Alemannia AachenDie rechten Rattenfänger vom Tivoli

Neonazis unterwandern die Aachener Fan-Szene, antifaschistische Ultras werden verprügelt und bedroht. Der Verein hat das lange unterschätzt, nun reagiert er. von 

Kurz vor dem Anpfiff am vorigen Samstag in Aachen skandieren Fans von St. Pauli : "Nazis raus!" Mehrfach schreien die Männer durchs Stadion. Später lassen sie Transparente durch ihren Block wandern, auf denen sie die Aachener zur Wachsamkeit mahnen und auffordern, am Abend eine Demo gegen Rechts zu besuchen. Damit bekunden die Gäste aus Hamburg ihre Solidarität mit den Aachener Ultras (ACU), die ihre Trommeln auf der Gegenseite des Tivoli schlagen – und die seit Monaten verängstigt sind.

Die Aachener Kurve ist gespalten. Die linksorientierten ACU haben sich dem Kampf gegen Faschismus, Rassismus und Homophobie verschrieben. In die Zange genommen werden sie von zwei anderen Gruppen: den Supporters und – vor allem – den Ultras der Karlsbande (KBU), die sich im August 2010 von den ACU getrennt haben. Die Karlsbande stellt sich als unpolitisch dar, aber es haben sich Neonazis unter sie gemischt. Die Supporters sind Alt-Hooligans, als politisch gelten sie nicht, aber als gewaltbereit. Dadurch stehen sie der Karlsbande nahe.

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Die achtzig Mitglieder zählende ACU wurde seit dem Herbst mehrfach attackiert und eingeschüchtert, oft begleitet von schwulen- und judenfeindlichem Gejohle, in Einzelfällen wurden Anhänger sogar zu Hause bedroht. Drei Beispiele: Während des Heimspiels gegen Aue am 11. Dezember griffen mehr als zwanzig, teils vermummte junge Männer die Ultras in deren Block im Stadioneck an, in den sie im Sommer ausgewichen waren. Drei Tage zuvor hatten Mitglieder der ACU eine Lesung des Buch- und ZEIT-ONLINE-Autoren Ronny Blaschke über Neonazis im Fußball besucht. Nun folgte die Rache.

Beim Auswärtsspiel in Braunschweig am 18. Dezember versperrte die Karlsbande den ACU den Zugang zum Gästeblock. Kristina Walther, die Leiterin des Fan-Projekts, ereilte das gleiche Schicksal. Während eines Fußballturniers in Aachen am 5. Januar jagten rund zehn Anhänger der Karlsbande ACU-Mitglieder aus der Halle. Neonazis aus der Kameradschaft Aachener Land (KAL) sollen bei diesen Aktionen geholfen haben.

Dieses Chaos versucht Sascha Wagner zu nutzen. Wagner ist ein Vorstandsmitglied der Jungen Nationaldemokraten, der NPD-Jugend und seit zwanzig Jahren ein "angesehener" Alemannia-Hooligan. Im Stadion soll man ihn inzwischen selten sehen; im Hintergrund ist er noch immer tätig. In einem Brief an den Verein empfahl er, die ACU aufzulösen, ebenso das Fan-Projekt. Beide wollte er als linksradikal diskreditieren. "Fußball bleibt Fußball und Politik bleibt Politik!", schrieb Wagner. Die Ultras fürchten, dass er eine Mehrheitsmeinung der Kurve vertritt.

Fußballvereine eignen sich noch immer für rechte Rattenfänger, für Aachen gilt das aus zwei Gründen. Erstens ist die Stadt an der Dreiländergrenze zu Holland und Belgien mit Dortmund die rechtsextreme Hochburg Nordrhein-Westfalens . Im Studentenviertel um die Pontstraße kommt es regelmäßig zu Kämpfen mit Linken. Erst am vorigen Samstag wurden auf einer großen Antifa-Demo mehrere Menschen verletzt. Die KAL, die vorige Woche im benachbarten Düren ihr zehnjähriges Bestehen feierte, wird vom Verfassungsschutz als gefährlich und gewalttätig eingestuft . Eine Initiative der Aachener Kommunalpolitik will sie verbieten.

Zweitens gibt es einen fußballspezifischen Grund: In den neunziger Jahren haben Anti-Rassismus-Kampagnen in den Bundesligen das Milieu in den Kurven geprägt, Rechtsradikalismus im Fußball gilt seitdem als ostdeutsches Phänomen. Doch in dieser Zeit dümpelte die Alemannia in regionalen Amateurligen, so konnten hier rechte Gedanken fast unbemerkt wuchern. Hörbar wurden sie im September 2006, als die Alemannia für ein Jahr in die Bundesliga aufgestiegen war. Der Schiedsrichter hätte das Heimspiel gegen Mönchengladbach fast abgebrochen, weil viele Aachener Fans "Asylanten" brüllten, als schwarze Gästespieler am Ball waren.

Leserkommentare
  1. "Ich sage immer: 'Ihr würdet doch auch keinen Kinderschänder neben Euch in der Kurve dulden'"
    Was haben denn Kinderschänder mit der rechtsradikalen Situation im Stadion zu tun? Darf jetzt ein Kinderschänder, der seine Strafe verbüßt hat, nicht mehr ein deutschtes Stadion besuchen? Vielleicht sollte sich Frau Kristina Walther diesbezüglich mal an der Bunderverfassungsgericht wenden.
    Alternativ könnte man ja Kinderschänder statt mit Haftstrafe mit einem Stadionbesuch in Aachen belegen ...

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    • pakZ
    • 10. Februar 2012 12:48 Uhr

    Ich denke, diese Aussage zielt darauf, daß in den Augen der meisten Menschen Kinderschändung ähnlich verwerflich und abstoßend ist wie rassistisches Gedankengut.

    Warum zu jeder Äußerung ein Faß aufgemacht werden muß, warum in jedem Satz das Haar gefunden werden muß und alles bloß um des reinen Kommentierens willen kommentiert und ironisch/zynisch torpediert werde muß, werde ich nie verstehen.

    In einigen Fällen sollte es man da doch tatsächlich mal mit Dieter Nuhr halten.. Sie wissen schon...

  2. Wenn Fans sich politisch äußern grenzt es an Dummheit ohne gleichen. Daß der Fussball generell eine Plattform für rechtsradikale ist weiss eigentlich jedes Kind. Daß rechte sich politisch nicht sachgerecht äußern können liegt auch auf der Hand. Frage -> wie kann ein solcher Mob sich in der Gesellschaft etablieren??????? Wie zerfressen und wie naiv kann eine Gesellschaft nur sein die so etwas zuläßt????? Da wo Dumme zu Promis werden wo Lady Gaga oder andere wichtigen Sendeplatz für sich beanspruchen da wo Dummheit von Inteligenz gehuldigt wird - da ist immer Platz für den rechten Mob!!!!!

    Bitte verzichten Sie auf Polemik und verfassen sachlich argumentierte Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

    • pakZ
    • 10. Februar 2012 12:48 Uhr

    Ich denke, diese Aussage zielt darauf, daß in den Augen der meisten Menschen Kinderschändung ähnlich verwerflich und abstoßend ist wie rassistisches Gedankengut.

    Warum zu jeder Äußerung ein Faß aufgemacht werden muß, warum in jedem Satz das Haar gefunden werden muß und alles bloß um des reinen Kommentierens willen kommentiert und ironisch/zynisch torpediert werde muß, werde ich nie verstehen.

    In einigen Fällen sollte es man da doch tatsächlich mal mit Dieter Nuhr halten.. Sie wissen schon...

    Antwort auf "Komisch ..."
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    dass es für die Kritikfähigkeit einer Gesellschaft nichts wichtigeres geben kann Ironie und Zynismus. Denn den wußten die Herrschenden immer schwer in den Griff zu kriegen.
    Freue mich, dass sie aber hier gänzlich unzynisch auf Dieter Nuhr verweisen.

  3. dass es für die Kritikfähigkeit einer Gesellschaft nichts wichtigeres geben kann Ironie und Zynismus. Denn den wußten die Herrschenden immer schwer in den Griff zu kriegen.
    Freue mich, dass sie aber hier gänzlich unzynisch auf Dieter Nuhr verweisen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Überschrift"
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    Sehr geehrte Herr John Adams,

    was meinen Sie mit den "Herrschenden" ? Wäre aus Interpretationsgründen gut zu wissen.

    Besten Dank

    • Kelhim
    • 10. Februar 2012 13:32 Uhr

    Zynismus zeichnet sich gerade dadurch aus, Idealen mit bissigem Spott zu begegnen. Kann unterhaltsam sein, ist einer ernsthaften Diskussion allerdings abträglich.

    Kristina Walther legt mit ihrem Vergleich den Finger in die Wunde. Rechtsradikale werden von vielen Stadionbesuchern geduldet. Das muss sich ändern, denn ihre Gewalt gegenüber anderen Menschen (angewandt oder gutgeheißen) steht außerhalb unserer Gesetze, der Menschenrechte und der eigenen Vernunft. Ich begrüße Fan-Initiativen gegen Rechtsradikalismus im Fußball sehr.

  4. Sehr geehrte Herr John Adams,

    was meinen Sie mit den "Herrschenden" ? Wäre aus Interpretationsgründen gut zu wissen.

    Besten Dank

    • Kelhim
    • 10. Februar 2012 13:32 Uhr

    Zynismus zeichnet sich gerade dadurch aus, Idealen mit bissigem Spott zu begegnen. Kann unterhaltsam sein, ist einer ernsthaften Diskussion allerdings abträglich.

    Kristina Walther legt mit ihrem Vergleich den Finger in die Wunde. Rechtsradikale werden von vielen Stadionbesuchern geduldet. Das muss sich ändern, denn ihre Gewalt gegenüber anderen Menschen (angewandt oder gutgeheißen) steht außerhalb unserer Gesetze, der Menschenrechte und der eigenen Vernunft. Ich begrüße Fan-Initiativen gegen Rechtsradikalismus im Fußball sehr.

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    • Medley
    • 10. Februar 2012 14:24 Uhr

    "Rechtsradikale werden von vielen Stadionbesuchern geduldet. Das muss sich ändern..."

    Was wollen sie denn damit sagen? Das man vor Eintritt ins Stadion erstmal belegen muss, dass man nicht die NPD oder ähnliches gewählt hatte? Und wie ist das dann mit Linksradikalen("antischaschistische Ultras"), mit Anhänger der Grünen, SPD, CDU/CSU, FDP, Die Linke? Ersmal vorher ein Gesinnungstest am Tor und erst dann ab auf die Tribünen? Wichtig ist doch dass sich solche Leute in den Rängen nicht politisch äussern, denn ein Fußballstadion ist vorallem zum Fussballspielen da und nicht zur politischen Agitation.

    • -
    • 10. Februar 2012 13:38 Uhr

    Niemals.

    Bitte beteiligen Sie sich mit Argumenten an der Artikeldiskussion. Danke, die Redaktion/lv

    • TDU
    • 10. Februar 2012 13:46 Uhr
    8. oh je

    oh je

    Kein Kinderschänder in der Kurve, aber ein paar in der Nachbarschaft? Ein blödes Eigentor, was zeigt, dass "Ultras" aller Konfessionen und Weltanschauungen eigentlich nicht akzeptabel sind, egal wie sie sich benehmen.

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