Philipp Wollscheid "Schule fand ich immer wichtiger als Fußball"

Kein Bundesliga-Spieler gewinnt so viele Zweikämpfe wie Philipp Wollscheid. Im Interview spricht der Nürnberger über seinen Karrieresprung und die Angst vor Mikrofonen.

Der Nürnberger Philipp Wollscheid

Der Nürnberger Philipp Wollscheid

Seit dieser Spielzeit werden in der Fußball-Bundesliga exzessiv Daten erhoben. Jeder Pass, jeder Zweikampf, ja mittlerweile gar jeder gelaufene Meter werden registriert. Aber was steckt hinter den Zahlen? In unserer Interview-Serie "Fußball nach Zahlen" geben wir der Statistik ein Gesicht. Wir haben mit den Spielern mit den meisten Ballkontakten, der besten Zweikampfquote und dem am häufigsten gefoulten Profi gesprochen. Heute: Philipp Wollscheid, 1. FC Nürnberg.

ZEIT ONLINE: Herr Wollscheid, wann und wovor hatten Sie zum letzten Mal Angst?

Philipp Wollscheid: Auf dem Fußballplatz sollte es eigentlich nichts geben, wovor man Angst hat. Angst ist im Fußball der falsche Ratgeber. Anspannung ist gut, und Respekt sollte man auch immer vor dem Gegner haben.

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Philipp Wollscheid

Philipp Wollscheid, Abwehrspieler vom 1. FC Nürnberg, hat in der Hinrunde 72 Prozent seiner Zweikämpfe gewonnen, so viele wie kein anderer Spieler der Liga. Nur Per Mertesacker, jetzt bei Arsenal London, konnte in seinen vier Saison-Einsätzen für den SV Werder einen besseren Wert (85 Prozent) vorweisen.

ZEIT ONLINE: Und sonst?

Wollscheid: Im Alltag fällt mir gerade keine Situation ein, aber es gibt bestimmt genügend.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein Gegenmittel, wenn es mal zu einer Angstsituation kommt?

Wollscheid: Da habe ich noch keine Allzweckwaffe gefunden. Man muss wohl immer von Situation zu Situation neu versuchen, damit umzugehen.

ZEIT ONLINE: Kein Tipp für Ihre nächsten Gegenspieler? Die haben aufgrund Ihrer Zweikampfwerte womöglich schon Angst vor Ihnen.

Wollscheid: Nein, das glaube ich nicht. Ich hoffe, die haben Respekt vor mir, genau wie ich Respekt vor denen habe. Aber Angst hat da keiner.

ZEIT ONLINE: Witzeln die Kollegen nicht auch mal vor dem Spiel: Och nein, nicht schon wieder gegen den?

Wollscheid: Wie über mich gesprochen wird, kriege ich nicht mit. Aber natürlich gibt es immer unangenehme Gegenspieler in den anderen Mannschaften, über die auch geredet wird.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, ein Innenverteidiger muss bestimmte Charaktereigenschaften besitzen, um so erfolgreich spielen zu können?

Wollscheid: Sie stellen mir keine einfachen Fragen. Ich will hier ja auch nicht als Oberlehrer dastehen und den anderen sagen, wie sie was zu machen haben. Es weiß schon jeder selbst am besten, wie er zu spielen hat. Und bisher wusste ich ja noch nicht mal, dass meine Werte so gut sind.

ZEIT ONLINE: Ihrer Spielergeneration scheint es generell nicht leicht zu fallen, über die eigene Leistung zu sprechen. Mesut Özil beispielsweise antwortet mittlerweile auf alle Pressefragen nur noch mit dem einen Satz: Lob an die Mannschaft!

Wollscheid: (lacht) Bei dem ist mir das auch schon aufgefallen: Lob an die Mannschaft! Aber alleine kommt man ja auch nicht weiter. Alleine kann man auch keine Zweikämpfe gewinnen.

ZEIT ONLINE: Dennoch scheint es, als werden gerade junge Spieler von Ihren Vereinen rhetorisch abgerichtet.

Wollscheid: Kann gut sein. Man wird ja auch geschult, wie man sich am besten ausdrücken sollte.

ZEIT ONLINE: Deshalb diese Universalsprache der Spieler?

Wollscheid: Heute wird ja jede halbwegs angreifbare Aussage von den Medien ausgenutzt. So wird es immer schwieriger für uns Fußballer, Worte zu finden, die keine Angriffsfläche bieten. Das ist sicherlich einer der Gründe, warum immer nur in die eine Richtung gesprochen wird. Aber wenn ich etwas sage, dann sage ich das auch aus Überzeugung. Dann ist das wirklich meine Meinung.

ZEIT ONLINE: Wurden Sie beim Club schon in die Rhetorik-Schule geschickt?

Wollscheid: Bei mir waren sie der Meinung, dass ich mich halbwegs gut aus allem rausreden kann.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ansonsten das Gefühl, dass die ersten Jahre im Profi-Fußball Sie verändert haben?

Wollscheid: Meine Einstellung hat sich um einiges gedreht, seitdem ich in Nürnberg bin. Vorher habe ich einfach nur aus Spaß Fußball gespielt, erst in Nürnberg habe ich eine professionelle Einstellung entwickelt und mir selbst das Ziel gesetzt, möglichst weit zu kommen und möglichst hoch zu spielen.

ZEIT ONLINE: Die Fußballkarriere hat bei Ihnen ja auch vergleichsweise spät begonnen.

Wollscheid: Die hatte ich auch gar nicht so genau geplant. Fußball war schon immer wichtig in meinem Leben, aber die Schule fand ich immer wichtiger. Nach der Schule wusste ich dann nicht so recht, was ich machen sollte. Zu der Zeit habe ich immer mehr Fußball gespielt, irgendwann bin ich in der Oberliga gelandet und konnte später bei einem Probetraining in Nürnberg überzeugen. Ich habe mir selbst zwei, drei Jahre Zeit gegeben und dachte: Wenn es mit dem Fußball nicht klappt, kann ich ja immer noch studieren.

ZEIT ONLINE: Dann kam der Aufstieg.

Wollscheid: Im Nachhinein finde ich es auch krass, dass alles so gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Wenn ich mit der Einstellung von früher weitergespielt hätte, hätte das alles nicht so funktioniert. Ich habe immer mehr an mir gearbeitet und versucht, bewusster für den Fußball zu leben.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt da grob beleidigend. Die Redaktion/mak

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