Gerichtsurteil in KielDer Handball bleibt unglaubwürdig

Die ehemaligen Verantwortlichen des THW Kiel gehen straffrei aus. Doch der Handball sollte das Urteil nicht als Freispruch missverstehen. Ein Kommentar von 

Der Freispruch im wichtigsten und größten Handball-Prozess der vergangenen Jahre mag manchen Beobachter überraschen. Das Gericht in Kiel konnte den Angeklagten nicht nachweisen, Schiedsrichter bestochen zu haben. Weder der Ex-Geschäftsführer Uwe Schwenker noch der ehemalige Trainer Zvonimir Serdarusic sind schuldig im juristischen Sinne. Doch alle Zweifel konnten sie längst nicht ausräumen. Das betonte auch der bei der Wahrheitssuche erfolglose Richter.

Die Staatsanwalt hatte noch vor Kurzem ein sehr belastendes Beweisstück aus dem Jahr 2003 präsentiert: ein Fax des THW Kiel an den mutmaßlichen Mittelsmann samt Kontaktdaten an die entsprechenden Schiedsrichter. Doch es fanden sich zu wenige Zeugen, die über all die Manipulationspraktiken sprachen. Im Profi-Handball haben zu viele Akteure eigene Leichen im Keller.

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Verwunderung über die skandalösen Vorwürfe gegen Schwenker und Serdarusic herrschte deshalb ohnehin nicht in der Szene. Ehemalige Funktionäre stecken einem hinter vorgehaltener Hand, dass selbst bei Weltmeisterschaften Schiedsrichter schon mal leicht nachhelfen. Bei Europapokalspielen in Osteuropa sollen bis vor nicht allzu langer Zeit Tariflisten den Preis des Pfiffs bestimmt haben.

Im Handball sind die Schiedsrichter die Schwachstelle, auch weil es sich wegen des Regelwerks wie in kaum einer anderen Sportart so unauffällig manipulieren lässt. Es ist ein internationales Problem, nicht zufällig handelt es sich bei den verhandelten Spielen um Europapokalspiele.

Die Kultur des Betrugs wird von oben vorgelebt. Der mächtigste Mann im Welthandball, der ägyptische IHF-Präsident Hassan Moustafa , zeigt keinen Respekt vor der Integrität des Spiels. Er war – nachweislich – an einer Schiedsrichtermanipulation beteiligt.

Im Kieler Prozess hat das Gericht nicht nur zwei verdächtige Männer geprüft, sondern eine verdächtige Sportart beleuchtet. Auch wenn es dabei Teilwahrheiten ans Licht gebracht und so manches offene Geheimnis bestätigt hat – die Chance auf den reinen Tisch ist mit dem Freispruch verflogen. Das ist die viel schlechtere Nachricht als das EM-Aus der Nationalmannschaft gegen Polen .

Schwenker und Serdarusic mögen freigesprochen worden sein, aber der Handball behält sein Glaubwürdigkeitsproblem – auch wenn ihm seine treuen Fans (noch) erhalten bleiben.

Was passiert nun? Serdarusic wird als Trainer beim Meister Hamburg gehandelt; Schwenker wahrte trotz der Vorwürfe und trotz seiner Ablösung als Manager des THW im April 2009 stets Macht und Einfluss in Kiel. Ihre Ambitionen auf Comebacks werden nach den Freisprüchen wachsen. Obwohl Schwenker und Serdarusic sehr erfolgreich und hochqualifiziert sind, ist das eine fehlerhafte Konsequenz aus dem Gerichtsurteil.

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Leserkommentare
  1. ...es konnte nicht bewiesen werden, dass die beiden schuldig sind- es klingt hier beinahe so, als wäre der Autor für eine Verurteilung, obwohl nichts einwandfrei nachgewiesen werden konnte.

    Es geht hier nur an zweiter Stelle um den Sport, primär um's Strafrecht und deshalb ist der Freispruch konsequent und richtig!

    • jagu
    • 27. Januar 2012 5:05 Uhr

    der wirkliche Sport (http://de.wikipedia.org/w...) findet sowieso nur im örtlichen Turnverein etc. statt.

    Was wir im Fernsehen als Sport verkauft bekommen, sind hingegen frühzeitliche Gladitorenspiele.

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  2. und damit ist der Weltverband gemeint. Seit dem denkwürdigen Olympiaqualifikationsspiel von Quatar gegen Südkorea macht sich da wohl niemand illusionen. Das Spiel kann man auf youtube gucken, wenn man mal ein gekauftes Spiel sehen will.

    Mal abgesehen von den Indizien hat es im Finalspiel der CL 2007 wirklich keinen Hinweis auf Manipulation gegeben. Die Schiedsrichter haben damals zurecht eher Lob bekommen. Einzig etwas strittige Szene war die Rote Karte für Boldsen, nach nem üblen Foul. War ohne Zweifel hart - aber regelkonform. Vor allem spielte Kiel die letzten Minuten mit 2 Mann weniger. Also wenn die Schiris vorausplanen konnten, dass die Flensburger mit doppelter Überzahl gegen den ausgebombten Kieler Kader nichts reissen würden, dann Chapeau.

    Ist ja im Endeffekt auch ein wesentlicher Teil der urteisbegründung. Wenn es Bestechung gegeben hat war sie schlecht inverstiert, da die Schiris nur kassiert aber nicht geliefert hätten.

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    • schucku
    • 27. Januar 2012 10:43 Uhr

    Es ist wirklich zu schade, dass der Autor nicht mit einem Wort erwähnt, dass das Gericht zweifelsfrei festgestellt hat, dass das betreffende Spiel eben NICHT maipuliert war. Stattdessen scheint es in der Tat so zu sein, dass der Autor sich eine Verurteilung gewünscht hat.

    Sieht so eine unabhängige Berichterstattung sein? Kann dies der Anspruch der ZEIT sein? Ich bin (leider mal wieder) enttäuscht.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Zvonimir Serdarusic | Weltmeisterschaft | Betrug | Gericht | Handball | Hassan Moustafa
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