GendopingEpo war gestern, Doping wird ansteckend

Künftige Sportbetrüger werden sich gen-dopen. Doch die Manipulation des eigenen Erbgutes kann auch Unbeteiligte gefährden. von 

Eine normale Maus (l.) und eine gengedopte "Muskelmaus"

Eine normale Maus (l.) und eine gengedopte "Muskelmaus"  |  CC BY 2.5 Lee Se-Jin/Johns Hopkins University School of Medicine

1982 befragte der amerikanische Wissenschaftler Bob Goldman Spitzensportler, ob sie bereit wären, ein Mittel einzunehmen. Eines, dass ihnen eine olympische Goldmedaille garantiert, auch wenn sie fünf Jahre später daran sterben würden. Bis 1995 führte Goldman die Befragung durch, die Ergebnisse waren stets dieselben : Die Hälfte der befragten Spitzensportler würde sich auf diesen faustischen Pakt einlassen.

Hochleistungssportler wollen siegen, um jeden Preis. Während man aber bisher mit herkömmlichen Dopingmitteln wie Epo, Anabolika, Wachstumshormonen oder Eigenblutbehandlungen nur sich selbst in Gefahr begab, könnte die Zukunft des Dopings auch Unbeteiligte gefährden: saubere Athleten, Lebenspartner, selbst Zuschauer. Einige Wissenschaftler bangen gar um die biologische Sicherheit unserer Gesellschaft. "Doping wird irgendwann de facto ansteckend", sagt Perikles Simon, Mediziner und Molekularbiologe von der Universität Mainz.

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Ansteckung wie bei einem Schnupfen

Es geht um Gendoping – jene Art von Doping, die von der Welt-Anti-Doping-Agentur und dem Internationalen Olympischen Komitee als "Doping des 21. Jahrhunderts" bezeichnet wird. Die gentechnischen Grundlagen, die jegliche Art des Gendopings überhaupt möglich machen, wurden ursprünglich zu medizinischen Zwecken entwickelt. Forscher arbeiten an unterschiedlichen Ansätzen für Gentherapien: Dazu werden zum Beispiel defekte Gene ausgeschaltet oder in ihrer Funktion manipuliert. Wissenschaftler hoffen, auf diese Weise eines Tages auch Patienten mit Blut- oder Muskelkrankheiten heilen zu können. Bislang überwogen aber bei allen klinischen Tests fast immer die Risiken. Gentherapien sind also weiterhin eine Zukunftsvision.

Doch so langen wollen Betrüger nicht warten. Bereits heute droht ein Missbrauch der gentechnischen Werkzeuge. Die potentiellen Wirkungen sind verlockend: Beim Gendoping stellt der Körper das entsprechende Dopingmittel gleich selbst her. Durch Manipulation des Erbgutes könnte die Ausdauer von Sportlern, deren Schmerztoleranz und sogar die Willensstärke beeinflusst werden.

Ein Problem dabei ist vor allem der Einsatz von Viren als Genfähren. Sie sollen das gewünschte Erbmaterial in den Organismus transportieren. Der Wissenschaftler Simon spricht von 100 Milliarden bis 100 Trilliarden Viren, die für einen erfolgreichen Transfer gespritzt werden müssen.

In einem überwachten Labor wird meist technisch dafür gesorgt, dass diese Viren, die vorher für den Gentransfer unschädlich gemacht wurden, nicht mehr vermehrungsfähig sind. Klappt das nicht, gibt es ein Problem. Ebenso wenn der Mensch schon einmal mit der natürlichen Version des Virus in Kontakt gekommen ist und daher noch dessen Vermehrungselemente in sich trägt. Dann entsteht ein scharfes Virus, das auf andere Personen überspringen kann. "Im Extremfall können Sie sich das wie einen Schnupfen holen", sagt Simon.

Zwar wird dabei niemand mit der Krankheit angesteckt, die das Virus vielleicht ursprünglich einmal hätte auslösen können. Doch überträgt sich die Genfähre samt ihrer Erbinformation auf einen Unbeteiligten, kann sie dieselben Gendoping-Nebenwirkungen wie bei gedopten Menschen auslösen. Wenn das Virus beispielsweise das Gen für ein stärkeres Gefäßwachstum transportieren soll, können auch bei der angesteckten Person die Gefäße stärker wachsen. Ebenso könnte es zu Krebserkrankungen oder Autoimmunreaktionen kommen, die im Extremfall bis zum Tode führen. In Experimenten lebten Mäuse, denen das Gen eingepflanzt wurde, das für die Produktion von Epo zuständig ist, nur halb so lang wie normale Tiere.

Simon hat mit einigen Kollegen einen Aufsatz im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht . Darin schreiben sie: "Wenn im Sport gentherapeutische Verfahren zu Dopingzwecken eingesetzt werden, ist in jedem Einzelfall nicht nur von einer Gefährdung des Sportlers auszugehen, sondern auch von einer möglichen Gefährdung Unbeteiligter." Auch der Dopingexperte Fritz Sörgel , Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg , sieht diese Gefahren. "Ein solches Szenario ist denkbar", sagt er.

Die Gefahr: Doper agieren im Verborgenen, fernab medizinischer Kontrollen, die für einen sicheren Gentransfer erforderlich wären. "Wenn das Leute machen, die sich ihr Wissen angelesen haben, wird es gefährlich", sagt Sörgel. Patienten, die eine medizinische Gentherapie durchlaufen, liegen zeitweise auf einer Isolierstation. Erst wenn sichergestellt ist, dass sie keine Viren mehr ausscheiden, dürfen sie wieder mit anderen Personen in Kontakt kommen.

Sicherheitsvorkehrungen, die ein im stillen Kämmerlein dopender Sportler nicht treffen wird. "Ein Gentransfer kostet einen Sportler etwa 1.000 Euro", sagt Simon. Bei einer medizinischen Studie würden die Kosten etwa 100- bis 1.000-mal höher liegen. "Die Differenz wird in die Sicherheit investiert."

Leserkommentare
    • cernia
    • 22. Februar 2012 19:35 Uhr

    Kommt mir eher vor wie ein Albtaum, für uns alle, der schon wahr geworden ist. Im Leistungs/Olympia - Sport wird wohl vor nichts zurückgeschreckt.... und nun können wir uns wegen deren Wahnsinn an diversen Gen-Doping-(Neben-)Wirkungen - wie soll man das denn formulieren? - anstecken. Die Gefährlichkeit überwiegt die Absurdität in diesem (Verfahren).
    Gute Nacht
    C.

  1. Wir werden in absehbarer Zeit mehr davon bekommen, als uns lieb ist.

    Es gibt immer Wissenschaftler, die mehr Chancen als Risiken sehen, bzw. das behaupten, um sich vor anderen und auch sich selbst zu rechtfertigen.

    Epo per Rino-Virus? Den Jogger wird's freuen, bis ihn dann der frühe Tod ereilt.

    Wen's noch nicht ausreichend gruselt, der darf sich noch diesen Gen-Artikel zu Gemüte führen.

  2. 1. Nur Pharmafirmen dürfen Radrennfahrer sponsern.

    2. Die Dopinggesetze werden aufgehoben - alles ist von nun an erlaubt.

    2. Die Sponsoren haften streng für Schäden, die dem Sportler und seinem Umfeld durch Behandlungen entstehen.

    Soll doch Mark Cavendish für Astra Zeneca und Jan Ullrich für Bayer ins Rennen geschickt werden. Auf diese Weise können die durch wegfallende Verfolgung freigewordenen Mittel in die Sicherheit (z.B. bei der Gentherapie) investiert werden. Die Firmen würden aber ohnehin schon ausreichend dafür sorgen - bevor Lance Armstrong noch aufgrund einer optimierenden Behandlung vom Rad stürzt und der Absatz für Viagra einbricht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ihre Polemik ist etwas billig; für die Hersteller von Epo (das wesentlich zur Lebensqualität von vielen Krebs- und Dialysepatienten beiträgt, auch wenn es sicherlich z.T. zu breit verschrieben wurde) ist das Doping eher ein Ärgernis.

    Die Produkte der Pharmafirmen spielen übrigens beim Doping von Spitzensportlern eine immer kleinere Rolle - sie sind bekannt und damit zu leicht zu entdecken. Zunehmend werden neue Substanzen (z.B. Steroide) direkt aus den Untergrundlaboren beim Sportler eingesetzt. Und da wird es wirklich gefährlich (für den Sportler) da natürlich keinerlei Sicherheitstests vorgenommen werden.

    Schließlich, haben Sie eine Quelle für das Sponsoring von Jan Ullrich durch Bayer? Es mag durchaus stimmen, aber zumindest in einer schnellen Google Suche finde ich keinen Hinweis darauf.

  3. Ihre Polemik ist etwas billig; für die Hersteller von Epo (das wesentlich zur Lebensqualität von vielen Krebs- und Dialysepatienten beiträgt, auch wenn es sicherlich z.T. zu breit verschrieben wurde) ist das Doping eher ein Ärgernis.

    Die Produkte der Pharmafirmen spielen übrigens beim Doping von Spitzensportlern eine immer kleinere Rolle - sie sind bekannt und damit zu leicht zu entdecken. Zunehmend werden neue Substanzen (z.B. Steroide) direkt aus den Untergrundlaboren beim Sportler eingesetzt. Und da wird es wirklich gefährlich (für den Sportler) da natürlich keinerlei Sicherheitstests vorgenommen werden.

    Schließlich, haben Sie eine Quelle für das Sponsoring von Jan Ullrich durch Bayer? Es mag durchaus stimmen, aber zumindest in einer schnellen Google Suche finde ich keinen Hinweis darauf.

    Antwort auf "Drei Vorschläge:"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Fritz Sörgel | Doping | Sportler | Virus | Peking
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