Union stand zu DDR-Zeiten nicht für Staatstreue
Wie das im Kapitalismus so üblich ist, hat der Markt auch das Berliner Ost-West-Problem reguliert. Was sich in den vergangenen 20 Jahren vollzogen hat, ist eine Metropolisierung des Sports. Das ist bemerkenswert, verglichen mit den sonstigen Befindlichkeiten dieser Stadt. Im Westen empfinden sie es bis heute als Impertinenz, dass ein Glaskasten im Niemandsland den Zoologischen Garten als wichtigsten Bahnhof der Stadt abgelöst hat. Dabei wird elegant übersehen, dass der Hauptbahnhof auf altem West-Berliner Gebiet liegt und der Osten zugleich erleben musste, dass sein früherer Knotenpunkt Lichtenberg zu einer besseren S-Bahn-Station herabgestuft wurde. Von fünf Berliner ICE-Bahnhöfen liegen vier im Westen. Auf der anderen Seite herrscht im Osten große Aufregung über die geplanten Anflugrouten zum künftigen Flughafen Schönefeld. Dass bis heute der innerstädtische Flughafen Tegel die größten Belastungen im Westen der Stadt verursachte, spielt in der allgemeinen Empörung eine eher untergeordnete Rolle.
Ost gegen West – bis zum Kalten Krieg war das in Berlin nie ein Thema. Die Stadt war eher geteilt in einen bürgerlichen Südwesten, einen proletarischen Gürtel rund um die Innenstadt und der Rest war irgendwie auch noch da. Hertha BSC etwa hatte bis zum Mauerbau ein treues Publikum in Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Die noch zu Mauerzeiten gepflegte Freundschaft zum 1. FC Union hat die Wiedervereinigung zwar nicht überlebt, aber das ist so ungewöhnlich nicht unter konkurrierenden Unternehmen. Immerhin ist die zwischenzeitliche Ablehnung heute einer gegenseitigen Gleichgültigkeit gewichen.
Werbung nur für die Stadionbratwurst
Hertha und Union sind als einzige Spitzenklubs an ihren Standorten tief in den einstigen Stadthälften geblieben. Neue Fußballstadien lassen sich nicht so leicht in eine Millionenstadt klotzen. Ihre Anhängerschaft aber rekrutieren beide längst nicht mehr unter geographischen Aspekten. Das ist so ähnlich wie in Hamburg beim HSV und dem FC St. Pauli. Zu Hertha geht, wer Fußball auf höchstem Niveau sehen will, mit allen Konsequenzen wie sinnfreien Gewinnspielen und Dauerwerbebeschallung.
In Unions Alter Försterei wird höchstens für die Stadionbratwurst Werbung gemacht. Den Aufstieg in die Zweite Liga schaffte der Klub vor zweieinhalb Jahren zwar im Osten, aber auf feindlichem Territorium. Weil die Alte Försterei saniert wurde, musste der Verein für eine Saison in Erich Mielkes Jahn-Sportpark ausweichen. Zur Aufstiegsparty düsten Unioner mit trockenen Kehlen und geschlossenen Champagnerflaschen zurück nach Köpenick. Prenzlauer Berg war für Union auch in den finstersten Jahren ost-westlicher Abneigung immer noch schlimmer als Reinickendorf, Zehlendorf oder Charlottenburg. Union stand zu DDR-Zeiten nicht unbedingt für Staatstreue.
Als das einzige funktionierende Joint Venture zwischen Ost und West im deutschen Sport gelten heute die Eisbären. Aber nur, was den Widerhall in der Öffentlichkeit betrifft. Es ist ein wenig in Vergessenheit geraten, dass Ost und West in den Wendewirren auf anderer Ebene sehr schnell über geographisch-politische Grenzen hinweg zusammenfanden. Die Volleyballer vom SC Charlottenburg etwa übernahmen 1991 die Erfolgsmannschaft vom mehrfachen DDR-Meister SC Berlin mit großartigen Spielern wie René Hecht, Franko Hölzig oder Ronald Triller. Und wer weiß schon noch, dass die Handballer vom SC Dynamo eine neue Heimat fanden bei Blau-Weiß Spandau, wo auch ein gewisser Stefan Kretzschmar seine ersten Bundesligaspiele machte – und sofort abstieg.
Heute findet Berliner Handball wieder im Osten statt. Mit den Füchsen, die eigentlich aus Reinickendorf kommen, was grenzübergreifend als Inkarnation des piefigen West-Berlins gilt. Dem Verein präsidiert Frank Steffel, ein Bundestagsabgeordneter mit CDU-Parteibuch, der vor ein paar Jahren auch mal Regierender Bürgermeister werden wollte. In Erinnerung geblieben ist aus dieser Zeit seine Warnung davor, Berlin würde im Falle einer rot-roten Senatsbildung nach Peking und Havanna zur weltweit dritten kommunistisch regierten Hauptstadt.
Dieses Marketing braucht Frank Steffel nicht mehr, seine Partei auch nicht und die Füchse haben es erst recht nicht nötig. Die spielen ja jetzt auch im Osten, aber ganz weit weg von Peking und Havanna.








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