Im Herbst 2010 suchte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Kabine der deutschen Fußballnationalmannschaft auf. Nach dem hitzigen Qualifikationsspiel gegen die Türkei brachte sie einen Fotografen des Bundespresseamtes mit und ließ sich dabei ablichten, wie sie dem Einwandererkind Mesut Özil die Hand schüttelte. Der DFB-Präsident Theo Zwanziger solle damals mächtig gezürnt haben, heißt es. Zum Einen, weil die Aktion nicht mit ihm abgesprochen war. Aber auch, weil sich der DFB nicht von der Politik instrumentalisieren lassen dürfe.

Ein Merkel-Besuch bei der Nationalmannschaft ist nicht mit der Stadionkatastrophe von Port Said zu vergleichen, bei der 74 Menschen starben. Sollte sich aber der Verdacht bestätigen, dass die Fans des regimekritischen Vereins Al Ahli vorsätzlich nicht geschützt worden sind, um eine politische Botschaft zu senden, geht es bei allen Unterschieden doch um Ähnliches: Darum, wie Sport von der Politik missbraucht wird. Der Fußball bewegt die Massen und ist daher ein geeignetes Vehikel, Botschaften auszusenden oder Stimmungen zu beeinflussen. Fußball macht Politik. Und mit Fußball wird vor allem Politik gemacht. Die Mär vom unpolitischen Fußball wurde nicht erst vor wenigen Tagen in Ägypten ad absurdum geführt. Einige Beispiele.

Diktatorische Regimes nutzen Fußball, um ihr Ansehen zu steigern:

Äquatorialguinea ist derzeit Co-Gastgeber des Afrika-Cups. Die Nationalmannschaft des Außenseiters schaffte es überraschend sogar bis ins Viertelfinale. Sehr zur Freude des Präsidenten Teodoro Obiang Nguema. Sein Plan mit einer Legionärsmannschaft – nur drei Stammspieler sind gebürtige Äquatorialguineaner – sportliche Schlagzeilen zu schreiben, ging auf. Gute Nachrichten in internationalen Medien kann Obiang, Afrikas dienstältester Autokrat, gebrauchen. Sein Regime gilt als Inbegriff des afrikanischen Schurkenstaates . Kritiker werden gefoltert, der Reichtum der Ölnation irrwitzig ungerecht verteilt, im  Ranking der korruptesten Staaten wird Äquatorialguinea auf Rang zehn geführt.

Die Blaupause, wie eine Regierung den Fußball benutzt, um von ihren Greueltaten abzulenken und ihre politische Legitimität zu erhöhen, lieferte die Fußball-WM 1978 in Argentinien . 30.000 Menschen, so wird geschätzt, fielen dem Militärregime um Diktator Rafael Videla zum Opfer, viele Argentinier verschwanden und tauchten nie wieder auf. Nur wenige hundert Meter vom Final-Stadion in Buenos Aires stand ein Foltergefängnis des Militärs. In Deutschland wurde vor dem Turnier über einen Boykott der WM diskutiert, die Mannschaft fuhr dennoch nach Argentinien. Der damalige DFB-Präsident lud gar den ehemaligen Nazi-General Hans-Ulrich Rudel ins deutsche Quartier.

Das Turnier in Argentinien wurde auch mit Manipulationsgerüchten in Verbindung gebracht. Argentinien soll sich seine Endspielteilnahme erkauft haben. Weil Brasilien gegen Polen gewonnen hatte, brauchten die Argentinier einen Sieg mit vier Toren Unterschied gegen Peru . Sie gewannen 6:0, der höchste Sieg des Turniers, der mit Getreide- und Waffenlieferungen nach Peru sowie der Freigabe eines Kredits gekauft worden sei. Am Ende ging die Rechnung der Machthaber auf: Die WM produzierte prächtige Bilder, Argentinien wurde zum ersten Mal Fußballweltmeister, das Militär blieb bis 1983 an der Macht.

Ein Fußballspiel als Kriegsgrund:

1969 spielten Honduras und El Salvador um die WM-Qualifikation. Die Stimmung zwischen beiden Ländern war schon zuvor aufgeladen. 300.000 Salvadorianer waren in den sechziger Jahren nach Honduras gekommen, um Brachland illegal in Besitz zu nehmen und zu bewirtschaften. Die honduranische Militärregierung schürte damals die Stimmung gegen die Einwanderer und stellte ihnen ein Ultimatum, das Land zu verlassen. Weil bei Hin- und Rückspiel zwischen den beiden Teams jeweils der Gastgeber gewann, musste ein Entscheidungsspiel her. El Salvador gewann 3:2 nach Verlängerung, kurz darauf kam es zu Ausschreitungen mit Todesopfern. Das Fußballspiel wurde zum Auslöser eines Krieges.

Zwei Wochen später marschierte die Armee El Salvadors in Honduras ein. Nach fünf Tagen griff die Organisation amerikanischer Staaten (OAS) in den Konflikt ein und erzwang das Ende der Kämpfe. In den 100 Stunden des Krieges starben etwa 2.100 Menschen, 6.000 weitere wurden verletzt.