40 Jahre "Bloody Sunday"Ein Fußballklub im Exil

Seit dem "Bloody Sunday" vor 40 Jahren spielt der nordirische Derry City FC in der ersten Liga Irlands. Inzwischen jubeln Iren und Nordiren gemeinsam. von 

Kevin McHugh vom Derry City FC im Uefa-Cup gegen Paris St. Germain im Jahr 2006

Kevin McHugh vom Derry City FC im Uefa-Cup gegen Paris St. Germain im Jahr 2006  |  © Michael Cooper/Reuters

Am Tag, an dem das Zauberwort fiel, saß Richard McKinney leider im Büro. "Aber ich habe es live auf meinem Computer verfolgt." Ein großer Teil der Stadt horchte am Guildhall Square über Videowand und Lautsprecher dem britischen Premierminister: "On behalf of the government, indeed on behalf of our country, I am deeply sorry." Im Namen der Regierung und des gesamten Landes, sagte David Cameron im Juni 2010, tue es ihm sehr leid.

Im Stadtzentrum der katholischen Stadt Derry brach sofort Jubel aus. "Es war ein unglaublicher Tag", sagt McKinney, "endlich wurde Verantwortung übernommen." 38 Jahre und neun Monate, nachdem britische Soldaten eine Demonstration katholischer Nordiren ohne Warnung niedergeschossen und 13 Menschen getötet hatten.

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Bloody Sunday , der 30. Januar 1972, ist einer der blutigsten Tage in der Geschichte Nordirlands . In Derry, wo sich alles abspielte, ließ er niemanden kalt: nicht Richard McKinney und nicht dessen Arbeitgeber, den Fußballklub Derry City FC. Der einstige nordirische Meister verließ noch im selben Jahr die nationale Fußballliga. Dreizehn Jahre sollte es fortan dauern, bis McKinney und sein Derry City FC wieder erstklassig spielen würden. Allerdings nicht im eigenen Land. Heute sind die Candystripes , wie sich die Spieler des Vereins nennen, der einzige nordirische Club in der ersten Liga Irlands .

Am Bloody Sunday war Richard McKinney mit seinem Vater vor Ort. "Tausende beschwerten sich über die Diskriminierung gegen Katholiken. Es ging um Wohnungspolitik, Arbeitsplätze und alles andere." Über lange Zeit hatte sich in den katholisch dominierten Teilen Nordirlands Unmut über die britische Politik angestaut. Als die Engländer 1800 das irische Parlament aufgelöst und Irland der protestantischen englischen Krone angeschlossen hatten, war auch Nordirland ein Teil Englands geworden – und blieb es auch nach der Unabhängigkeit Irlands 1921. Über die Jahrzehnte entstand ein wirtschaftliches Ungleichgewicht. Der katholisch geprägte Westen des Landes verarmte zusehends, eine starke Segregation zwischen Protestanten und Katholiken folgte.

1972 war McKinney 16 Jahre alt und teilte bei Derry City Stadionhefte aus. Militärische Konflikte waren für ihn nichts Neues mehr, seit einigen Monaten waren britische Truppen in der mit knapp 100.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt des Landes stationiert. Bei vorigen Aufständen waren bereits Menschen gestorben. "Aber der Bloody Sunday übertraf alles. Einer der 13 Getöteten war ein Junge aus meiner Schule." Ein weiterer Demonstrant erlag den Verletzungen vier Monate später.

Der Tag gab irischen Nationalisten, die für den Anschluss Nordirlands an ihr Land kämpften, ebenso Aufwind wie den paramilitärischen Loyalisten, die Nordirland bei Großbritannien halten wollten. "Die beiden Extreme wollten alle für sich vereinnahmen", erinnert sich McKinney, auch wenn die Demonstration am Blutsonntag friedlich begonnen hatte.

Derry City durfte wegen Sicherheitsbedenken nicht mehr in seinem 7.000 Plätze fassenden Stadion Brandywell spielen. Sie mussten ihre Heimspiele im fast 50 Kilometer entfernten Coleraine austragen. Die Zuschauer blieben fort, und mangels Einnahmen durch Ticketverkäufe ging den Candystripes auch das Geld aus. Der Verein war jahrelang in seiner Existenz bedroht. "Die Zwangsumsiedlung war eine klar politische Entscheidung. Der Verband war protestantisch dominiert", sagt der Journalist Arthur Duffy, der seit Jahrzehnten für das Derry Journal über den Klub berichtet. "Der Verein stellte immer wieder Anträge beim Verband, zurück nach Brandywell zu dürfen. Das wurde immer wieder abgelehnt."

Leserkommentare
  1. seit der irischen wirtschaftskrise haben sich leider die lange absenten "religiösen" gräben auf der insel wieder aufgetan. ein sicheres zeichen, dass hass ein enger verwandter der zukunftsangst ist. wünschen wir irland ein ähnlich glückliches ende wie deutschand es erleben durfte!

  2. Éire vergißt so schnell nicht. Was abgekühlt sein mag, muß noch nicht verglüht sein.

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  • Schlagworte David Cameron | Irland | Großbritannien | Nordirland | Belfast | Paris
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