Ägyptens UltrasDie militantesten Gegner der Militärregierung

Gewalttätige Fans haben die größte Tragödie des ägyptischen Fußballs verursacht. Dennoch können sie weiterhin auf Unterstützung der Bevölkerung hoffen. von James M. Dorsey

Familienmitglieder und Anhänger der Fußballfans warten am Bahnhof in Kairo auf die Ultras.

Familienmitglieder und Anhänger der Fußballfans warten am Bahnhof in Kairo auf die Ultras.  |  © Ed Giles/Getty Images

Vor etwa einem Jahr durchbrachen die Ultras die Barrikade der Angst. Erst ihr Handeln ermutigte viele Ägypter zu den Massenprotesten, die Geschichte schrieben. Sie verteidigten den Tahrir-Platz, den Ort der Revolution vor den Sicherheitskräften und vor Mubarak-Anhängern.

Seitdem spielten die Ultras eine große Rolle: beim Sturm auf den verhassten Geheimdienst; beim Sturm auf die israelische Botschaft und bei den Kämpfen auf dem Tahrir-Platz im November und Dezember, die erneut mehr als 50 Menschen das Leben kostete.

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Die Furchtlosigkeit der radikalen Fußballfans beeindruckte. Deshalb folgten den Ultras Tausende von desillusionierten, geringgebildeten und oft arbeitslosen Jugendlichen. Eines verbindet die Schar von gewaltbereiten jungen Männern: eine tiefe Abneigung gegen die Polizei.

James M. Dorsey
James M. Dorsey

James M. Dorsey ist Senior Research Fellow der S. Rajaratnam School of International Studies an der Nanyang Technological University in Singapur. Dorsey betreibt auch das Blog The Turbulent World of Middle East Soccer.

Schon im April hatten Ultras das Spielfeld bei der Partie zwischen Zamalek und Espérance Sportieve du Tunis in Kairo gestürmt. In der Nacht zum Donnerstag kam es nun zur Katastrophe. Mehr als 70 Tote, unzählige Verletzte. Die größte Tragödie in der Geschichte des ägyptischen Fußballs. Alles geschah wegen der Gewalt der jugendlichen Fußballfans. Doch die Frage ist, wieso randalierten die Ultras in einer nie dagewesenen Form? Wurden sie durch den Militärrat instrumentalisiert?

Die Anzeichen mehren sich, dass die Behörden vor dem Anpfiff wussten, dass das Spiel zwischen Al Masri und Al Ahly aus Kairo gestört werden sollte. "Da war was geplant. Unsere Sicherheitskräfte wussten davon. Ich habe mit meinen eigenen Augen einen Tweet gesehen, einen halben Tag vor dem Spiel, in dem ein Masri-Fan schrieb: 'Wenn ihr zum Spiel kommt, macht vorher ein Testament!'", sagt Diaa Salah, Mitglied des ägyptischen Fußballverbands. 

Leserkommentare
    • topal
    • 02. Februar 2012 17:35 Uhr

    irgend etwas stimmt nicht mit dem Artikel.... die Ultras sind doch die Beschützer der Revolutionäre auf dem Tahirplatz und sind die Opfer dieses Massakers...

    "Schon im April hatten Ultras das Spielfeld bei der Partie zwischen Zamalek und Espérance Sportieve du Tunis in Kairo gestürmt. In der Nacht zum Donnerstag kam es nun zur Katastrophe. Mehr als 70 Tote, unzählige Verletzte. Die größte Tragödie in der Geschichte des ägyptischen Fußballs. Alles geschah wegen der Gewalt der jugendlichen Fußballfans. Doch die Frage ist, wieso randalierten die Ultras in einer nie dagewesenen Form? Wurden sie durch den Militärrat instrumentalisiert?"

    was denn nun - Opfer oder Täter?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    @topal
    In der Tat, das hab ich mir schon bei mehreren Artikeln zu diesem Thema gedacht.
    Hilfreich sind daher ein paar Infos zur Fussballszene in Ägypten. Ich bin zwar kein Fachmann, aber meines wissens ist mehr oder weniger so:
    Die Ultras von Al Ahly Kairo waren diejenigen, die - stark vereinfacht gesagt - die Revolutionäre "beschützt" haben. Eine ähnliche Rolle spielten wohl die Ultras von Espérance Sportiev aus Tunis in Tunesien. Beide Ultragruppen pflegen scheinbar gute bis freundschaftliche Kontakte, was die Ausschreitungen bei Zamalek gegen Esperance erklären könnte, da Zamalek der größte Rivale von Al Ahly ist.
    Und bei den aktuellen Ereignissen war es doch so, dass die Al Ahly Fans, also die Gästefans, angegriffen wurden und nicht angegriffen haben, also die Opfer sind. Dies ist auch etwas, was in vielen Berichten nicht wirklich deutlich wird.
    Die Angreifer hingegen waren wohl die Fans von port said, vermutlich mit unterstützung von bezahlten schlägertrupps, und mit einer Bewaffnung, die eigentlich bei normalen Einlasskontrollen unmöglich sein sollte...

  1. @topal
    In der Tat, das hab ich mir schon bei mehreren Artikeln zu diesem Thema gedacht.
    Hilfreich sind daher ein paar Infos zur Fussballszene in Ägypten. Ich bin zwar kein Fachmann, aber meines wissens ist mehr oder weniger so:
    Die Ultras von Al Ahly Kairo waren diejenigen, die - stark vereinfacht gesagt - die Revolutionäre "beschützt" haben. Eine ähnliche Rolle spielten wohl die Ultras von Espérance Sportiev aus Tunis in Tunesien. Beide Ultragruppen pflegen scheinbar gute bis freundschaftliche Kontakte, was die Ausschreitungen bei Zamalek gegen Esperance erklären könnte, da Zamalek der größte Rivale von Al Ahly ist.
    Und bei den aktuellen Ereignissen war es doch so, dass die Al Ahly Fans, also die Gästefans, angegriffen wurden und nicht angegriffen haben, also die Opfer sind. Dies ist auch etwas, was in vielen Berichten nicht wirklich deutlich wird.
    Die Angreifer hingegen waren wohl die Fans von port said, vermutlich mit unterstützung von bezahlten schlägertrupps, und mit einer Bewaffnung, die eigentlich bei normalen Einlasskontrollen unmöglich sein sollte...

  2. In den Artikeln auf Spiegel Online oder Süddeutsche.de wird es besser erklärt.

    Dieser Artikel beschreibt jedoch die Ultras als homogene Masse, deren Randale lediglich durch die Inaktivität der Sicherheitskräfte ermöglicht wurde, also als "normaler Lauf der Dinge bei Nichteingreifen". Dies deckt sich nicht mit dem Großteil der Berichte in anderen Medien.

  3. Hier will die Militärregierung wohl für Chaos sorgen, um letztlich am Drücker zu bleiben? Die Milliarden für diesen Haufen aus den USA, sprechen auch nicht von Unabhängigkeit.

    • Asphalt
    • 02. Februar 2012 19:42 Uhr

    Wieso ist doch klar...

    Im Artikel steht die Ultras sind gegen die derzeitige Militärdiktatur.

    Wäre nicht das erste mal, dass Polizisten sich als "Autonome" verkleiden um eine Eskalation zu provozieren. Danach erhält die Staatsgewalt natürlich die Legitimation diese Proteste oder Zusammenkünfte (in dem Fall die der Ultras) von vorn herein zu... unterbinden.

    (Hooligans die sich Ultras nennen gibts hier auch übrigens, ich hoffe doch die sind nicht verwandt;)

    2 Leserempfehlungen
    • Ingo.
    • 02. Februar 2012 21:46 Uhr

    völlig egal, wer hier welche Rolle einnimmt, wichtig ist, dass in dem Zusammenhang das Wort "Ultras" vorkommt, damit jeder Leser sich bestätigt fühlt in seiner Meinung zu Fussballfans in Deutschland: gewaltbereit, Unterschicht, bisschen rechts. Ach, machen wir es einfach und begreiflich: Ultras = Hooligans. Hätte es eine Datei Gewalttäter Sport und am besten auch Gesichtsscanner in Ägypten schon gegeben, die Tragödie wäre mit Sicherheit ausgeblieben. Ende der Ironie. Eine solche Zahl an Toten verbietet eigentlich Ironie, wären die Sicherheitsvorschläge hierzulande nicht allzu absurd.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bevölkerung | Innenministerium | Militär | Geheimdienst | Gewalt | Katastrophe
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