Reitsport Aufs richtige Pferd setzen

Vor Olympia 2012 blüht der Handel mit Spitzenpferden. Vor allem deutsche Pferde sind begehrt. Aber womit sollen die hiesigen Reiter künftig siegen?

Trost für die deutschen Reiter: Das Wunderpferd Totilas mit Matthias Rath

Trost für die deutschen Reiter: Das Wunderpferd Totilas mit Matthias Rath

Wenn bei Hans Melzer in diesen Tagen das Telefon klingelt, hat er ein ungutes Gefühl. Schon wieder ein Pferd weg. Wie bitte soll der Bundestrainer der Vielseitigkeitsreiter im Sommer das olympische Gold von Hongkong 2008 verteidigen? Allein vier Pferde aus dem deutschen Olympiakader wurden in den vergangenen Wochen jeweils für schätzungsweise sechsstellige Summen ins Ausland verkauft.

Auch der Handel mit Spring- und Dressurpferden blühte weltweit wie nie zuvor, da wurden für Olympiahoffnungen schon mal siebenstellige Summen überwiesen. Mehr als ein Dutzend Pferdestars werden spätestens zu Silvester ihren Hafer in neuen Ställen fressen. Jedes Pferd muss bis zum 31. Dezember für die Nation registriert sein, für die es bei den Olympischen Spielen in London 2012 starten soll.

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Auch wenn Reiter im Gegensatz zu Rennfahrern nur mit einer PS unterwegs sind, haben sie eines gemeinsam: Ohne den richtigen Untersatz – das schnelle Auto, das Hochleistungspferd – sind sie stinknormale Fußgänger. Aber während Rennwagen nachgebaut werden können, sobald sie zu Schrott gefahren sind, ist jedes Pferd ein Unikat. Seine Zeit im Spitzensport ist begrenzt. Wenn es alt oder krank wird, ist es vorbei mit dem sportlichen Ruhm. Nicht selten auch für den Reiter, wenn er sich nicht rechtzeitig Nachwuchs besorgt hat.

Schmerzhafte Verkäufe

Nun wird nicht jeder, der sich ein teures Pferd leisten kann, gleich Olympiasieger. Aber Reiter, deren Geldbeutel größer ist als ihr Talent, werden auch in London nicht fehlen.

Dabei richten sich die internationalen Begehrlichkeiten vor allem auf deutsche Pferde. Seitdem beispielsweise die hiesigen Vielseitigkeitsreiter so erfolgreich sind, locken die anderen Nationen. Ein beträchtlicher Teil der Pferde, die der Bundestrainer Melzer auf der Liste für London 2012 hatte, wurden verkauft: Charlie Weld von Kai Rüder etwa oder Leon von Andreas Dibowski sowie Mr. Medicott von Frank Ostholt. Die beiden letzteren waren Teil des Olympiasiegteams von 2008.

Besonders der Verkauf von Mr. Medicott tat weh. Weil er künftig von der mehrfachen Olympiateilnehmerin Karen O’Connor aus den USA geritten wird. "Das ist besonders bitter", sagt Melzer, "jetzt hat er eine starke Reiterin, die uns gefährlich werden kann."

Der Verkauf eines weiteren Pferdes, Sam von Welt- und Europameister Michael Jung, konnte nur durch einen finanziellen Kraftakt vom Reiterverband mit Hilfe von mehreren Sponsoren verhindert werden. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) sieht sich in der Regel außerstande, bei sechsstelligen Geboten mitzuhalten.

Der deutsche Reiter Frank Ostholt selbst brachte Verständnis für die Entscheidung des Besitzers auf, den irischen Fuchs Mr. Medicott zu verkaufen. "Wer soviel investiert hat, will auch mal Geld sehen", sagt er. Für London ist er deswegen nicht aus dem Rennen, mit seinem neuen Untersatz Little Paint gewann er bei der Europameisterschaft in Luhmühlen 2001 die Bronzemedaille.

Leser-Kommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Über konstruktive Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

    Eine Leser-Empfehlung
    • inquam
    • 22.12.2011 um 16:51 Uhr

    Dem vorangegangenen Kommentar kann ich mich nur vorbehaltlos anschliessen. Diese "Porsche" Pferde führen ein tristes, nicht artgerechtes Leben zwischen Box, unnatürlichen und sogar hochgradig quälerischen Trainingsmethoden wie Hyperflexion, dem unnatürlichen Überbiegen des Halses hin zur Brust. Sie haben keinen Kontakt zu Artgenossen, dürfen meistens nicht einmal Wiese sehen, aus Angst das "arme" Tier könnte mal einen Kratzer abbekommen. Der Hochleistungspferdesport ist eine perverse Angelegenheit geworden, nicht erst seit dem Barren.
    Ich habe selbst lange ein solches ausrangiertes Pferd gepflegt, es war hochgradig verhaltensgestört im kontakt zu Mensch und Tier, hatte Narben an den Flanken von der "Bearbeitung" durhc die Sporen eines unfähigen Reiters. Einer "normalen", sanften Reitweise ohne Zwang hat es sich lange verschlossen. Diese Fälle sind keine Einzelfälle

    • inquam
    • 22.12.2011 um 17:05 Uhr

    in dem Sie den absolut zutreffenden Kommentar von Damenprogramm löschen verdrängen Sie nur die Realität vor dem unsäglichen Leiden derer die diesen ganzen Popanz aushalten müssen, die Pferde. Es ist eben nicht alles Gold was glänzt. Und das trifft auf den Reitsport nun am allermeisten zu ...
    Hyperflexion wird sogar vom FN als Trainingsmethode akzeptiert, es ist also in Ordnung, wenn man ein Tier mit blauer Zunge (weil es keine Luft mehr bekommt) herumlaufen lässt ? Informieren Sie sich doch bitte mal über die Zustände in diesem Metier

  2. 4. [...]

    Entfernt. Kritische Wortmeldungen sind selbstverständlich willkommen, wir bitten Sie aber, auf die Einhaltung der Netiquette zu achten. Dort ist nachzulesen, nach welchen Kriterien das Moderationsteam Kommentare kürzt oder entfernt. Der Kommentarbereich dient der Diskussion des Artikelthemas. Richten Sie Ihre Kritik daher bitte an community@zeit.de. Wir werden Ihnen dann so bald es geht antworten. Die Redaktion/mk

  3. Eine Leser-Empfehlung
  4. 6. Unfug

    Auch Spitzenpferde haben Schwestern und Brüder und ein sehr guter Reiter hat auch mit einem durchschnittlichen Pferd Erfolg, umgekehrt geht das nicht. Deshalb ist es ein ziemlicher Unfug diese Spitzenpreise für einzelne Pferde zu Bezahlen, aber vieleicht gehört auch das zum Marketing des Pferdesports. Totilas ist nicht wegen seiner Qualität, sondern wegen des Kaufpreises ein Thema.

  5. Reiten ist ein Teamsport und besteht aus 2 Lebewesen, was hilft einem das teureste Pferdchen unter dem Hintern, wenn man es nicht reiten kann - bzw. es einfach nicht passt.

    Der Turniersport und Pferdekauf und -verkauf ist ein Big Business in dieser Liga, und wir (ich reite selbst seit 33 Jahren) die Amateure und Freizeitreiter/-innen können davon selbst ein Lied davon singen.

    Umsichtiges Training, maßvolles Einsetzen der Cracks in der Turniersaison, Vertrauen, guter Umgang und Pflege spielen hier eine große Rolle und was man auch nicht vergessen dar, diese Pferde sind oftmals auch eine Kapitalanlage und dahinter verbergen sich Interessen der vielfältigsten Art.

    Leider werden viele erfolgreiche Paare auseinandergerissen, aber so ist nun mal die Berufsreiterei bzw. viele Reiter müssen die Anlage zu unterhalten, auf der sie leben und arbeiten, und es hängen hier auch große wirtschaftliche Aspekte dran.

  6. Ich wäre schon dankbar, wenn endlich damit aufgehört würde, diese Veranstaltungen "Pferdesport" zu nennen. Wenn ein Mensch das Bedürfnis nach Sport hat, dann soll er sich doch bitte seines eigenen Körpers besinnen und nicht Tiere zur Befriedigung seines eigenen Ehrgeizes missbrauchen. Die heutige Turnierreiterei mit all ihren Begleitumständen ist nichts als Quälerei, Schinderei und Gewalt gegen das Pferd. Nichts daran ist artgerecht. Früher gab es auf Jahrmärkten tanzende Bären und ähnliche Grausamkeiten. Es ist höchste Zeit, Reitturniere und Pferderennen abzuschaffen.

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