Fußball-Fanforschung : Wer sind die echten Fans?

Ultras, Kutten, Hooligans: Ein Forschungsinstitut will die Fankultur entschlüsseln. Aber was soll das überhaupt sein, diese Fankultur?
Fans der SG Dynamo Dresden © Thomas Eisenhuth/picture alliance/dpa

Sie vereint, sie spaltet, sie provoziert: Fankultur ist Kampfbegriff, Totschlag-Argument und Herzensangelegenheit. Jeder Fußball-Anhänger versteht etwas anderes darunter, jeder kann hineininterpretieren, was er will. Insofern wartet auf Harald Lange eine kaum zu bewältigende Aufgabe. "Es ist illusorisch, Fankultur genau definieren zu wollen", sagt der Sportpädagogik-Professor der Universität Würzburg. Gemeinsam mit anderen Sportwissenschaftlern, Soziologen, Politologen und Kriminologen hat Lange im Januar ein Institut für Fankultur gegründet.

Damit nähern sich Harald Lange und seine Kollegen einem Thema, das nicht nur in Deutschland eine Mischung aus Heiliger Kuh und Goldenem Kalb ist. Oder vielleicht nur Bullshit? "Fankultur ist ein mystischer Begriff, der irgendwie unantastbar und fast heilig ist", sagt der Wissenschaftler. "Man darf nichts dagegen sagen, jeder nimmt für sich in Anspruch, zu wissen, was das ist. Aber niemand muss es preisgeben."

"Public Viewing gehört nicht zur Fankultur"

Was Harald Lange "dechiffrieren, vermessen und beschreiben" will, möchte Philipp Markhardt in erster Linie bewahren. Der 31-Jährige steht als Fan des Hamburger SV mit seiner Ultra-Gruppierung Chosen Few in den Kurven der Bundesliga, darüber hinaus engagiert er sich bei ProFans . Diese Vereinigung hat im Januar einen großen Fankongress in Berlin organisiert, die Idee zu der Zusammenkunft war bei einer Demonstration im Herbst 2010 entstanden. Das grundlegende Anliegen beider Veranstaltungen war der Erhalt der Fankultur.

Für Markhardt hat dieser Begriff "unglaublich viele Facetten", Fankultur sei "laut, kreativ, manchmal skurril". Nicht nur für Ultras wie Markhardt gehören eine ganze Reihe von Ritualen und Utensilien dazu: die gemeinsamen Anreise zum Spiel, die Gesänge im Stadion, Choreographien, Pyrotechnik, Trommeln, Zaunfahnen und eine bestimmte Geisteshaltung, "dieses Wilde, Unangepasste und nicht Begreifbare". Für Markhardt ist auch klar, was seinem Verständnis von Fankultur widerspricht. "Public Viewing gehört mit Sicherheit nicht dazu", sagt er. "Das ist ein Event, das von professionellen Veranstaltern auf die Beine gestellt wurde, um ordentlich Geld zu machen."

Wissenschaftler Harald Lange sieht das anders. Für ihn hat Fankultur in Deutschland gerade durch die WM 2006 und die Fanmeile ganz neue Ausmaße erreicht – und ist in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. "Zur Fankultur eines Landes gehören alle Menschen, die sich vom Herzen her als Fans fühlen", sagt Lange. "Das sind diejenigen, die in der Kneipe oder zu Hause am Fernseher Fußball gucken – genauso wie die, die im Stadion in der Kurve stehen."

Aus soziologischer Sicht entwickele sich nun ein Art Wettbewerb. "Wenn das Ganze größer und damit auch unübersichtlicher wird, gibt es Positionsbestimmungen und Abgrenzungsbemühungen", sagt Lange. "Nach dem Motto: Wer ist denn nun der wirkliche Fan?" Wie bei der Diskussion um eine deutsche Leitkultur stelle sich die Frage: "Wer bestimmt das?"

Mit dieser Frage sieht sich wohl jeder früher oder später konfrontiert, der ins Stadion geht. Wer feuert die Mannschaft nur an, wenn es gut läuft? Wer singt 90 Minuten lang dasselbe Lied? Wer ist in erster Linie gekommen, um zu pöbeln und zu fluchen? Wer geht zehn Minuten vor Abpfiff, um dem Stau zu entgehen? Wer hat einen Schal dabei? Eine Fahne? Ein bengalisches Feuer? Jede Generation versteht sich als wahrer Hüter ihrer Kultur. Das ist verständlich, führt aber auch zu Konflikten.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

7 Kommentare Kommentieren

"Fan" wovon?

Der Begriff ist ja nur eine Abkürzung von "Fanatiker, lt. wiki als jemand "....der längerfristig eine leidenschaftliche Beziehung zu einem für ihn externen, öffentlichen, entweder personalen, kollektiven, gegenständlichen oder abstrakten Fanobjekt hat"

Betrachtet man also den "Fußballfan" sollte dieser eigentlich eine leidenschaftliche Beziehung zum Fußball haben. Nimmt man den "HSV-Fan", hat der dann eine fanatische Liebe zum Fußball oder nicht doch eher zum HSV? Und der HSV-Ultra? Liebt er den Fußball, den HSV oder das leidenschaftliche Fan-Dasein am meisten?

Selbstverständlich ist zwischen diesen verschiedenen "Fans" keine scharfe Trennung möglich, die Schnittmenge gewaltig. Dennoch entfernt sich der Ultra (freiwillig!) am meisten von dem, was das Spiel an sich ausmacht. Im Zweifel wird er nämlich dem "Stimmung erzeugen" bzw. der "Choreo" eine höhere Priorität einräumen, als dem Geschehen auf dem Rasen. Und darüber hinaus verliert er den objektiven Blick auf das Spiel, weil er als Anhänger seines Vereins den Erfolg seines Teams höher bewertet, als wahrer Fan sogar bewerten MUSS, als die Ästhetik des Spiels an sich zu wertschätzen.

Je mehr Ablenkung vom eigentlichen Fußball man akzeptieren kann, umso weniger ist man "Fußballfan". Denn es gibt offenkundig Dinge, die einem in diesem Moment wichtiger sind. Für einen Fan darf aber nichts wichtiger sein, als das "Fanobjekt"

"Wir lieben Fußball und wir wollen unser Team supporten",

Letzteres glaube ich unbesehen.

Psychologische Abhängigkeit

Auch der Drogenabhöngige (natürlich hinkt dieser Vergleich) wird auch unabhängig von der Preisgestaltung immer wieder zur Nadel greifen.

Ihr Kommentar zeigt, dass Sie wohl nicht unbedingt über die eigentlichen Anliegen einer Vielzahl von Fans nicht informiert sind.

Gerade die Ultrabewegungen (vereinsübergreifend) lehnen die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs ab; dabei protestieren die "Chosen Few" aus Hamburg auch gegen die die Preisgestaltung des eigenen Vereins.

Weiterführende Informationen unter

www.profans.de

www.keinzwanni.de

http://www.amazon.de/Peop...