Weltfußballer-WahlXavi, das Genie mit dem Dackelblick

Er steht für das Schöne, Gute, Wahre im Fußball. Die Wahl von Barcelonas Spielmacher Xavi Hernández zum Weltfußballer des Jahres ist überfällig. von 

Xavi Hernández, Spielmacher des FC Barcelona

Xavi Hernández, Spielmacher des FC Barcelona  |  © David Ramos/Getty Images

Es hätte einer dieser Xavi-Momente werden können. In der Nachspielzeit des Stadtderbys von  Barcelona am Sonntagabend steht es 1:1, als sich Barça s Spiellenker den Ball schnappt, ihn vor sich her treibt und in die Spitze auf Lionel Messi spielt. Xavi sieht, wie der den Ball auf den mitgelaufenen Pique weiterleitet, der die Kugel wiederum an den Pfosten hämmert. Das Spiel endet unentschieden, nicht unverdient. Nur Xavi schüttelt den Kopf. Als hätte er die verlorenen Punkte selbst zu verantworten.

Keine 24 Stunden später wird der 31-jährige Spanier auf der Bühne zur Wahl des Fifa-Weltfußballers in Zürich stehen. Neben Cristiano Ronaldo von Real Madrid und Xavis Mannschaftskollegen Lionel Messi, der den Ballon d'Or in den vergangenen beiden Jahren gewonnen hat. Auch in diesem Jahr gilt Messi noch vor Ronaldo als Favorit. Xavi, schon 2011 trotz WM-Sieg erfolglos unter den Finalisten, hat allenfalls Außenseiterchancen. Doch seine Wahl zum Weltfußballer des Jahres wäre längst überfällig.

Anzeige

An den fußballerischen Fähigkeiten des Xavier Hernández i Creus gibt es keine Zweifel. Seit er 1999 die Position des zentralen Mittelfeldspielers von seinem jetzigen Trainer Josep Guardiola übernahm, begeistert er Fußballfans und Feuilletonisten. Als Spielmacher des FC Barcelona, des wohl talentiertesten Fußballer-Ensembles des neuen Jahrtausends, steht er für das Tiqui-taca , das legendäre Kurzpassspiel, mit dem Barça in den vergangenen vier Jahren 13 von 16 möglichen Titeln holte. Xavi ist der Motor der Mannschaft, ihr Gehirn, der Dirigent und Zampano, der die gegnerischen Abwehrreihen zu sprengen weiß wie Fellinis Protagonist sein Kettenhemd.

Und doch entspringt die Bewunderung, die der gebürtige Katalane bekommt, nicht nur seiner sportlichen Klasse. Sie ist vielmehr der Ausdruck eines tieferen menschlichen Verlangens. Stellvertretend für den FC Barcelona verkörpert Xavi das Schöne, Wahre und Gute im schnelllebigen Fußballgeschäft.

Die Kunst des schönen Spiels

Der amerikanische Autor David Foster Wallace sprach in seiner Huldigung des Tennisspielers Roger Federer einst von "kinetischer Schönheit". Die bezeichnet nicht Schönheit im traditionellen Sinne, sondern die Versöhnung des Menschen mit seinem Körper und Geist. Xavis Spiel strahlt diese Schönheit aus. Es sind nicht die Tore, Dribblings und spektakulären Aktionen: Xavis Schönheit zeigt sich vielmehr in der Reduktion des Körpers bei gleichzeitiger Erhöhung des Geistes.

Natürlich ist Xavis Spiel seiner Physiognomie geschuldet. Abgesehen von der stets makellosen Gelfrisur (ein Xavi köpft nur in Ausnahmefällen), entspricht er allem anderen als dem gängigen Ideal: Gerade einmal 1,70 Meter groß, ist seine frühere Drahtigkeit unlängst einer gutmütigen Rundheit gewichen. Den Kopf mit den traurigen Augen immer etwas nach vorne geneigt, wirkt er in seinen Bewegungen seit jeher etwas ungelenk. Anders als ein Messi, der zwar ähnlich gewachsen ist, doch seine Brillianz mit jeder Ballberührung zeigt, oder ein Ronaldo, der seine Klasse überheblich zelebriert, ist an Xavis Bewegungsapparat nichts überflüssig. Er macht nichts, was nicht im Dienste einer größeren Idee steht.

Xavis größter Trick ist kein ausgefeiltes Dribbling, sondern der schnelle Richtungswechsel, das plötzliche Zurückziehens des Balls mit der Sohle. Es ist eine an sich banaler Bewegung, dessen perfekte Ausführung dennoch die besten Verteidiger regelmäßig ins Leere laufen lässt. Es sind diese Nuancen, die Xavis Spiel ausmachen. Die Körpertäuschungen, das Spiel ohne Ball. Tatsächlich besteht Xavis Stärke vor allem darin, das Spiel zu lesen, Lauf- und Passwege zu antizipieren.

Xavi sagt , dass 95 Prozent der Menschen Fußball mögen, ihn aber nur zwei Prozent tatsächlich verstehen. Ein Tor beispielsweise ist immer eindeutig. Auch Fußballfremde können ein schönes Tor erkennen und bewundern. Spielintelligenz dagegen bleibt häufig auch geübten Zuschauern verwehrt. Xavi ist für seine letzten Pässe bekannt, doch seine wirkliche Größe zeigt sich meist vorher.

Man sieht sie in den Finten, mit denen Xavi den Ball laufen lässt, ohne ihn zu berühren , in den scheinbar endlosen Ballstafetten, mit denen er sich seine Mitspieler zurechtrückt. Mehr als 40 Spiele absolvierte er im vergangenen Kalenderjahr, alle 40 Sekunden spielte er dabei im Schnitt einen Pass , 94 Prozent davon kamen an. Obwohl er in der Summe oft mehr läuft als seine Mitspieler, scheint er für den ungeübten Zuschauer stets im Zentrum des Spielfeldes zu verharren. Einmal, zweimal, zehnmal, hundertmal spielt er den Ball quer, nur um ihn dann dieses eine Mal in die Spitze zu spielen, sobald es der Raum zulässt.

Leserkommentare
  1. Dem Artikel in seiner ganzen Form ist nichts hinzufügen - sonden nur noch die Fussnote - Er hat den Pokal!!!!!

  2. 3. Ihr...

    ...Kommentar bewegt sich auf dem selben Niveau wie der Artikel selbst. Top!

    Antwort auf "Ich bin überrascht,"
  3. hat sich der Autor mit Spiegel online verständigt, am selben Tag einen Artikel mit demselbem Aufhänger über Xavi zu schreiben????

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Lieber John Adams,

    nein, wir Autoren haben uns nicht verständigt. Ich glaube aber, dass Freunde des schönen Fußballs auch unabhängig voneinander bei der gleichen Meinung diesbezüglich landen können.

  4. Lieber John Adams,

    nein, wir Autoren haben uns nicht verständigt. Ich glaube aber, dass Freunde des schönen Fußballs auch unabhängig voneinander bei der gleichen Meinung diesbezüglich landen können.

  5. 7. Druck

    Lieber GeneTravers,

    Sie haben Recht, das Spiel unter Druck ist eine weitere von Xavis vielen Spezialitäten, die häufig untergehen. Ähnlich wie auch das aggressive Pressing, das fast ähnlich wichtig für den gesamten FC Barcelona ist wie die Offensive.

    Leider gibt es immer nur eine begrenzte Anzahl Wörter, die ein Artikel haben darf. :)

    Antwort auf "Ich bin überrascht,"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    für die Schönheit der Erde nur so wenig. *lach*

  6. ..nur enthält auch dieser, wie fast alle anderen Lobgesänge auf Xavi sonst auch, den Beigeschmack des leicht überheblichen und wahren Connaisseurs, der aufgrund seiner tiefgründigen Fußballkenntnise als einer der wenigen erkennt, wie gut der Spielmacher des FC Barcelona doch ist und vor allem: Wie unterschätzt im Vergleich zu Spieler wie Messi und Cristiano Ronaldo, wo ja jeder Gelegenheitsfan erkennt, dass diese Weltklassefußballer sind.

    Kein Zweifel, Xavi ist ein überragender Spieler. Alles, was seine Klasse ausmacht, wurde von Herrn Kühl ja bereits wohlformuliert beschrieben.

    Ein bisschen Wasser möchte ich dann aber doch in den Wein gießen. Wenn immer davon die Rede ist, dass Xavi seine Mitspieler besser aussehen lässt, gilt das auch umgekehrt. Damit die brillianten Pässe von Xavi nicht als profane Fehlzuspiele enden, braucht es auch Spieler von hohem bis sehr hohem Niveau und ein perfekt eingespieltes Team.

    Ich hätte Xavi gerne mal in einer anderen Mannschaft als nur Barcelona, bzw. in der spanischen Nationalmannschaft (Barcelona 2)gesehen. Würde er z.B. in einer mittelmäßigen Bundesligatruppe genauso zur Geltung kommen? Ein Messi und ein Cristiano Ronaldo würden es.

    Seit Jahren versucht besonders das "Feuilleton" in den Sportredaktionen Xavi endlich zum Weltfußballer "hochzuschreiben". Vielleicht klappt es ja dieses Mal. Aber wenn dann doch wieder Messi oder Ronaldo auf der Eins landen, ist das sicher auch kein Fehler.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • match
    • 09. Januar 2012 19:26 Uhr

    "Würde er z.B. in einer mittelmäßigen Bundesligatruppe genauso zur Geltung kommen? Ein Messi und ein Cristiano Ronaldo würden es."

    Haben sie je aktiv gespielt? Würde Xavi einen einzigen Einsatz für den 1 FC Köln bestreiten würde man sicher viele Unstimmigkeiten erkennen. Training verschafft da Abhilfe;). Messi und C. Ronaldo zeigen doch in den jeweiligen Nationalmannschaften genau das was sie ansprechen. Es ist übrigens eine Katastrophe das Ronaldo mit auf der Bühne steht wenn man mal die Leistungsdaten betrachtet und jemanden dafür belohnt das er Elfmeter treten kann. Sein Marktwert würde ohne Teenieschwarm-Bonus bei 20-25 Millionen Euro liegen. Der Wert wäre direkt nach dem letzten Classico im Hinblick auf seine "Genialität" sicher noch geringer ausgefallen...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service