FreizeitsportWie Yoga den Körper ruinieren kann

Zu viel Ehrgeiz, zu viel Esoterik: Experten warnen vor den gesundheitlichen Schäden des Meditationssports – und schrecken damit eine Bewegung auf.

Massenyoga auf dem New Yorker Times Square im Juni 2011

Massenyoga auf dem New Yorker Times Square im Juni 2011

Vor Kurzem kam Der atmende Gott in die Kinos. Die persönlich gefärbte "Reise zum Ursprung des modernen Yoga" des deutschen Dokumentarfilmers Jan Schmidt-Garre ist schon deshalb ein Medienereignis, weil der Yogaboom ungebrochen anhält. Drei Millionen Menschen praktizieren in Deutschland die Asanas – Übungen, die eine Harmonie von Atem und Bewegung herstellen sollen. In den USA sind es rund 20 Millionen – 16 Millionen mehr als vor zehn Jahren –, die meist das körperbetonte Hatha-Yoga praktizieren. "Die große Mehrheit dieser Menschen sollte mit Yoga aufhören", sagt nun ausgerechnet ein Star der Szene, der Amerikaner Glenn Black, der seit fast dreißig Jahren Stars und Sternchen mit Übungen wie "Kobra", Kopfstand, "Pflug" und "Hund" zu körperlicher Beweglichkeit und geistiger Ruhe verhilft.

Der Wissenschaftsjournalist William Broad hat sich für ein Buch, das Anfang Februar in den USA erscheinen soll, mit Black und anderen Koryphäen unterhalten – ausnahmsweise nicht allein über die segensreichen Wirkungen des Yoga, sondern vorzugsweise über Risiken und Nebenwirkungen, vor allem für Skelett und Muskulatur. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass es heftige Reaktionen hagelte, nachdem Auszüge aus dem Werk in der New York Times erschienen waren. Wenn ein Skifahrer verunglücke, mache doch auch keiner den Berg dafür verantwortlich, so einer der empörten Yogalehrer.

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Günter Niessen, Berliner Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, hat den Artikel, auf den ihn einer seiner Patienten aufmerksam machte, dagegen mit Vergnügen gelesen. Der Mediziner kennt sich mit beidem aus, mit Segen und Gefahren von Yoga für den menschlichen Körper. Einerseits bietet er in seiner Praxis therapeutisches Yoga für Einstiegswillige mit orthopädischen Problemen an. Andererseits kommt rund ein Drittel seiner Patienten aber schon von exzessivem Yoga geschädigt in die Praxis.

"Häufig sind Verletzungen am Meniskus, Probleme an der Hüfte, aber auch Zerrungen der Rotatorenmanschette im Schultergürtel oder Bandscheibenprobleme im Bereich der Halswirbelsäule", berichtet Niessen. Und er fügt hinzu: "Zu mir kommen auch Yogalehrer mit Kreuzschmerzen." Hauptproblem ist seiner Erfahrung nach der allzu große Ehrgeiz, immer mehr und immer schwierigere Dehnungen hinzubekommen. "Das wird oft nicht mit Muskelkraft abgesichert", moniert der Orthopäde.

Philosophie

Yoga ist im Ursprung eine indische Philosophie. Die körperlichen Übungen sind hierbei nur ein Teil eines ganzheitlichen Konzeptes. Am Ende soll die Vereinigung von Körper, Geist und Seele stehen, die Erleuchtung durch Meditation. Die Wurzeln liegen im Hinduismus, Yoga wird aber heute von Menschen unterschiedlichster Glaubensrichtung praktiziert.

Asanas

Die verschiedenen Körperstellungen (Asanas) – es gibt bis zu 200 Stellungen – werden mit Atem- und Entspannungsübungen, teilweise auch mit Mantrasingen kombiniert. Gerade in westlichen Ländern ist es üblich, Yoga in Gruppenkursen zu vermitteln. Es gibt die verschiedensten modernen Yogaabwandlungen, von denen es besonders die stark körperbetonten in die Medien geschafft haben.

Arten des Yoga

In Zeitschriften gibt es immer wieder Fotos von Stars und Sternchen, die sich mit Hilfe eines Personaltrainers verbiegen und verrenken. Die Bandbreite reicht beispielsweise vom fitnessintensiven Poweryoga das in den USA entwickelt wurde, bis hin zu Bikram-Yoga bei dem ein Übungsraum stark aufgeheizt wird, um die Dehnungen zu vereinfachen. Auch Yoga zu Musik, Yogaübungen in Kombination mit dem Muskeltraining Pilates, Schwangerenyoga und Hormonyoga speziell für Wechseljahresbeschwerden gehören inzwischen zum Repertoire zahlreicher Yoga- und Fitnessstudios.

Den Trend zu akrobatischer Körperbeherrschung und sportlichen Höchstleistungen im "Power"-Yoga (Ashtanga-Yoga) sieht auch der Arzt Martin Soder als riskant an, der zusammen mit seiner Kollegin Imogen Dalmann im Berliner Yogazentrum maßgeschneiderte Programme für Menschen zusammenstellt, die schon unter allerlei körperlichem und seelischem Ungemach leiden. Ein "mildes" Yoga, das man durchaus auch auf einem Stuhl statt im Lotussitz praktizieren kann. "Menschen, die erst mit 40 oder 50 mit den Übungen anfangen, sind schließlich anfangs oft sehr steif, dazu kommen oft krankheitsbedingte Einschränkungen." Wer trotzdem starken Ehrgeiz entwickelt, den Pflug, den Schulter- oder Kopfstand zu schaffen, riskiert vor allem Probleme im Nackenbereich.

Auch Soder begrüßt es deshalb, dass Broad sich in seinem Buch der Risiken des Yoga annimmt. "Es herrscht noch viel zu oft die naive Vorstellung: Yoga tut gut, es kann gar nicht schaden. Doch wir haben leider keine Sensoren dafür, ob bestimmte Übungen auf die Dauer doch gesundheitsschädlich sind." Für besonders bedenklich hält er esoterische Ansichten wie: Wenn ich mich dabei glücklich fühle, kann es doch nicht falsch sein.

Leserkommentare
    • fanta4
    • 30.01.2012 um 14:50 Uhr
    11 Leserempfehlungen
  1. Worum geht es hier eigentlich? Was geht mich der Blödsinn an? Alles mit Maß, da kann man/frau nichts falsch machen.

    4 Leserempfehlungen
  2. Eine Konsumier-Haltung ist für gar nichts förderlich. Zu glauben, dass man sich das Glückseligkeitsversprechende von Yoga mit Ehrgeiz aneignen kann, ist ein typisches Trugbild, welches sich zu all den anderen gesellt, die unseren Eifer schüren und uns doch als ewig Suchende zurück lassen.

    2 Leserempfehlungen
  3. weiss ich z.B. von einer bekannten Yogalehrerin, bei der Yoga das Einzige war, das gegen massive Rückenprobleme (nach einem Unfall) half - und die das daraufhin zu ihrem Beruf machte.

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    Und wo ist das jetzt bitte "andererseits"?

    Und wo ist das jetzt bitte "andererseits"?

  4. Ich muss immer schmunzeln wenn ich die Berichte über die Gefahren von zu viel Bewegung lese. Die für die es zutrifft nämlich, jene kleine Gruppe von Leuten die sich tatsächlich überanstrengen, die werden - einfach weil sie es aus eigenem Antrieb tun - nicht lassen.

    Die weitaus größere Gruppe derjenigen deren Problem eher das "Zu wenig" an Bewegung ist, werden es auf den Stapel mit Ausreden packen, auf dem sich die Gründe ihrer Faulheit auftürmen.

    19 Leserempfehlungen
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    "Die weitaus größere Gruppe derjenigen deren Problem eher das "Zu wenig" an Bewegung ist, werden es auf den Stapel mit Ausreden packen, auf dem sich die Gründe ihrer Faulheit auftürmen."

    Das ist doch mal ein schöner Satz, der es wert ist, in einem Kalender mit Sprüchen des Tages aufgeführt zu werden.

    So ist es in der Tat. Die Menschen hören/lesen meist nur das, was sie hören wollen, bzw. was zur Unterstützung ihrer Lebensweise passt. Jeder kennt irgendeinen Raucher, der steinalt geworden ist (im Zweifel Helmut Schmidt) und einen Sportler, den es mit Mitte vierzig zerlegt hat.

    von zuviel Bewegung steht sondern eher davon, dass Manche es übertreiben und Übungen machen, für die man kräftige Muskeln oder sehr gedehnte Körper benötigt...

    =)

    "Die weitaus größere Gruppe derjenigen deren Problem eher das "Zu wenig" an Bewegung ist, werden es auf den Stapel mit Ausreden packen, auf dem sich die Gründe ihrer Faulheit auftürmen."

    Das ist doch mal ein schöner Satz, der es wert ist, in einem Kalender mit Sprüchen des Tages aufgeführt zu werden.

    So ist es in der Tat. Die Menschen hören/lesen meist nur das, was sie hören wollen, bzw. was zur Unterstützung ihrer Lebensweise passt. Jeder kennt irgendeinen Raucher, der steinalt geworden ist (im Zweifel Helmut Schmidt) und einen Sportler, den es mit Mitte vierzig zerlegt hat.

    von zuviel Bewegung steht sondern eher davon, dass Manche es übertreiben und Übungen machen, für die man kräftige Muskeln oder sehr gedehnte Körper benötigt...

    =)

  5. Ein schönes Foto! :-)

    2 Leserempfehlungen
  6. wenn ich einfach mal zu Joggen anfange mit falscher Technik, bekomme ich auch Probleme. Vielleicht einfach mal nüchterner an die Sache rangehen, und die Grenzen des Körpers respektieren und geduldig abwarten, was kommt. Wenn die Ausbildung in den USA schlechter ist, ist es ja nicht verwunderlich, wenn da schon die bereits schlecht gebildeten Lehrer ihren Körper ruinieren, und somit auch die ihrer Kundschaft. Sicherlich ein wichtiger Artikel, um selbst aufmerksam zu bleiben und die Ausbildung der Yoga-Lehrer kritisch hinterfragen.

    7 Leserempfehlungen
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    • ezoo
    • 10.02.2012 um 3:57 Uhr

    Yoga ist kein Sport, wird aber von manchen Sportsfreunden als ein solcher betrieben; was dann zu sportstypischen Problemen führen kann, wie hier gehört.

    • ezoo
    • 10.02.2012 um 3:57 Uhr

    Yoga ist kein Sport, wird aber von manchen Sportsfreunden als ein solcher betrieben; was dann zu sportstypischen Problemen führen kann, wie hier gehört.

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