TV-Experiment : Nach 15 Stunden Wintersport schlief ich ein

Rodeln, Abfahrt, Biathlon. Was passiert, wenn man ein ganzes Wochenende Sport im ZDF schaut? Ein Selbstversuch und seine Folgen

Der Kühlschrank ist voll, das Handy aus, die Heizung auch, Besucher werden abgewimmelt. 15 Stunden wird das ZDF an diesem Wochenende Wintersport übertragen. Ich werde die ganze Zeit vor dem Fernseher sitzen, fokussiert wie ein Biathlet am Schießstand. Weil ich die knapp zwei Millionen Zuschauer verstehen möchte, die jedes Wochenende einschalten, acht Stunden pro Tag und der ARD und dem ZDF Traumquoten verschaffen. Und weil die Fußball-Bundesliga Winterpause macht.

Samstag, 10:02 Uhr, Doppelsitzer-Rodeln in Oberhof, Thüringen:

Die Deutschen mögen am Wintersport, dass häufig die Deutschen gewinnen, habe ich mir sagen lassen. Im Rodeln gewinnen sie besonders häufig. Gleich im ersten Lauf fahren die deutschen Doppelsitzer neuen Bahnrekord. Dabei liegen zwei starke Männer auf einem kleinen Schlitten, übereinander. Die Italiener, Kanadier, Österreicher und Amerikaner dürfen auch mitfahren, sind aber langsamer. Einige fallen fast vom Schlitten. Nach dem ersten Durchgang führen zwei Deutsche vor zwei Deutschen. Ihr Zeitabstand: Sechs Hundertstelsekunden. Ich versuche mir vorzustellen, wie lang das ist.

Christian Spiller

Christian Spiller ist Redakteur im Sportressort von ZEIT ONLINE.

Samstag, 10:35 Uhr, Frauen-Abfahrt in Cortina d’Ampezzo, Italien:

Hilde Gerg , eine der unzähligen ZDF-Expertinnen, schreit. Gerg war selbst einmal Skifahrerin, wurde "Die wilde Hilde aus Lenggries" genannt und ist immer noch mit dem Herzen dabei. Sie schreit, weil eine Fahrerin einen Hügel unterschätzt, durch die Luft fliegt, sich überschlägt und im Fangnetz landet. Das alles wird in vielen Zeitlupen gezeigt. Der Fahrerin ist nichts passiert. Ich bin gepackt.

Samstag, 11:51 Uhr, Doppelsitzer-Rodeln in Oberhof, Thüringen:

Zwei Italiener sind mit ihrem Schlitten umgekippt, wie ein Kreuzfahrtschiff vor ihrer Küste. "Ein Kippsturz", analysiert der ZDF-Mann, aber sie wären gut abgerollt. Nach zwei Läufen gewinnen zwei Deutsche vor zwei Deutschen. Als die Sieger durchs Ziel fahren, sprüht eine kleine Fontäne Funken aufs Eis. Ich übe das korrekte Kippsturz-Abrollen von der Couch.

Samstag, 13:10 Uhr, Männer-Abfahrt in Wengen, Schweiz:

Das Schweizer Fernsehen, das dem ZDF hier die Bilder liefert, gibt sich Mühe. Sie haben extra eine Kameradrohne steigen lassen, um einzufangen, wie die Fahrer durch einen etwa fünf Meter breiten Spalt fliegen. Links ein Felsen, rechts ein Fangnetz. Schöne Bilder auch sonst. HD-blauer Himmel, schneeweißer Schnee und 35.000 Schweizer, die mit 35.000 Schweiz-Fähnchen wedeln, weil ein Schweizer gewinnt. Wäre da nicht dieses Problem, dass sich schon jetzt als Grundproblem des Wintersports herausstellt: Ich erkenne nicht, wann jemand gut oder schlecht ist. Ein Tor ist ein Tor, ein Korb ein Korb, beim 100-Meter-Lauf gewinnt, wer die Brust als erstes über die Ziellinie reckt. Die Skifahrer aber fahren alle einzeln, nur gegen die Uhr, ohne die alles nichts wäre. "Wo hat er die Zeit verloren?", fragt der Reporter während des Rennens. "Das konnte man jetzt wirklich nicht so sehen", antwortet der Kokommentator. Ich beginne mich zu fragen, wo die Zeit geblieben ist.

Samstag, 14:10 Uhr, Biathlon in Nove Mesto, Tschechien:

Seit einer halben Stunde wird geschossen und gelaufen. Langweilig. Dieser Sport macht nur Spaß, wenn alle gleichzeitig losrennen (siehe Grundproblem oben). "Es ist eine Lotterie", sagt der Reporter, weil es stürmt und schneit. Durch mein Berliner Fenster scheint die Sonne.

Samstag, 14:23 Uhr, Couch in Berlin:

Ich werde unruhig, schaue nach draußen. Dort tragen die Menschen Sonnenbrillen, sie lachen. Im Fernsehen sehe ich nur erschöpfte Männer mit Speichelfäden am Kinn. Ich logge mich bei Facebook ein. Sehe, dass das ZDF dort für seine Marathon-Sendung wirbt. Ich stelle eine Frage in die Kommentare: "Wer von euch guckt den ganzen Tag?" Ich warte ein paar Minuten. Keine Antwort.

Samstag, 15:16 Uhr, Skifliegen in Tauplitz, Österreich:

Neuer Schauplatz, neuer Reporter. Vermutlich hält sich die Sportredaktion des ZDF nur so viele Mitarbeiter, damit es im Winter in jedes Dörfchen einen Mann entsenden kann. Der traurige Skisprung-Reporter hat Schnee im Haar, auf der Jacke, sogar auf dem orangefarbenen Mikro. Er sagt, dass das Skifliegen ausfällt. Weil es zu viel geschneit hat. Ein erneuter Blick auf Facebook. Es hat immer noch niemand reagiert. "Ist schon ganz schön bekloppt, oder?", lege ich nach. Ich warte. Keine Antwort.

Samstag, 16:25 Uhr, Nordische Kombination in Chaux-Neuve, Frankreich:

Ein Verfolgungsrennen: Wer am Ende vorne ist, hat auch gewonnen, sehr erfrischend. Es kommt zum Sprint zwischen drei Läufern. Auch ein Deutscher ist dabei, Fabian Rießle, den man, glaubt man den aufgeregten Rufen des Reporters, soweit vorne nicht erwartet hätte. Der Zieleinlauf ist der spannendste Moment dieses Sporttages. Leider scheint der Kameramann eingeschlafen zu sein. Der Einlauf ist nur in der Wiederholung zu sehen. Ich beiße vor Frust in meine Bommelmütze.

Samstag, 16:35 Uhr, Frauen-Rodeln in Oberhof, Thüringen:

Eine Deutsche gewinnt vor einer Deutschen und einer Deutschen.

Samstagabend, Berlin:

Es war ein aufregender Tag. Ich überlege, mir die Wiederholung des Verfolgungsrennens der Nordischen Kombinierer in der ZDF-Mediathek anzuschauen, schlafe dann aber vor Erschöpfung ein. Mit Bommelmütze und dicken Socken. Die Heizung bleibt aus.

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Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Gemischtwarenladen

15 Stunden Fussball, Radrennen oder Dart könnte ich auch nicht verpacken, aber wenn alle drei Stunden ein interessantes Spiel käme, wäre das was anders.

Gemischtwarenladen halt dafür packende Winterbilder von 19.30 bis 20.15 im ZDF ohne den gerinsgten Sport. Wer kanns besser zu den Konditionen?. Klar Spezialkänäle für einen viel höheren Preis oder alle Nase lang Werbung.