Szene aus dem Spiel Zagreb gegen Lyon © Nikola Solic/Reuters

Sechs Tore in einer Halbzeit. Zugelassen von einem Klub, der immerhin in der Champions League spielt. Für manchen gibt es dafür nur eine plausible Erklärung: Betrug! Im letzten Vorrundenspiel der Gruppe D am Mittwochabend war Dinamo Zagreb im eigenen Stadion gegen Olympique Lyon sogar 1:0 in Führung gegangen. Kurz vor der Pause nahm Zagreb den Ausgleich hin und ermöglichte in der zweiten Halbzeit dann Lyon sechs Tore. Mit entsprechenden Konsequenzen: Lyon qualifizierte sich noch fürs Achtelfinale, Ajax Amsterdam – zeitgleich mit 0:3 bei Real Madrid unterlegen – dagegen nicht.

Zagrebs Abwehr ließ in der Tat nicht nur Raum für Lyons Angreifer, sondern auch für Spekulationen, so groß waren die Lücken und so behäbig die Beine. Aber waren Zagrebs Spieler nicht vielleicht einfach müde und lustlos oder haben sie wirklich Tore verschenkt? Das Motiv wäre: Zagreb hatte sowieso keine Chance auf Platz drei mehr, einige Spieler könnten auf diese Weise noch abkassiert haben. Zagrebs Trainer Krunoslav Jurcic wurde inzwischen entlassen.

Auf der Suche nach Indizien wurde die niederländische Tageszeitung De Telegraaf auf eine Szene aus der 64. Minute aufmerksam. Lyon hatte das 5:1 erzielt, als Zagrebs Verteidiger Domagoj Vida Lyons insgesamt vierfachen Torschützen Bafetimbi Gomis zuzwinkerte und den Daumen hob. "Ein 7:1 kommt auf diesem Niveau normalerweise nicht vor. Die Uefa muss die Sache untersuchen", forderte Ajax-Trainer Frank de Boer den europäischen Fußballverband auf.

Der Verband will erst einmal nichts unternehmen. "Wir warten die Berichte des Schiedsrichters, des Schiedsrichter-Beobachters und des Delegierten ab, um zu sehen, ob nach ihrer Meinung etwas Verdächtiges passiert sein könnte", teilte die Uefa mit. Bisher ist dem Verband allerdings nichts Verdächtiges zugeleitet worden, das auf Manipulation oder eine Absprache zwischen den Klubs hindeutet. Auch bei den Sportwetten seien bislang keine merkwürdigen Muster aufgetreten, die ein Verfahren rechtfertigen würden. Der Berliner Profiwetter Dirk Paulsen fand nach einer Prüfung ebenfalls keine Anhaltspunkte für eine Manipulation.

Ein Betrug über Sportwetten lässt sich ohnehin nur schwer rekonstruieren. Auch für das eigens eingerichtete Frühwarnsystem der Uefa, das in einer Saison 29.000 Spiele mit Unterstützung der Daten von 400 Wettanbietern auswertet. Denn dieses System reagiert nur auf Kursausschläge und nicht auf eingesetzte Summen, weil die Wettanbieter diese Angaben nicht an das System weitergeben. Wenn eine Manipulationsabsprache getroffen wurde und die Beträge über kleine Summen von vielen Mittelsmännern gesetzt wurden, lässt sich ein Betrug kaum nachweisen.

Dass auch auf hoher internationaler Ebene Spiele manipuliert werden, ist längst gerichtsfest dokumentiert worden. Im Wettprozess vor dem Landgericht Bochum um Ante Sapina reichte die Liste der verschobenen Spiele bis in die WM-Qualifikation.

Erschienen im Tagesspiegel