Eine einzige herausragende Partie kann mit etwas Glück jeder spielen, ein One-Hit-Wonder eben, selbst als Spielmacher in der besten Basketballliga der Welt. Auch zwei Spiele hintereinander können gut laufen. Anfängerglück. Vielleicht sogar ein drittes, zumal im Duell gegen einen schwachen Gegner. Doch wenn jemand bei seinem vierten echten Auftritt in der NBA gegen den Superstar Kobe Bryant 38 Punkte macht und ihn als Verlierer vom Feld jagt, fragen sich nicht nur Journalisten weltweit: Was ist da los?

Jeremy Lins Geschichte schreibt sich fast von selbst. In seinen ersten vier NBA-Spielen von Beginn an erzielte der dünne Lin mehr Punkte und bereitete mehr Körbe seiner Mitspieler vor als die Superstars LeBron James und Derrick Rose. Selbst Michael Jordan kann mit Lins Fabelwerten nicht mithalten.

Nun ist die Linsanity (von insanity, englisch für Wahnsinn) in vollem Gange: Twitter und Facebook platzen fast vor Lin-Wortwitzen, die US-Medien kennen kaum ein anderes Thema. Das Wall Street Journal zitiert einen gestandenen Sportredakteur mit den Worten: "Ich habe Lin für eine Pfeife gehalten. Eigentlich sollte man mich feuern."

Die ruhmreichen New York Knicks, die zuletzt zur Lachnummer verkommen waren, haben jedes von Lins mittlerweile sieben Spielen gewonnen. Nun brechen Lin-Fanartikel alle Verkaufsrekorde – und TV-Teams filmen Lins Highschool-Coach dabei, wie er sich die Spiele seines Zöglings anschaut.

Die Lin-Story ist deshalb so reizvoll, weil ihr Held bis vor Kurzem ein Loser war. Statt in einem Luxus-Loft schlief der 23-Jährige auf der Couch seines Bruders, war nur vierte Wahl im eigenen Team und stand kurz vor der dritten Entlassung durch seinen dritten Verein.

Der 1,91 Meter große Lin hat noch zwei weitere vermeintliche Handicaps: seine taiwanesische Abstammung und seinen Harvard-Abschluss. Letzteres mag krude klingen, ersteres gar rassistisch, doch beides ergibt Sinn: Asiaten hatten bisher körperlich keine Chance in der NBA, die dominiert wird von Afroamerikanern, die oft auch beim American Football ihren Mann stehen könnten. Nach dem Rücktritt des 2,29 Meter großen Yao Ming im Sommer 2011 galt es als sicher, dass dieser nur eine Ausnahme war und ab jetzt für viele Jahre kein Asiate in der NBA erfolgreich sein würde.

Und so begehrt Harvard als Studienort ist, so sehr wird das Elite-College von ambitionierten Sportlern gemieden. Ebenso wie andere Elite-Unis ködert Harvard athletisch begabte Highschool-Abgänger nicht mit Stipendien. Entsprechend selten tun sich Nachwuchstalente den Besuch der sogenannten Ivy-League-Unis an. Schließlich wird dort akademisch Weltklasse-Niveau verlangt, während die Sportler an anderen Unis oft gehätschelt werden.

Der College-Sport ist ein einträgliches Geschäft, das Zehntausende in die Hallen und Hunderttausende vor die Fernseher lockt. Die Schulmannschaften der Elite-Unis hingegen sind chancenlos. Entsprechend selten werfen Scouts der NBA einen Blick auf ein Talent, das dort seinen Schliff erhält. Aus Princeton schafften es jemals nur neun Spieler in die NBA, aus Yale und Harvard je nur drei. Zahlen, die von Dutzenden Vorstadt-Colleges locker getoppt werden.

Doch dann kam Lin

Als Lin 2006 im kalifornischen Programmierer-Paradies Palo Alto seinen Highschool-Abschluss machte, wurde er einstimmig zum Spieler des Jahres gewählt. Doch keines der US-weit fast 350 Colleges, die in der besten Studenten-Liga Division I vertreten ist, bot ihm ein Stipendium an. Der Anteil von Spielern asiatischer Abstammung betrug damals 0,4 Prozent. Heute ist er nicht signifikant höher, nicht im College-Basketball und schon gar nicht in der NBA.

Lins Karrierestart war eine Katastrophe. Erst bekam er kaum Spielzeit. Er, der in der jährlichen Talentbörse (Draft) übersehen worden war und von den Golden State Warriors nur als Sparringspartner für die Stars unter Vertrag genommen wurde, flog sogar raus. Erst bei den Warriors, dann auch bei den Houston Rockets. Schließlich verschlug ihn das Schicksal nach New York, wo man andere Probleme hatte. Das Publikum im legendären Madison Square Garden pfiff, der Trainer stand vor dem Rausschmiss, denn der Erfolg blieb trotz teurer, divenhafter Stars wie Carmelo Anthony aus.

Doch dann kam Lin.

Sein atemberaubendes Tempo werde der Newcomer nicht halten können, urteilen die Experten unisono. Doch Lin ignoriert den Hype. Er spielt weiter so clever, abgezockt, unberechenbar und unbeschwert, dass den Kritikern erste Zweifel kommen. Hatte man ihm nicht schon vor dem Aufeinandertreffen mit dem erfolgsbessesenen Kobe Bryant den Absturz prophezeit? Doch noch denkwürdiger als dessen Niederlage gegen Super Lintendo war die Reaktion des berüchtigten Egomanen gewesen. Kein Knurren, keine Ausreden. Stattdessen pries Bryant den schüchternen, strebsamen Lin als ideales Vorbild.

Jeder Sportreporter hätte dagegen gewettet, dass das einmal passieren würde. Wohl auch Lins Vater Gie-Ming. Der hatte sich einst geschworen, dass er nie selbst gegen andere auf dem Basketballplatz antreten würde. Er hatte nur zwei Ziele, als er aus Taiwan in Amerika ankam: seinen Informatik-Doktor machen und NBA-Spiele schauen. Aber nach vielen Stunden vor dem Fernseher traute er sich doch, mit und gegen die all die großen, starken weißen und schwarzen Hobby-Spieler in der örtlichen Halle zu spielen. Sein Sohn kam dazu und begann die Lin-Story zu schreiben.