Der französische Pilot Stephane Peterhansel fährt über eine Sanddüne nahe dem chilenischen Copiapo © Bryn Lennon/Getty Images

ZEIT ONLINE:  Frau Kleinschmidt , haben Sie gesehen, wie gleich am ersten Tag der Rallye Dakar der Argentinier Jorge Martinez Boero tödlich verunglückte?

Jutta Kleinschmidt: Das ist jedes Mal eine Katastrophe. Boero war noch ein junger Mann, das ist wahnsinnig traurig. Das Problem ist, dass es auf dem Motorrad einfach sehr gefährlich ist. Ich habe selbst viermal mit dem Motorrad bei der Dakar teilgenommen, da kann viel passieren.

ZEIT ONLINE: Boero gilt als das 61. Todesopfer. Damit ist die Rallye Dakar wahrscheinlich das gefährlichste Sportereignis der Welt. Warum sagt man nicht einfach: Das ist alles Wahnsinn, hören wir auf damit!

Kleinschmidt: Für mich ist das schwierig, zu beantworten. Das ist eine Frage, die sich der Veranstalter stellen muss. Grundsätzlich werden in dieser Statistik natürlich auch alle Opfer mit dazugezählt, nicht nur aktive Teilnehmer.

ZEIT ONLINE: Aber wenn es Zuschauer am Streckenrand trifft oder Kinder – ist das nicht unverantwortlich?

Kleinschmidt: Jedes Opfer ist zu viel, da brauchen wir gar nicht drüber reden. Das muss vermieden werden, aber das ist eben schwierig. Ein Problem der jetzigen Rallye, die ja durch Argentinien , Chile und Peru geht, ist, dass es mir ein bisschen zu bevölkert ist. Man kann bei diesen Entfernungen nicht die ganze Strecke absperren. In Afrika wurde damals nach den vielen Unfällen viel für die Sicherheit getan. In Ortschaften gab es eine Art Geschwindigkeitsbeschränkung, so wie in der Boxengasse der Formel 1. Und draußen, im freien Gelände, gab es keine Zuschauer. Das ist in Südamerika anders.

ZEIT ONLINE:Walter Röhrl , zweimaliger Rallye-Weltmeister, sprach in Bezug auf die Rallye Dakar von "Russisch Roulette". Christian Danner, ehemaliger Formel-1-Pilot und TV-Motorsportexperte, sagte, die Rallye schade dem guten Ruf des Motorsports. Teilen Sie diese Meinungen?

Kleinschmidt: Nein. Natürlich ist diese Rallye gefährlich, aber ich würde sie deswegen nicht abschaffen. Man muss überlegen, was getan werden kann, um weniger Unfälle zu haben. Oder um zumindest weniger tödliche Unfälle zu haben. Unfälle gibt es in anderen Motorsportarten nämlich auch.

ZEIT ONLINE: Was kann getan werden?

Kleinschmidt: Zuerst müsste man eine Qualifikation für die Fahrer einführen. Jeder, der an der Dakar teilnehmen will, muss vorher eine kleinere, weniger gefährliche Rallye zu Ende gefahren haben. Das würde schon einige aussortieren. Das Risiko würde sich reduzieren. Sowohl das eigene, als auch das für Außenstehende. Weil diese Fahrer dann wissen, was sie tun.

ZEIT ONLINE: Sind diese Privatfahrer das Problem, Millionärssöhnchen, die nur aus Langeweile mitfahren?

Kleinschmidt: Diese Privatfahrer gab es ja schon immer. Die gehören irgendwie dazu. Sie verkörpern diesen Traum, diesen Mythos vom härtesten Rennen der Welt. So war das damals auch bei mir. Ich habe die Dakar zuerst als Urlauberin auf dem Motorrad begleitet. Und irgendwann war ich mit dabei.

ZEIT ONLINE: So einfach ist das?

Kleinschmidt: Na ja. Zuerst einmal kostet es natürlich eine Menge Geld. Ich musste alles, was ich als junge Ingenieurin verdient habe, zusammenkratzen, musste sogar noch ein paar Nebenjobs annehmen, um teilzunehmen. Das fällt so einem Millionärssöhnchen, wie Sie sie genannt haben, natürlich leichter.

ZEIT ONLINE: Bloß können die oft nicht Auto fahren.

Kleinschmidt: Darin liegt das eigentliche Problem: Dass da Leute mitfahren, die nur das Geld haben, aber nicht die Qualität. Deshalb müsste es die Qualifikation geben. In der Formel 1 braucht man auch die sogenannte Superlizenz. So kann keiner, der keine Ahnung hat, kommen und sagen: "Hey, ich will auch mal mitfahren!" In der Autowertung bei der Dakar ist es ja noch nicht so schlimm. Der bleibt dann halt mal irgendwo im Sand stecken. Aber auf dem Motorrad wird es richtig gefährlich.