noch Werte und Anstand." Schöner Satz, ich sage ihn auch immer gerne. Aber wohlwissend, dass dabei die Hühner lachen.

    Antwort auf "[...]"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ich wollte eigentlich einen ähnlichen Kommentar mit entgegengesetzter Aussage verfassen. Als jemand der insgesamt 25 Jahre im Jugend-und Amateurfussball als Spieler und Trainer gewirkt hat, ist mir eine solche Manipulation nämlich noch kein einziges Mal bekannt geworden. Insoweit empfinde ich diese Zahlen auch auf den ersten Blick als sehr unglaubwürdig.
    Andererseits stellt sich natürlich die Frage, warum der allgemeine Werteverfall in unserer Gesellschaft ausgerechnet vor dem Fussball haltmachen sollte, zumal sich die Profis dort ja auch nicht gerade als gute Vorbilder anbieten. Auch dort steht Ehrlichkeit ja auch nicht allzuhoch im Kurs.

    Allerdings: Wie Dr. Pitsch komme ich ja auch aus dem Saarland und weiss daher nur zu gut, dass der Durschnittssaarländer für 1,2 Kisten Bier zu nahezu jeder Schandtat bereit wäre. Insoweit müsste man natürlich mal nachforschen, ob die Studie ein bundesweites oder ein Saarländisches Phänomen nachzeichnet. ;)

    ...sieht das aus. Das Interview ist übrigens hervorragend, es trifft zu 100% zu. Wer am Ende der Saison den Klassenerhalt noch nicht gesichert hat, kann da mächtige Probleme mit Absprachen haben. Die häufigsten Gründe sind da nachbardörfliche "Solidarität" oder "Rivalität".
    Teils arbeitet man mit den Leuten aus dem Nachbardorf zusammen, teils ist man sogar befreundet und/oder in einer Clique. Da ist eine Absprache, wenn sich eins der Teams in einer Notlage befindet (anonsten sind das meist Derbys, die niemand verlieren will!), kein Problem.
    Auch schön finde ich, dass Herr Pritsch die Selbstbereicherung der Spieler ausschließt. Geld würde ein Team niemals annehmen. Da gibts eben reichlich Bier.
    Das ist da die Währung. ^^
    Ob man das nun gut finden kann oder nicht ist mMn sehr schwierig zu beantworten. Wenn ich gegen Teams aus der Stadt spiele (komme vom Land) benehmen die sich meist wie die letzten Affen. Arrogant (So ein Dorfteam putzen wir eben), unsportlich (der Ball wird da leider nur sehr selten ins Aus gepsielt, wenn jemand verletzt auf dem Boden liegt), unfair (Schwalben, Reklamieren bis zum Abwinken) und zu guter letzt wenn man das Spiel dann auch noch zu gewinnen scheint brutal (dann werden nämlich die Brutalogrätschen und Ellenbogen ausgepackt, von Beleidigungen mal ganz abgesehen). Da ich nur in der Freizeit und nicht für Geld Fussball spiele kann ich darüber nicht hinwegsehen, weil es so keinen Spaß macht.
    Oha, so kann man das Unmoralische also begründen. ^^
    Egal.

  3. Redaktion

    Ein sehr schönes Etikett für diesen Stoff: heiter-ernst. Heilig-nüchtern ginge auch.

    • Mint
    • 02. Dezember 2011 0:03 Uhr

    Wer nicht aufsteigen will, kann nach der sportliche Qualifikation immer noch verzichten. Oder was übersehe ich?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Nur wenn sich alle oder wenigstens die meisten einig sind, was selten der Fall sein dürfte.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service