In der Cafeteria des Krankenhauses „Bergmannstrost“ sitzt man vor einer Wand aus bunten, leicht geneigten Metallstangen, rote, gelbe, blaue, grüne, alle fast zwei Meter hoch. Sie erinnern an Schilfrohre. Aber diese Rohre sind in kleinen Betonsockeln zementiert, sie trennen die Bistrotische von einem langen Flur, auf dem Patienten mit Krücken humpeln oder Besucher zum Ausgang schlendern.

Ilke Wyludda passiert gemächlich diese Stangen bis zu einem der Tische. Sie geht mit auffälligen Bewegungen; die sind nicht wirklich eckig, aber unrund, als würde sie die rechte Hüfte nachschieben. Sie trägt Jeans und einen hellblauen Pullover, sie hat seit ein paar Minuten Feierabend.
Die weißen Sachen, mit denen die Anästhesistin Wyludda im OP gearbeitet hat, liegen gefaltet in einer Tüte.

Ein Tag im Dezember, ihr dritter Arbeitstag in diesem wuchtigen Krankenhaus in Halle an der Saale. Gleich am ersten Tag hatte man sie zu einer Operation eingeteilt, gut möglich, dass sie den OP-Saal nicht zum ersten Mal gesehen hat. „Hier gibt es zehn OP-Säle“, sagt sie. „Ich lag schon in einigen.“ Das Haus „Bergmannstrost“ ist nicht bloß ihr Arbeitsplatz, es ist Teil ihres Lebens. Hier hatte man der Diskuswerferin Wyludda die zweimal gerissene Achillessehne geflickt, hier hatte man ihre Knieprobleme behandelt, hier hatte sie viele ihrer insgesamt 15 Operationen über sich ergehen lassen. Aber hier hatte sie auch schon im Studium gearbeitet, hier schreibt die 41-Jährige ihre Doktorarbeit über Schmerztherapie. Und hier hatte sich auch der einschneidendste Schritt ihres Lebens vollzogen. Die Amputation ihres rechten Beins oberhalb des Knies.

Die Olympiasiegerin von 1996, die zweimalige Europameisterin, die Frau, die für die DDR hochgedopt mit 74,40 Metern einen erschreckend weiten Junioren-Weltrekord aufgestellt hatte, die war im Dezember 2010 zur Behindertensportlerin geworden. Eine Wunde im Unterschenkel sollte verschlossen werden, doch in der Wunde siedelten sich Keime an, es drohte eine Blutvergiftung.

Ilke Wyludda trägt jetzt eine Prothese. Sie kann im Notfall nicht zu einem Patienten rennen, sie kann nicht knieen, um einen Patienten zu reanimieren. Sie sitzt im OP zeitweise auf einem Stuhl. Sie kann nicht, was andere Ärzte im Krankenhaus können, aber sie betrachtet es wie das Wetter. Sie kann’s nicht ändern.

"Wer jammert, lernt nicht wieder zu laufen"

Jetzt ist sie halt behindert, Ilke Wyludda kann sehr nüchtern darüber reden. Sie liefert Sätze ohne Gefühlsbetonung, mit der gleichen Emotionalität würde sie auch erklären, dass auf Montag Dienstag folgt. „Was bringt es mir, wenn ich mich mit alten Geschichten beschäftige?“, sagt sie dann. „Ich muss nach vorne schauen, nicht nach hinten.“ Und: „Ich habe gelernt zu sagen: Mach das Beste draus! Die Leute, die sich hinstellen und jammern, die lernen nicht wieder zu laufen.“ Es sind Sätze, die sich viele Menschen permanent einreden müssen; sie klammern sich an sie wie an einen Rettungsring, um nicht in Selbstmitleid zu zergehen.

Aber Ilke Wyludda hat 20 Jahre Leistungssport betrieben, sie muss sich nichts einreden, der Tunnelblick ist Teil ihres Lebens. „Der Sport hat mich geschult“, sagt sie, die Stimme hart, der Blick konzentriert, „er hat mich zu dem gemacht, was ich bin.“ Nur wer hart ist, hart gegen sich, im Kampf mit den Umständen, im Kampf mit Gegnerinnen, kommt weiter. Das hat sie verinnerlicht. 1988 schleuderte sie den Diskus mehr als 75 Meter weit, doch ins DDR-Olympiateam kam sie nicht. Aber acht Jahre später wurde sie Olympiasiegerin.