Libyens NationalmannschaftVom Gaddafi-Team zur Hoffnung eines freien Landes

Wie das Land war Libyens Fußballauswahl gespalten. In Gaddafi-Anhänger und Rebellen, die im Bürgerkrieg kämpften. Jetzt hofft das Team auf einen Neuanfang. von 

Libyens Fußballer feiern den Sieg über Mosambik im September 2010

Libyens Fußballer feiern den Sieg über Mosambik im September 2010  |  © Amr Dalsh/Reuters

Nein, dass alles so aufregend wird, damit hätte Antoine Hey nicht gerechnet. Schon die vorherigen Engagements als Nationaltrainer von Lesotho und Gambia , Liberia und Kenia hatten an seinen Nerven gezehrt. Daher freute sich der ehemalige Bundesliga-Profi auf den neuen Job. Ein Posten als technischer Direktor in Libyen , Dienstantritt im Juli 2010. Eine spannende Aufgabe, mäßig viel Stress. "Ich wollte mir eigentlich ein bisschen Luft verschaffen", sagt Hey. Das ging schief: Es gab Krieg.

Hey war fortan für die fußballerischen Geschicke eines Landes mitverantwortlich, dass in einem Bürgerkrieg versinken sollte, der es jeden Abend in die Nachrichten schaffte, der die Vereinten Nationen zum Eingreifen zwang, der 30.000 Menschen das Leben kostete. Ein Krieg, der nicht nur ein Land zerriss, sondern auch dessen Fußballnationalteam. Der es aber dennoch nicht verhindern konnte, dass sich Libyen für den Afrikacup qualifizieren konnte, zum erst dritten Mal in seiner Geschichte.

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"Historisches Ereignis"

Am Samstag wird die libysche Nationalmannschaft den Afrikacup eröffnen, gegen Äquatorialguinea , eines der zwei Ausrichterländer. Die Fußballwelt wird die neue Hymne hören, die neuen Trikots und die neue Flagge sehen. "Das ist ein historisches Ereignis", sagt Hey.

In den vergangenen Monaten hat die libysche Fußballnationalmannschaft im Kleinen durchgemacht, was dem Land im Großen widerfahren ist. Ende März, etwa einem Monat nach Beginn des Konflikts, stand ein Heimspiel gegen die Komoren im Terminkalender. Weil in Libyen Granaten flogen und Panzer rollten, verlegte der afrikanische Fußballverband die Partie in die malische Hauptstadt Bamako, 5.000 Kilometer von Tripolis entfernt, eine Odyssee mit Bus und Flugzeug.

Etwa 20.000 Malier sollen damals im Stadion gewesen sein, viele mit Gaddafi-Postern und Spruchbändern. Sie protestierten gegen die westliche Militärintervention. Libyen gewann mit 3:0 und nach jedem Tor riefen die Fans "Gaddafi, Gaddafi". Tariq Ibrahim al-Tayib sagte damals: "Uns haben die Zuschauer sehr berührt. Die ganze Mannschaft ist für Gaddafi."

Tariq Ibrahim Al-Tayib, der Wortführer und Kapitän, galt als bester Spieler des Landes. Zweimal wurde der Mittelfeldspieler in die Riege der zehn besten Fußballer des Kontinents gewählt. Er spielte für Clubs aus Tunesien , der Türkei , Saudi-Arabien, derzeit für einen aus Kuweit. Doch das Spiel gegen die Komoren sollte al-Tayibs letztes für Libyen gewesen sein.

Beim nächsten Auftritt, im September, gut einen Monat vor Ende des Konflikts, war alles anders. Diese Mannschaft war kein Gaddafi-Team mehr. Die Spieler trugen erstmals die neuen, weißen Trikots, hastig zusammengeschusterte. Auf den Spielerbrüsten prangte zum ersten Mal das Rot-Grün-Schwarz der neuen, alten Flagge. Sie stammt aus der Zeit vor Gaddafi und wurde von den Rebellen übernommen. Erneut wurde ein Heimspiel zum Auswärtsspiel. In Kairo ging es unter Ausschluss der Öffentlichkeit gegen den direkten Qualifikationskonkurrenten aus Mosambik . Libyen gewann auch dieses Spiel, 1:0. Viele Spieler redeten von einem neuen Start.

Von al-Tayib war nichts zu sehen. Er wäre nicht mehr willkommen, sagte ein Spieler damals. Libyens brasilianischer Trainer Marco Paqueta sagte, der 34-jährige al-Tayib sei zu alt und machte den 39-jährigen Torwart zum neuen Kapitän. Vielleicht hat al-Tayibs Abwahl eher mit seinen Aussagen nach dem Komoren-Spiel zu tun. Oder mit denen im Sommer, als er die Rebellen noch als Ratten und Hunde bezeichnete. "Al-Tayib ist aus eigenen Stücken nicht dabei. Er sieht sich momentan nicht dazu imstande, mitzuspielen", sagt Hey. Er habe ein schlimmes Jahr hinter sich und müsse das Ganze erst einmal verarbeiten. Von Seiten des Fußballverbandes gebe es aber keine Einschränkungen oder Vorgaben, wer nominiert wird und wer nicht.

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    • Schlagworte Libyen | Vereinte Nationen | Flagge | Fußball | Nationalmannschaft | Gambia
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