ZEIT ONLINE : Herr Littmann, waren Sie überrascht davon, dass es in Deutschland Nazis gibt?

Corny Littmann : Nein. Das Thema ist in meinem Theaterunternehmen und bei mir persönlich ständig präsent. Wir unterstützen seit Jahren die Initiative Laut gegen Nazis – Rechte Gewalt kann jeden treffen . Von dem Ausmaß und von der Anschlagserie bin ich allerdings überrascht.

ZEIT ONLINE : Haben wir alle das Problem Rechtsterrorismus unterschätzt?

Littmann : Keiner hat damit ernsthaft gerechnet, dass Rechtsradikale organisiert und gezielt morden. Und wer weiß, welche Taten der Vergangenheit noch auf deren Konto gegangen sind? Ich glaube allerdings nicht, dass die Staatsorgane all die Jahre davon nichts wussten oder ahnten.

ZEIT ONLINE : Der Verfassungsschutz hat versagt. Sollte man ihn abschaffen?

Littmann : Nein, wir brauchen einen Verfassungsschutz, aber wir brauchen einen Verfassungsschutz, der auf beiden Augen sieht. Die Gefahr von rechts hat er verkannt, er hat einseitig die linksradikale Szene beobachtet.

ZEIT ONLINE : Offenbar hat das rechte Milieu eine gewisse Anziehungskraft. Viele V-Leute tummeln sich in der Szene, manche offenbar sehr gerne, auch in der NPD. Sollte man die Partei verbieten?

Littmann : Es wäre ein symbolpolitischer Akt, den ich befürworte. Aber es dürfte nur der erste Schritt sein. Außerdem muss so gut wie ausgeschlossen werden, dass das Bundesverfassungsgericht dem Parteiverbot nicht erneut widerspricht. Das würde der NPD nur nutzen, sie legitimieren. Doch die Gefahr, dass Karlsruhe ein Verbot verhindert, scheint aufgrund der Nähe der Partei zu den Terroristen deutlich geringer.

ZEIT ONLINE : An welche Schritte denken Sie noch?

Littmann : Jede andere rechtsradikale Aktivität und Gruppierung, etwa Kamerad- und Burschenschaften, muss man im Auge behalten. Zudem sollte die Politik den Fragen auf den Grund gehen, was Rechtsradikale den Leuten anbieten, was die sozialen Ursachen dafür sind, dass junge Menschen in die rechte Szene driften. Zufällig gerät da keiner rein.

ZEIT ONLINE : Haben Sie persönlich Erfahrung mit Nazis machen müssen?

Littmann : Ich gehöre zu einer sogenannten Minderheit. Als offen lebender Schwuler bin ich einer von deren Objekten, wie Türken oder Lesben auch. Ich habe schon viele Hassbriefe bekommen oder war als Fußballpräsident rassistisch geprägten Äußerungen von gegnerischen Fans ausgesetzt. Aber zum Glück wurde ich noch nie Opfer von Gewalt.

ZEIT ONLINE : Wie groß schätzen Sie die Gefahr von rechts im Fußball ein?

Littmann : Ich kann keine Zahl nennen, aber die Gefahr ist reell. Es hat in den vergangenen Jahren Unterwanderungsversuche gegeben – im Profifußball, aber noch mehr bei den Amateuren. Rechte wollen in Fankurven Fuß fassen. Bei vielen Verantwortlichen spürt man Ohnmacht. Sie sind gegen rechts, wissen aber nicht, was man tun soll. Aber ich beobachte eine begrüßenswerte Tendenz, dagegen vorzugehen, vor allem beim DFB.

ZEIT ONLINE : Meinen Sie den Fall Dynamo Dresden, der nun vom DFB-Pokal ausgeschlossen wurde?

Littmann : Ja, Geldstrafen alleine wirken nicht. Geisterspiele und Ausschluss aus Wettbewerben sind geeignetere Maßnahmen, um eine Grenze zu ziehen. Es musste ein Zeichen gesetzt werden.

ZEIT ONLINE : Der Verein sagt, er tue inzwischen sehr viel. Außerdem sei das relevante Spiel ein Auswärtsspiel gewesen.

Littmann : Mag sein, aber das ist ein schwaches Argument. Der Verein erhält ja ein Kartenkontingent, kann also kontrollieren, an wen er sie verkauft.