Fußball-EM 2012: Der wegretuschierte Lenin
Die Ukraine bereitet sich mit viel Enthusiasmus auf die Austragung der Fußball-EM vor – und lässt manche Altlasten einfach verschwinden.
© Sergej Supinksi/AFP/Getty Images

Das Lenin-Denkmal auf dem Freiheitsplatz von Charkiw
Ihrem Namen nach ist die Ukraine, so die gebräuchlichste Lesart alter Schriften, das "Land an der Grenze", an der Peripherie. Im Sommer will sie mental einen Schritt in Richtung Mitte tun. "Wir Ukrainer möchten uns als Teil von Europa fühlen", sagt Markian Lubkiwski. Er ist der Chef des nationalen Organisationskomitees der Fußball-EM und glaubt, dass dem Turnier eine "sehr wichtige, wenn nicht historische Rolle" für die Ukraine zukommt.
Manchmal treibt der Wunsch, sich dem Ausland in vorteilhaftem Licht zu präsentieren, allerdings seltsame Blüten. Die Kiewer Agentur Shootgroup ließ in einem Promovideo kurzerhand das 20 Meter hohe Lenin-Denkmal vom Freiheitsplatz in Charkiw verschwinden. Dabei muss der wegretuschierte Ober-Bolschewist so oder so mit zur EM: Charkiw ist eine der vier ukrainischen Gastgeberstädte. Im Metalist-Stadion trägt Deutschland am 13. Juni sein Vorrundenspiel gegen die Niederlande aus. Und die Fanmeile auf dem riesigen Freiheitsplatz, wo sich 2008 rund 300.000 Menschen versammelten, um Queen spielen zu hören, wird zu den größten der EM gehören. Lenin inklusive.
"Die Ukrainer haben Lust auf die EM"
Umso weniger Verständnis brachten die ukrainischen Medien für den verschämten Umgang mit einem Teil der eigenen Geschichte auf. Auch der deutsche Filmemacher Jakob Preuss hält es für "ungeschickt", dass die Ukraine ausgerechnet mit Modernität werben und den Eindruck vermitteln wolle, es sei "alles so toll wie in Europa". Das werde "nicht gelingen".
Preuss hat 2008 und 2009 in Zusammenarbeit mit dem ZDF seine viel beachtete Sozialstudie The Other Chelsea über Schachtjor Donezk, seine Verantwortlichen und Anhänger im Kohlerevier Donbas gedreht. Aus Sicht des Berliners wird die Ukraine seit Zusammenbruch der Sowjetunion von Oligarchen regiert, denen ihre Partikularinteressen wichtiger sind als demokratische Grundsätze oder das Allgemeinwohl. Wobei Präsident Viktor Janukowitsch in den Augen der Bevölkerung zunehmend abgewirtschaftet habe. "Es wäre schlimm, wenn es der derzeitigen zunehmend autoritären Regierung gelänge, aus der EM politisches Kapital zu schlagen."
Schätzen gelernt hat Preuss dagegen die "unglaubliche Menschlichkeit" der Ukrainer. "Nach Donezk zum Beispiel kommen nicht sehr viele Ausländer. Da wird man mit großer Offenheit und Neugierde empfangen. Ich würde das jedem als Reiseziel empfehlen, auch wenn gerade kein Fußball ist."
Zunächst einmal aber ist überall Fußball. "Die Ukrainer haben Lust auf die Europameisterschaft", sagt Preuss. Mit Nationaltrainer Oleg Blochin, mit Igor Belanow und Andrej Schewtschenko wurden gleich drei Ukrainer Europas Fußballer des Jahres. 1975, 1986 und 2004 war das. Waleri Lobanowski, Trainerpatriarch von Dynamo Kiew, bis ihn 2002 ein tödlicher Schlaganfall auf der Bank ereilte, galt vielen als einer der größten Fußballweisen schlechthin. Dynamo Kiew und Schachtjor Donezk haben zusammen drei Europapokale gewonnen, den letzten 2009. Auf nationaler Ebene wechseln sich die beiden Klubs als Meister ab, ansonsten ist das Niveau mäßig.






Ja, da fassen wir uns doch alle mal selber an die Nase!
Und in welcher deutschen Stadt steht nochmal das 20 m hohe Hitler-Denkmal?
Und in welcher deutschen Stadt steht nochmal das 20 m hohe Hitler-Denkmal?
Ich bin gerade in Kiew, was Gastfreundschaft, Englischkenntnisse usw. betrifft sollten die Ukrainer noch einiges tun. Die Innenstadt sieht ja ganz nett aus, aber in der Peripherie hat sich seit den Soweijt-Zeiten wahrscheinlich nicht viel getan. Die Metro ist ziemlich veraltert aber zumindest relativ sauber.
Mit den Leuten mit denen ich gesprochen haben waren nicht an Fußball interessiert, schau wir mal ob's wirklich ein Fußballfest wird
Das scheint mir ein generelles Problem zu sein. Wir meckern ja gerne über die Servicewüste Deutschland, aber das wird von öffentlichen Behörden in der Ukraine wirklich mühelos übertroffen. Leider.
Und das Problem ist nicht nur in der Ukraine so. Auch in anderen ehemaligen Ostblockstaaten muss man viel Geduld an den Tag legen, wenn man etwas will.
Was den Umgang mit Touristen angeht, besteht großer Nachholbedarf. Man muss seinen Gästen schon die Zeit lassen, die Speisekarte zu studieren. Und man muss Nachsicht zeigen, wenn der Gast eben nicht perfekt Russisch oder Ukrainisch spricht. Das habe ich zumindest bei meinem Aufenthalt erfahren. Scheint mir fast schon ein Mentalitätsproblem zu sein. :-P
"Kommt Zeit, kommt Rat", sagt man ja. Und das wünsche ich auch diesen Staaten. Mir geht es nicht um McDonaldisierung dieser Staaten und auch nicht um die ach so großartigen westlichen Standards. Es geht um grundlegende Einstellungen gegenüber Gästen (den Gästen stehen diese Tugenden übrigens auch gut zu Gesicht):
Offenheit, Nachsicht und Freundlichkeit
Wenn das jeder Beamte bei der ukrainischen Bahn oder auch der einfache Kellner berücksichtigen würde, könnten viele Besucher einen tollen Urlaub erleben.
Ich war erst im August einige Zeit in Kiew und habe eine bessere Gastfreundschaft erlebt, als in deutschen Restaurants. Dass die Metro veraltet ist, mag hinkommen. Aber unbequemer als die Londoner Tube ist sie auch nicht. Im Gegenteil war es unten in der Metro sogar recht sauber, während dort gerade nachts in Deutschland Alkoholleichen, Junkies und Urinpfützen zu finden sind.
"Offenheit, Nachsicht und Freundlichkeit"
Habe ich jeden Tag erlebt. Aber wie man in den Wald hineinruft...
Das scheint mir ein generelles Problem zu sein. Wir meckern ja gerne über die Servicewüste Deutschland, aber das wird von öffentlichen Behörden in der Ukraine wirklich mühelos übertroffen. Leider.
Und das Problem ist nicht nur in der Ukraine so. Auch in anderen ehemaligen Ostblockstaaten muss man viel Geduld an den Tag legen, wenn man etwas will.
Was den Umgang mit Touristen angeht, besteht großer Nachholbedarf. Man muss seinen Gästen schon die Zeit lassen, die Speisekarte zu studieren. Und man muss Nachsicht zeigen, wenn der Gast eben nicht perfekt Russisch oder Ukrainisch spricht. Das habe ich zumindest bei meinem Aufenthalt erfahren. Scheint mir fast schon ein Mentalitätsproblem zu sein. :-P
"Kommt Zeit, kommt Rat", sagt man ja. Und das wünsche ich auch diesen Staaten. Mir geht es nicht um McDonaldisierung dieser Staaten und auch nicht um die ach so großartigen westlichen Standards. Es geht um grundlegende Einstellungen gegenüber Gästen (den Gästen stehen diese Tugenden übrigens auch gut zu Gesicht):
Offenheit, Nachsicht und Freundlichkeit
Wenn das jeder Beamte bei der ukrainischen Bahn oder auch der einfache Kellner berücksichtigen würde, könnten viele Besucher einen tollen Urlaub erleben.
Ich war erst im August einige Zeit in Kiew und habe eine bessere Gastfreundschaft erlebt, als in deutschen Restaurants. Dass die Metro veraltet ist, mag hinkommen. Aber unbequemer als die Londoner Tube ist sie auch nicht. Im Gegenteil war es unten in der Metro sogar recht sauber, während dort gerade nachts in Deutschland Alkoholleichen, Junkies und Urinpfützen zu finden sind.
"Offenheit, Nachsicht und Freundlichkeit"
Habe ich jeden Tag erlebt. Aber wie man in den Wald hineinruft...
Und in welcher deutschen Stadt steht nochmal das 20 m hohe Hitler-Denkmal?
Die gibt es denke ich nirgends. Aber es gibt im Osten Kleinstädte, die komplett von Nazis bewohnt sind und die alle Andersdenkenden sehr unter Druck setzen. In KiTas gehören nationalsozialistische Lieder zum Alltag. Gesehen in einer Reportage auf Phoenix.
Ich halte diesen Vergleich eigentlich für unsäglich zumindest aber in der Bedeutung des Wirkens und der Folgen für grob falsch. Lenin als maßgeblicher Führer der Oktoberrevolution beseitigte ein stark repressives System. Dabei ging er allerdings über Leichen (Roter Terror), was genauso für die Gegenseite galt (Weißer Terror). Als Mitbegründer der Sowjetunion schuf er ein neues repressives System, konnte aber im Vergleich zur Zarenzeit eine Verbesserung der Lebensbedingungen der einfachen Arbeiter erreichen. Viele Bürger der Sowjetunion trauern diesen Zeiten eines nach innen und außen starken Staates nach, der auch ihnen Bedeutung und Stolz gab.
Wenn man einen Vergleich zulassen möchte, dann ist es eher der zwischen Hitler und Stalin. Beide kann man getrost als Schlächter ganzer Völker bezeichnen.
Und warum räumen wir Deutschen denn nicht die ganzen Denkmäler von Wilhelm II, der immerhin einer der Hauptverantwortlichen für den 1. Weltkrieg mit Millionen von Toten ist?
Die gibt es denke ich nirgends. Aber es gibt im Osten Kleinstädte, die komplett von Nazis bewohnt sind und die alle Andersdenkenden sehr unter Druck setzen. In KiTas gehören nationalsozialistische Lieder zum Alltag. Gesehen in einer Reportage auf Phoenix.
Ich halte diesen Vergleich eigentlich für unsäglich zumindest aber in der Bedeutung des Wirkens und der Folgen für grob falsch. Lenin als maßgeblicher Führer der Oktoberrevolution beseitigte ein stark repressives System. Dabei ging er allerdings über Leichen (Roter Terror), was genauso für die Gegenseite galt (Weißer Terror). Als Mitbegründer der Sowjetunion schuf er ein neues repressives System, konnte aber im Vergleich zur Zarenzeit eine Verbesserung der Lebensbedingungen der einfachen Arbeiter erreichen. Viele Bürger der Sowjetunion trauern diesen Zeiten eines nach innen und außen starken Staates nach, der auch ihnen Bedeutung und Stolz gab.
Wenn man einen Vergleich zulassen möchte, dann ist es eher der zwischen Hitler und Stalin. Beide kann man getrost als Schlächter ganzer Völker bezeichnen.
Und warum räumen wir Deutschen denn nicht die ganzen Denkmäler von Wilhelm II, der immerhin einer der Hauptverantwortlichen für den 1. Weltkrieg mit Millionen von Toten ist?
warum die EM 2012 in Polen und in der Ukraine ist anstatt sie nur in Polen zu machen. Oder noch besser in der Türkei. Das Land ist Fussballverrückt, bei Touristen sehr bekannt und hat auch einiges mehr zu bieten als was die Ukraine bieten kann. Aber naja es will ja niemand die EM in der Türkei haben. Was für Gründe das wohl hat...
Das scheint mir ein generelles Problem zu sein. Wir meckern ja gerne über die Servicewüste Deutschland, aber das wird von öffentlichen Behörden in der Ukraine wirklich mühelos übertroffen. Leider.
Und das Problem ist nicht nur in der Ukraine so. Auch in anderen ehemaligen Ostblockstaaten muss man viel Geduld an den Tag legen, wenn man etwas will.
Was den Umgang mit Touristen angeht, besteht großer Nachholbedarf. Man muss seinen Gästen schon die Zeit lassen, die Speisekarte zu studieren. Und man muss Nachsicht zeigen, wenn der Gast eben nicht perfekt Russisch oder Ukrainisch spricht. Das habe ich zumindest bei meinem Aufenthalt erfahren. Scheint mir fast schon ein Mentalitätsproblem zu sein. :-P
"Kommt Zeit, kommt Rat", sagt man ja. Und das wünsche ich auch diesen Staaten. Mir geht es nicht um McDonaldisierung dieser Staaten und auch nicht um die ach so großartigen westlichen Standards. Es geht um grundlegende Einstellungen gegenüber Gästen (den Gästen stehen diese Tugenden übrigens auch gut zu Gesicht):
Offenheit, Nachsicht und Freundlichkeit
Wenn das jeder Beamte bei der ukrainischen Bahn oder auch der einfache Kellner berücksichtigen würde, könnten viele Besucher einen tollen Urlaub erleben.
Ich stimme Ihnen weitgehend zu, was die „Servicewüste“ in den Oststaaten angeht. Allerdings sind diese Mängel meist bei schon etwas älteren Herrschaften zu beobachten, die noch in der Sowjetunion groß geworden sind. Junge Leute sind kaum anders als im Westen, sprich: praktisch durchwegs freundlich und hilfsbereit.
Was es allerdings auch anzumerken gilt, ist das oftmals irritierende Verhalten von Touristen aus dem Westen, ganz besonders – leider – aus Deutschland. Deren Benehmen lässt oft auch zu wünschen übrig. Nicht von Allen, aber von auffällig Vielen.
Ich stimme Ihnen weitgehend zu, was die „Servicewüste“ in den Oststaaten angeht. Allerdings sind diese Mängel meist bei schon etwas älteren Herrschaften zu beobachten, die noch in der Sowjetunion groß geworden sind. Junge Leute sind kaum anders als im Westen, sprich: praktisch durchwegs freundlich und hilfsbereit.
Was es allerdings auch anzumerken gilt, ist das oftmals irritierende Verhalten von Touristen aus dem Westen, ganz besonders – leider – aus Deutschland. Deren Benehmen lässt oft auch zu wünschen übrig. Nicht von Allen, aber von auffällig Vielen.
Das Wegretuschieren ist alte stalinistische Praxis. Da verschwanden hohe Poltiker von einem Tag auf den anderen, wurden auch in neueren Auflagen historischer Werke oder der sowjetischen Enzyklopädie nie mehr erwähnt.
Ich war erst im August einige Zeit in Kiew und habe eine bessere Gastfreundschaft erlebt, als in deutschen Restaurants. Dass die Metro veraltet ist, mag hinkommen. Aber unbequemer als die Londoner Tube ist sie auch nicht. Im Gegenteil war es unten in der Metro sogar recht sauber, während dort gerade nachts in Deutschland Alkoholleichen, Junkies und Urinpfützen zu finden sind.
"Offenheit, Nachsicht und Freundlichkeit"
Habe ich jeden Tag erlebt. Aber wie man in den Wald hineinruft...
Ich stimme Ihnen weitgehend zu, was die „Servicewüste“ in den Oststaaten angeht. Allerdings sind diese Mängel meist bei schon etwas älteren Herrschaften zu beobachten, die noch in der Sowjetunion groß geworden sind. Junge Leute sind kaum anders als im Westen, sprich: praktisch durchwegs freundlich und hilfsbereit.
Was es allerdings auch anzumerken gilt, ist das oftmals irritierende Verhalten von Touristen aus dem Westen, ganz besonders – leider – aus Deutschland. Deren Benehmen lässt oft auch zu wünschen übrig. Nicht von Allen, aber von auffällig Vielen.
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