WintersportDie Skispringerinnen kämpfen um Anerkennung

Sie schimpften, klagten und zogen vor Gericht: Seit dieser Saison haben die Skispringerinnen ihren eigenen Weltcup. Doch gleichberechtigt sind sie nicht. von 

Die Skispringerin Ulrike Gräßler

Die Skispringerin Ulrike Gräßler  |  © Hendrik Schmidt/dpa/picture alliance

Sie stecken in diesen quietschbunten, wattierten, unfassbar steifen Anzügen. Die Köpfe behelmt, schnellen sie die Schanze herunter, fliegen durch die Luft, ihre Skier zum V geformt. Erst eine Gruppe, dann die andere, dann noch ein Durchgang. Die einen landen etwas weiter als die anderen, ansonsten keine Unterschiede. Scheinbar. Die einen sind Männer, die anderen Frauen.

Es war ein historischer Moment, als am 3. Dezember 2011 in Lillehammer die Weltcup-Saison der Skispringer begann: Zum ersten Mal durften auch Frauen mitspringen, zum ersten Mal standen Männer und Frauen im Rampenlicht, zum ersten Mal wurde beider Wettkampf im Fernsehen übertragen. Die US-Amerikanerin Sarah Hendrickson, gerade einmal 17 Jahre alt, gewann das Auftaktspringen. Doch am Freitag, bei der Weltcup-Premiere in Schonach im Schwarzwald, und beim zweiten Springen gleich zwei Tage später in Hinterzarten werden erstmals auch die deutschen Springerinnen in den Fokus rücken, werden ihre Geschichte erzählen können.

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Die 21-jährige Melanie Faißt aus Baiersbronn etwa, die in Lillehammer Dritte wurde. Oder Ulrike Gräßler, die auf dem elften Platz landete. "Mir gratulierten jetzt mehr zu meinem elften Platz als vorher, wenn ich Zweite geworden bin", sagt Ulrike Gräßler, mit 24 Jahren schon eine der erfahrensten und ältesten im deutschen Frauenteam. Es war fast, als hätte ihre gesamte Sportlerkarriere zuvor nicht stattgefunden.

Zuvor, das ist der jahrelange Kampf um Gleichberechtigung, ums finanzielle Überleben. Da ist die Zeit, in der Damen-Skispringen nicht nur von der Öffentlichkeit ignoriert, sondern auch sportlich und institutionell klein gehalten wurde. Ohne Weltcup, ohne Olympia-Teilnahme. Es war am Schluss die einzige olympische Disziplin, in der nur Männer starten durften. Die Damen durften ein paar Continental-Cup-Sprünge (COC) absolvieren. COC, das war der höchste Wettkampf, den sie hatten; bei den Männern startet da nur die B-Klasse. 2009 gab es dann die erste Weltmeisterschaft, immerhin.

Dabei hatten sie weltweit so dafür gekämpft, dass ihr Sport olympisch wird. Dass das Internationale Olympische Komitee ( IOC ) einen Unterschied machte, das verstanden sie nicht. Sie hatten schließlich von Anfang an mit Jungs trainiert, überholten ihre jüngeren Brüder. Es kam ihnen gar nicht in den Sinn zu denken, sie seien schlechter, gar untauglich fürs Skispringen.

Es seien zu wenig Länder vertreten, hieß es – obwohl es in anderen olympischen Exotensportarten weit schlechter aussah. Es klang alles irgendwie fadenscheinig. Der Präsident der FIS, der Schweizer Gian-Franco Kasper, war aus "medizinischen Gründen“ dagegen. Er soll auch einmal gesagt haben, beim Springen könne die Gebärmutter verletzt werden.

Die Reaktionen der Springerinnen auf diese Sprüche waren eindeutig – sie können sich nicht vorstellen, dass jemand so etwas ernst meinen könnte. Kasper wird im Januar 68 Jahre alt, zwischen ihm und den Frauen liegen mehrere Generationen. Die nordamerikanischen Springerinnen schimpften gegen die "alten europäischen Männer“, die "Taliban von Olympia“. Sie richteten eine Facebook-Seite ein, organisierten eine internationale Petition gegen den Skiverband FIS, klagten wegen Gender-Diskriminierung vor dem Obersten Gerichtshof Kanadas , legten Berufung ein, alles umsonst. Zunächst.

Am 6. April 2011 kam dann die offizielle Mitteilung vom IOC. Die Frauen dürfen auch bei den Olympischen Spielen starten, erst bei den Jugendspielen 2012 in Innsbruck , zwei Jahre später dann in Sotschi . Man habe überlegt, erklärte das Komitee , welche zusätzlichen Sportarten die "Geschlechtergerechtigkeit“ bei Olympia verbessern würden. Es muss wie Hohn geklungen haben für die Springerinnen.

Allein der Stempel "olympisch“ ändert nun vieles. Vom Deutschen Olympischen Sportbund und der Sporthilfe kommen Fördergelder, die TV-Übertragungen locken Sponsoren an – fürs Team wie für einzelne Sportlerinnen. "Es ist jetzt auf einmal Geld da“, sagt Daniel Vogler, elf Jahre lang Nationaltrainer der Frauenmannschaft. Es gibt zum ersten Mal einen fest angestellten Trainer, eine feste Physiotherapeutin, einen Techniker.

Leserkommentare
    • kinnas
    • 02. Januar 2012 13:29 Uhr

    "Sie hatten schließlich von Anfang an mit Jungs trainiert, überholten ihre jüngeren Brüder."

    Springen Frauen weiter? Also ist der Weltrekord der Frauen höher als der der Männer?

    Wenn ja müsste es ja eigentlich andersrum sein, nämlich daß das Männerskispringen ein viertel der Preisgelder des Damenskispringen hat.

    • Chris_7
    • 02. Januar 2012 13:37 Uhr

    Liebe Damen

    Eure Sportbegeisterung in Ehren. Aber es interessiert mich ebenso das Damenskispringen oder der Frauenfußball wie das Synchronschwimmen der Herren.

    Es gibt eben Sportarten, die sind ganz traditionell nach Geschlechtern besetzt und werden auch so von den Zuschauern und Teilnehmern präferiert. Da kann man vor lauter Gender- und anderem Kram Schaum vor dem Mund haben, aber das ist eben der Unterschied zwischen politisch korrekt formulierten Thesen obskurer "Forschungs"einrichtungen und Ministerien und dem wirklichen Leben.

    Und wenn es keinen interessiert, dann gibt es eben dafür keine Kohle. Fertig.

    • Azenion
    • 02. Januar 2012 13:37 Uhr

    Schade, daß die Forderung nach Gleichberechtigung immer nur über Apartheid gelöst wird. Im offiziellen Sport dürfen Männer und Frauen niemals etwas gemeinsam machen.

    Fände ich als Aktiver schade.

    • Filosov
    • 02. Januar 2012 14:08 Uhr

    Wahre Gleichberechtigung wäre, wenn alle im selben Wettbewerb starten. Warum soll Minderleistung ungleich höher belohnt werden, wenn es um den/die Besten geht, nur weil man ein anderes Geschlecht hat?

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    "Wahre Gleichberechtigung wäre, wenn alle im selben Wettbewerb starten."

    Nach Ihrer Logik dürfte es dann auch keine Jugendwettbewerbe mehr geben. Sollen die Bambini sich doch als gleichberechtigte Mitglieder in der (nicht alters- oder geschlechtsdiskriminierten) Bestenauslese bewähren! Und verschiedene Gewichtsklassen? Verstoßen doch gegen den "Gleichberechtigungsgrundsatz". Sollen sich die Fliegengewichtler doch gleichberechtigt gegen die Superschwergewichtler bewähren! Unterschiedliche Startklassen (nach Geschlecht, Alter oder Gewicht) machen aber nicht nur aus Gründen der Chancengleichheit Sinn, sie haben für die Fans auch unterschiedliche Vorzüge (z.B. technisch anspruchsvollerer Sport in den niedrigeren Gewichtsklassen, weniger brutales Einsteigen [...]).

    Aber eins ist richtig: Sportlerinnen können Anerkennung nicht einfach einfordern, sie müssen sie sich erarbeiten. Und beim Frauen-Skispringen ist weniger die durchschnittlich geringere Weite im Gegensatz zu den Männerwettbewerben das Problem. Problematisch ist die geringere Leistungsdichte. Die Wettbewerbe sind dadurch weniger spannend. Zudem ist es in einem Sport mit geringerer Leistungsdichte einfacher, an die Spitze zu kommen, es gibt ja weniger Konkurrenz.

    Egal, welche Sportart betrieben wird: Man muss durch Leistung und spannende Wettbewerbe überzeugen. Fans müssen sich nicht "an die neue Situation gewöhnen", man muss Fans durch guten Sport gewinnen.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

  1. Meine Frau und ich interessierten uns schon immer für das Ski-Springen der Frauen. Jetzt dürfen wir hoffen, das auch im TV zu sehen.

    Den gleichen Kampf mussten die Bob-Fahrerinnen auch erst führen.

    Ich wundere mich schon, mit welcher Überzeugung Leute schreiben, dass dies niemanden interessiere. Nur deshalb schreibe ich das hier!

  2. sei angemerkt, daß die Siegerweiten in Lillehammer 125,5/129m (Kofler) und 100,5/95,5m (Hendrickson) betrugen.

  3. "Wahre Gleichberechtigung wäre, wenn alle im selben Wettbewerb starten."

    Nach Ihrer Logik dürfte es dann auch keine Jugendwettbewerbe mehr geben. Sollen die Bambini sich doch als gleichberechtigte Mitglieder in der (nicht alters- oder geschlechtsdiskriminierten) Bestenauslese bewähren! Und verschiedene Gewichtsklassen? Verstoßen doch gegen den "Gleichberechtigungsgrundsatz". Sollen sich die Fliegengewichtler doch gleichberechtigt gegen die Superschwergewichtler bewähren! Unterschiedliche Startklassen (nach Geschlecht, Alter oder Gewicht) machen aber nicht nur aus Gründen der Chancengleichheit Sinn, sie haben für die Fans auch unterschiedliche Vorzüge (z.B. technisch anspruchsvollerer Sport in den niedrigeren Gewichtsklassen, weniger brutales Einsteigen [...]).

    Aber eins ist richtig: Sportlerinnen können Anerkennung nicht einfach einfordern, sie müssen sie sich erarbeiten. Und beim Frauen-Skispringen ist weniger die durchschnittlich geringere Weite im Gegensatz zu den Männerwettbewerben das Problem. Problematisch ist die geringere Leistungsdichte. Die Wettbewerbe sind dadurch weniger spannend. Zudem ist es in einem Sport mit geringerer Leistungsdichte einfacher, an die Spitze zu kommen, es gibt ja weniger Konkurrenz.

    Egal, welche Sportart betrieben wird: Man muss durch Leistung und spannende Wettbewerbe überzeugen. Fans müssen sich nicht "an die neue Situation gewöhnen", man muss Fans durch guten Sport gewinnen.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Gleichberechtigung?"
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    Der Hinweis auf die erhöhte schwalbenartige Fallsucht beim Männerfußball ist keineswegs eine "pauschale Unterstellung", sondern wissenschaftlich belegt.

    Der Spiegel berichtet unter der Überschrift "Männer-Frauen-Vergleich: Warum Fußballer die wahren Drama-Kings sind" über eine Studie der TU München, deren Quintessenz lautet: "Frauen halten sich deutlich weniger mit schauspielerischen Einlagen auf." SPON zitiert den wissenschaftlichen Leiter folgendermaßen: "„Generell können die Unterschiede so interpretiert werden, dass bei den Männern der Gedanke der Inszenierung viel stärker ausgeprägt ist als bei den Frauen“, sagt Lames. Bei den Damen „steht offensichtlich das Spiel an sich im Vordergrund“."
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,771558,00.html

    Bei allen Vorzügen, die der athletischere Männerfußball hat, ist das einer der Vorzüge beim Frauenfußball. Und noch ein kleines Schmankerl zum Thema: ein nettes Video über das Fußballtraining kleiner Mädchen, die sich, sobald der Trainer in seinen Kommandos den Namen eines bestimmten Spielers aus der spanischen Primera Division nennt, alle augenblicklich zu Boden fallen lassen, um sich vor Schmerzen zu wälzen: http://www.fanartisch.de/news/madchen-fussball-cristiano-ronaldo-schwalb...

    • Filosov
    • 02. Januar 2012 17:06 Uhr

    [...] Auch Schwergewichtler verdienen im Schnitt mehr als Bantam- oder Fliegengewicht. Auch müssten dann Hockeyspieler wegen mangelnder Gleichberechtigung klagen, erhalten sie doch deutlich weniger als Fußballer, obwohl sie vermutlich nicht weniger leisten. Kurzum: Da die Vorraussetzungen (wie Sie durchaus verdeutlichen) offensichtlich nicht gleich sind, kann man keine Gleichbehandlung verlangen.
    Übrigens: Jugendliche, die gut genug sind, setzen sich auch durch und verdienen Unmengen (wie .z.B. ein 16/17-jähriger Lionel Messi).
    Um mal ein Gegenbeispiel zu nennen: Ich habe vor einer Jutta Kleinschmidt (erfolgreiche Rallye-Fahrerin) sehr großen Respekt, denn Sie hat ihre Chance genutzt - in einem männerdominierten Sport. Wenn sowas nicht mehr die Ausnahme ist, dann haben wir Gleichberechtigung. Dafür muss man sich aber durchsetzen - und zwar ohne Quote.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf herabwürdigende Aussagen. Danke. Die Redaktion/vn

  4. Der Hinweis auf die erhöhte schwalbenartige Fallsucht beim Männerfußball ist keineswegs eine "pauschale Unterstellung", sondern wissenschaftlich belegt.

    Der Spiegel berichtet unter der Überschrift "Männer-Frauen-Vergleich: Warum Fußballer die wahren Drama-Kings sind" über eine Studie der TU München, deren Quintessenz lautet: "Frauen halten sich deutlich weniger mit schauspielerischen Einlagen auf." SPON zitiert den wissenschaftlichen Leiter folgendermaßen: "„Generell können die Unterschiede so interpretiert werden, dass bei den Männern der Gedanke der Inszenierung viel stärker ausgeprägt ist als bei den Frauen“, sagt Lames. Bei den Damen „steht offensichtlich das Spiel an sich im Vordergrund“."
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,771558,00.html

    Bei allen Vorzügen, die der athletischere Männerfußball hat, ist das einer der Vorzüge beim Frauenfußball. Und noch ein kleines Schmankerl zum Thema: ein nettes Video über das Fußballtraining kleiner Mädchen, die sich, sobald der Trainer in seinen Kommandos den Namen eines bestimmten Spielers aus der spanischen Primera Division nennt, alle augenblicklich zu Boden fallen lassen, um sich vor Schmerzen zu wälzen: http://www.fanartisch.de/news/madchen-fussball-cristiano-ronaldo-schwalb...

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