Basketball: Der Ausflug in die schwarz-weiße Hölle
Früher träumte Thomas Pletzinger von einer Basketballkarriere. Jetzt hat der Romanautor eine Saison mit Alba Berlin verbracht und ein bemerkenswertes Buch geschrieben.
© Thomas Pletzinger

Im Palamaggiò, Caserta, Italien
Zehn Monate lang begleitete Thomas Pletzinger die Basketballprofis von Alba Berlin. In der Kabine, in der Halle und im Mannschaftsbus. Er versuchte den Menschen hinter den Stars nahe zu kommen. Was bewegt sie? Wie halten Sie dem Druck stand? Heraus kam "Gentlemen – Wir leben am Abgrund", ein bemerkenswertes Buch, in dem Literatur auf Sport trifft. Den Prolog des Buches liest der Autor in unserem Zehn-Seiten-Video. An dieser Stelle lesen Sie die gekürzte Version des Kapitels "Inferno Bianconero" über eine Auswärtsfahrt nach Caserta, Süditalien. Das Spiel war der letzte Sieg vor einer katastrophalen Niederlagen-Serie, die am Ende den Trainer und einige Spielern den Kopf kostete.
Caserta, 30. November 2010
Als die Mannschaft von Alba Berlin am Flughafen Schönefeld ankamen, war das Chaos schon da. Eine Gruppe Abschiebungsgegner versperrte die Zufahrt zum Terminal, der Bus stand still. Bewaffnete Polizisten sahen den Demonstranten zu. Es war früher Morgen, der Himmel bedeckt und das Team war auf dem Weg nach Neapel.

Thomas Pletzinger wuchs in der Basketballstadt Hagen auf, spielte dort in den Jugendmannschaften und träumte von einer Profikarriere. Er wurde stattdessen Romanautor und Übersetzer. Für den Roman Bestattung eines Hundes wurde er mit dem Förderpreis zum Großen Kulturpreis der Sparkassen-Kulturstiftung Rheinland, dem Uwe-Johnson-Förderpreis 2009 und dem NRW-Förderpreis für junge Künstler 2010 ausgezeichnet. Pletzinger lebt mit seiner Familie in Berlin.
"Was wollen die?" fragte Coach Pavićević und packte seine Unterlagen zusammen. "Wogegen sind die?" Pavićević hatte einen genauen Plan und die Demonstranten waren im Begriff, ihn zu vereiteln. Wie immer würde das Team einen Tag vor dem Spiel anreisen. Wie immer würde man die Spielzüge des Gegners studieren, abends trainieren und danach gemeinsam essen. Man würde am Morgen des Spiels noch einmal in die Halle fahren, werfen und die eigenen Spielzüge und Variationen durchlaufen, Walk-Through und Shootaround. Mittagessen, Mittagsschlaf, Wecken, Snack. Man würde abends das Spiel spielen und am nächsten Tag zurückreisen. Pavićević wollte seine Welt kontrollieren, aber die Zufahrt zum Flughafen war gesperrt.
Kopfhörer als Tarnkappe
Die Mannschaft hatte seit Anfang Oktober nur ein einziges Spiel in der Bundesliga verloren und war mit drei Siegen in den Eurocup gestartet. Nicht alle Siege waren überzeugend, Coach Pavićević war unzufrieden. Er war Perfektionist an der Grenze zur Besessenheit, und manchmal darüber hinaus. Die Demonstranten protestierten gegen die Abschiebung von politischen Flüchtlingen über den Flughafen Schönefeld, sie demonstrierten für Meinungs- und Migrationsfreiheit. Sie hielten Plakate mit Herzen in die Luft, die in Stacheldraht gewickelt waren, Tauben, Fäuste, Maschinengewehre. Pavićević stand auf und befahl, die Türen zu öffnen. Die Mannschaft stieg aus und bahnte sich den Weg durch ein Spalier aus Abschiebungsgegnern, Polizisten und Partytouristen.
Easy Jet hatte die Massagebank des Physios verloren, also saßen wir am Flughafen von Neapel unter Palmen und Autobahnrampen vor dem bestellten Bus und warteten. Eine feuchte Wärme lag über allem, wir waren viel zu dick angezogen. Von den Betonsäulen schälten sich Zirkusplakate, überall tropfte es.
Auf Auswärtsfahrten schlägt jeder die Zeit mit seinen eigenen Waffen tot. Bryce Taylor saß auf seinem Platz im Bus und schlief, der Coach schimpfte auf Professor Mika ein, Tommy Thorwarth beschwerte sich über die Fluggesellschaft. Yassin Idbihi las im Spiegel, Rekordnationalspieler Patrick Femerling telefonierte mit seiner Tochter, und Julius Jenkins starrte unter seinen Kopfhörern ins Leere. "My own portable privacy", nannte er seine Dr. Dre-Beats, sie waren für ihn gleichzeitig Statussymbol und Stoppschild. Eine Tarnkappe. Ein Wundermittel. Eine Art Zauberstab, Abrakadabra. Niemand würde ihn ansprechen, niemand würde ihn um Autogramme bitten. "Mit Kopfhörern bin ich unsichtbar", sagte er, "Wenn ich sie trage, bin ich nicht hier. Ich bin da, wo ich sein will."
Man rechnete ständig mit dem Auftritt einer drittklassigen Opernsängerin
Ein plausibler Gedanke: Wenn man ständig mit einer Männergruppe reist, wenn man sich ständig im öffentlichen Raum aufhält, in Sporthallen, Hotels, Restaurants, Flugzeugen und Bussen, braucht man eine tragbare Privatsphäre. Vor den Spielen hörten fast alle Spieler Musik, um sich emotional zu steuern, um sich zu beruhigen oder aufzuputschen. Jenkins trug Kopfhörer, um allein zu sein. Ich entschied, mir Kopfhörer zu kaufen, um die Welt der Spieler besser zu begreifen, aber ich fand am Neapolitaner Flughafen nur Espressostände und Buchläden. Ich kaufte mir André Agassis Autobiographie Open und fing an zu lesen. Femerling sang Que sera, sera. Pavićević sah müde und entkräftet aus, er sah seiner Zeit beim Verschwinden zu.
Süditalien im Winter, das Hotel Vanvitelli am Rand von Caserta. Das Hotel lag zwischen Supermärkten, Tomatenfabriken und Autohäusern. Man hörte das Hupen der Autos von der Autobahn nach Neapel. Es gab giftgrün beleuchtete Tümpel und antike Statuetten aus Plastik. In der gigantischen Lobby hatte man einen Weihnachtsbaum aufgestellt. Der Marmor war falsch, und der Kronleuchter im Speisesaal monströs. Man rechnete ständig mit einem Auftritt einer drittklassigen Opernsängerin. Zum Abendessen gab es faustgroßen Mozzarella mit Gemüsezwiebeln.






Packende Beobachtungen und kurzweilige Darstellungen, die mit viel Empathie fuer den Menschen und Menschen als Spieler und Teammitglied aufgesogen wurden. Und so ganz nebenbei wird deutlich, dass ohne Grips im Hirn beim Baskettball nichts geht und mit Psychologie dieHoelle mal schwerer oder leichter erträglich ist. Ein unbedingt lesenswertes Buch. Nur eines wird es nicht toppen: das Lifespiel von Alba.
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