WintersportIm Rennen um Fernseh-Aufmerksamkeit

Immer neue Wettbewerbe, immer neue Startzeiten: Die Wintersportverbände lassen sich einiges einfallen, um längere Fernsehübertragungen zu bekommen.

Wer sich alles geben möchte, sitzt acht Stunden vor dem Fernseher. Bob, Nordische Kombination, Ski Alpin, Langlauf, Skispringen, Eisschnelllauf und Biathlon. Ab 9 Uhr gibt es auch an diesem Sonntag wieder das volle Wintersportprogramm – wie eigentlich jedes Wochenende zu dieser Jahreszeit. Dass der Sport läuft und läuft und läuft, daran haben Fernsehen und Verbände viel gedreht im vergangenen Jahrzehnt. Da wurden Flutlichtmasten an den Strecken errichtet, damit der Zuschauer auf dem Sofa auch noch mitfiebern kann, wenn es draußen längst dunkel ist. Und da wurden Wettbewerbe erfunden, die mitunter nicht mehr viel zu tun haben mit dem Ausgangsprodukt. "Es ist ein schwieriger Balanceakt zwischen Sport und Unterhaltung", sagt Peter Schlickenrieder.

Der Bayer arbeitet mittlerweile als Experte im Fernsehen ist nebenbei noch Vizepräsident des Deutschen Skiverbands. Als Schlickenrieder selbst noch durch die Loipen hetzte, hat es die Wintersportfernsehnation Deutschland noch nicht gegeben. Damals "beschränkten sich die Übertragungen der Langlaufwettbewerbe noch auf Großereignisse oder Weltcups in Deutschland", erzählt er. Ansonsten ließen sich die langen Rennen durch die Wälder dieser Welt kaum verkaufen oder hübsch fürs Fernsehen aufarbeiten. Zehn Jahre später aber haben sich Langlauf-Disziplinen wie Massenstart und Team-Sprint etabliert. Oder Skiathlon – ein Jagdrennen, bei dem zwischen der klassischen Technik und der Skating-Technik fliegend gewechselt wird. Mehr Drama verspricht das, mehr Attraktivität und besonders mehr Zuschauer.

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Wie der Langlauf hat sich so jeder Sport zu revolutionieren versucht, um möglichst abzubekommen vom langen Wintersportwochenende, manchmal mit kräftiger Mithilfe von außen. "Weil das Fernsehen eine wichtige Einnahmequelle für die Verbände ist, richten sich diese auch nach den Wünschen der Sender", sagt Peter Schlickenrieder. Ein Rodelrennen wird schon mal spontan um eine halbe Stunde nach hinten verlegt, damit es auch in die Übertragungslücke zwischen Skispringen und dem nächsten Biathlonrennen passt. Peter Leissl ist jemand, der solche Sachen organisiert. "Wir bauen das Programm so, dass sich die Sportarten zwischen 9 und 18 Uhr die Türklinke in die Hand geben", sagt der Redaktionsleiter von Sport extra im ZDF. Vom Skirennen in Adelboden geht es zur Kombination nach Oberstdorf, von dort zum Biathlon nach Oberhof und schließlich zum Langlauf nach Italien. Aber so einfach ist es nun auch nicht, immerhin müssen Präferenzen beachtet werden.

Biathlon als Skispringen

Die Wintersport-Hierarchie richtet sich nach "den Erfolgen der Deutschen und den Interessen des Publikum", sagt Peter Leissl. Im Moment bedeutet dies, dass Biathlon an erster Stelle kommt, dahinter Skispringen und Ski Alpin. Alle drei Sportarten haben das Vorrecht auf eine Liveübertragung, im Härtefall kommt eher Biathlon als Skispringen. Hinter den drei sogenannten "Premiumsportarten" geht es allerdings eng zu. Da wetteifern ein Dutzend weiterer Wintersportarten um Fernsehzeit und den Sendeplatz nach dem Biathlon, um noch ein paar mehr Zuschauer zu gewinnen. Sportarten und Verbände, die sich dabei flexibel und innovativ geben, haben die größten Chancen. ZDF-Redaktionsleiter Leissl hält die jüngeren Wettkampfformen wie Team- oder Mixed-Staffeln für "belebend und dramaturgisch interessant". Dass eine Sportart dagegen zwei Stunden am Stück gezeigt wird, kann er sich heute nur nur schwer vorstellen.

Leserkommentare
  1. Das ganze Jahr trainieren diese Sportler hart. Vergleiche ich die verschiedenen Wintersportarten mit dem Profifussball, dann kann ich über die divenhaften, verwöhnten sogenannten Profis nur noch schmunzeln. Was hat sich der DFB, die Vereine und die Werbewirtschaft auf grandiose Anstosszeiten geeinigt, um nur jede Sekunde des überwiegend müden Kick's zu verwerten. Der reisende Fan spielt längst keine Rolle mehr. Wer will schon am Montagabend
    vom Ruhrgebiet nach Rostock fahren.
    Wenn der Wintersport ähnliche ..Geschütze'' auffährt, dann ist das nur recht und billig.

    • Ranjit
    • 08.01.2012 um 17:05 Uhr

    Es ist immer wieder erstaunlich, welche Probleme wir uns aufhalsen, weil wir an völlig veralteten Technologien festhalten. Das feste Fernsehprogramm ist ein Relikt. Videos sollten genau dann verfügbar sein, wenn der Zuschauer sie sehen will. Programmzusammenstellungen kann es ja als Playlists weiter geben. Aber warum sollte man das eigene Leben nach Sendezeiten richten, statt umgekehrt?

    Problematisch sind natürlich Liveübertragungen. Aber wenn alle nicht-live Sendungen (Serien usw.) genau dann verfügbar sind, wenn man sie ansehen will bleibt viel mehr der fixen Sendezeit für Liveevents.

    3 Leserempfehlungen
  2. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Danke. Die Redaktion/sc

  3. 4. Zuviel

    Also bis fast 10 Stunden Wintersportprogramm sind für mich zuviel. Ich habe nichts gegen die verbände oder Sportler, jeder will, dass sein Sport Anerkennung bekommt durchs Fernsehen erfährt, aber die Öffentlichrechtlichen übertreiben es seit ein paar Jahren maßlos. Wenn ich den ganzen Tag so etwas gucken möchte dann bitte auf Spartenkanäle, aber dafür ist wohl kein Geld und Interesse da. ARD-Sport oder ZDF-Sport wären mal Ansätze, somit könntem an auch andere Sportarten vorstellen. Ein paar Stunden sind okay, aber von morgens bis abends nur Wintersport ist öde.

  4. Es war wohl in den 80er-Jahren, als der Versuch gestartet wurde, die Alpen in einer Art Charta vor einer weiteren Verschandelung durch Schipisten, Schneekanonen und Flutlichtanlagen zu schützen. Heute dagegen wird dem Murmeltier über Lautsprecheranlage mitgeteilt, daß sein Winterschlaf nicht mehr zeitgemäß ist. Kühe dagegen erfahren, daß die neue Modefarbe lila ist und Rehe werden mittels Halogenstrahlern auf die nächste Begegnung mit Autos trainiert und abgehärtet. Der Grundwasserspiegel in den Bergen wird beeinträchtigt, damit neben den Chips vorm Fernseher auch darin was geboten wird, uns sei es das Uninteressanteste des Tages.

    Viel spricht für einen Kampf gegen den Klimawandel. Was dieses Thema aber angeht, kann er nicht schnell genug die Gletscher und Schneefelder hinwegraffen.

  5. Lieber Journalist, es geht doch weder dem Fernsehen, noch den Verbänden und Funktionären und oft auch schon den Sportlern nicht mehr um den Sport.
    Es ist ein (teilweise verzweifeltes)Wettrennen um das liebe Geld und für die Funktionäre noch um öffentliche Aufmerksamkeit und die Finanzierung ihres "Ehrenamts". Die Infrastruktur zahlt zudem der Steuerzahler (Stichwort: Brot und Spiele).
    Und wer sonst nichts zu tun hat, als den ganzen Tag vor dem Fernseher zu sitzen, dem gönne ich diese Events !

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