Für Niklas ist es eine ganz neue Situation. Der 18-Jährige pilgert seit mehr als zehn Jahren zu den Heimspielen Borussia Mönchengladbachs und hat meist eines erlebt: Abstiegskampf. Die Geschichten von Siegen gegen Bayern München klingen in seinen Ohren wie Märchen aus vergangenen Zeiten. Erfolge sind für Niklas Zweitligaaufstiege, bisher.

Vor dem Spiel am heutigen Samstag kann Niklas zumindest ein wenig nachvollziehen, was die Alteingesessenen meinen, wenn sie von "glorreichen Tagen in den Siebzigern" erzählen. Wenn Gladbach nach Dortmund reist, wird er zum ersten Mal ein Spitzenspiel mit Beteiligung seines Clubs erleben: Borussia gegen Borussia, Erster gegen Zweiter.

Dass Niklas' Borussia, die vor nicht einmal sechs Monaten akut abstiegsbedroht war, nun Tabellenführer werden kann, ist der Verdienst von Lucien Favre. Als Gladbach mit nur 16 Punkten aus 22 Spielen und mehr als 2,5 Gegentoren pro Spiel abgeschlagen am Tabellenende stand, übernahm der Schweizer Trainer die Leitung. Er machte aus der Schießbude der Liga ein Bollwerk.

Favre erlegte seiner Mannschaft einen modernen Konterfußball auf. Kernstück der Defensivarbeit wurden in der vergangenen Saison die zwei sehr eng stehenden Viererketten, die weit weg vom eigenen Tor verteidigen. Ziel war es, dem Gegner möglichst wenig Platz zum Kombinieren zu lassen und mit eigenen Kontern Nadelstiche zu setzen. Mit dieser Taktik ist Favre auf der Höhe der Zeit: Immer wichtiger scheint im modernen Fußball das Schließen der Räume in der Verteidigung, gerade kleinere Teams können mit kollektiver Defensivarbeit und schnellem Umschaltspiel die Großen immer öfter ärgern. Hannover 96 machte in der vergangenen Saison vor, wie man mit einer durchdachten Taktik und limitierten Mitteln in die Europa League kommen kann.

Obwohl Favre mit der abwartenden Spielweise großen Erfolg hatte, entwickelte er sein Team in dieser Saison spielerisch weiter. Zwar setzt er defensiv weiter auf zwei dichte Viererketten, offensiv hat sich im Borussia-Park aber einiges getan: In den Kategorien Ballbesitz (55%), Passgenauigkeit (81%) und in der Anzahl an kurzen Pässen (453/Spiel), den Indikatoren für eine dominante Spielweise, sind die Gladbacher nach 14 Spieltagen jeweils hinter den Bayern auf Rang zwei. Mittlerweile kann Gladbach selbst ein Spiel gestalten.

Dass Favre mit einem fußballerisch eher limitierten Kader vergleichsweise spielstark auftreten kann, ist seiner Taktik geschuldet. Die Teams des Schweizers waren schon immer taktisch gut geschult, dermaßen innovativ hat er aber noch nie spielen lassen. Das gilt vor allem für das Aufbauspiel. Während die meisten Teams der Bundesliga ihren zentralen Spielgestalter auf der Sechserposition haben, machte Favre seinen Innenverteidiger Dante zum primären Spielmacher.