Corny Littmann"Gauck kann Merkel in den Schatten stellen"

Joachim Gauck ist ein Ampelmännchen. Deshalb wird sich Angela Merkel noch an der FDP rächen, sagt Corny Littmann im Alles-außer-Fußball-Gespräch. von 

Corny Littmann: "Gauck war immer politisch, aber nie Politiker."

Corny Littmann: "Gauck war immer politisch, aber nie Politiker."  |  © Martin Rose/Bongarts/Getty Images

ZEIT ONLINE : Herr Littmann , Joachim Gauck war schon 2010 ein Kandidat der Grünen , jetzt ging die Initiative für ihn auch von den Grünen aus. Sie sind Grüner, ist Gauck Ihr Präsident?

Corny Littmann : Das wird sich zeigen, aber er ist eine gute Wahl.

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ZEIT ONLINE : Gauck findet Sarrazin mutig , den Protest gegen S21 hysterisch und befürwortet militärische Interventionen. Werden die Grünen ihren Vorschlag noch mal bereuen ? Hans-Christian Ströbele hat schon gemotzt.

Littmann : Motzen lassen! In der Partei ist das Bewusstsein, dass man eine eigene Meinung haben darf, sehr weit verbreitet. Ich bin mir zudem sicher, im Amt wird Gauck vorsichtiger reden.

ZEIT ONLINE : Aber Gauck ist der falsche Mann für Antikapitalismusdebatten.

Littmann : Da bin ich mir gar nicht sicher. Über die Auswüchse auf den Finanzmärkten wird er sicher einiges zu sagen haben. Das tat zwar auch Köhler. Aber Gauck nimmt eine andere Perspektive ein. Er wird so reden, dass es die Leute verstehen. Er hat nämlich die Gabe, Kompliziertes einfach auszudrücken.

ZEIT ONLINE : Was halten Sie vom Redner Gauck?

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Littmann : Er ist erst mal Pfarrer. Die sind geübt darin, die richtigen Worte zu finden. Seine Reden über Werte, Freiheit und Moral sind pastoral geprägt.

ZEIT ONLINE : Sagen Sie das mit einem Unterton?

Littmann : Nein. Einem Bundespräsidenten bleibt ja nichts als die Macht des Wortes. Richard von Weizsäckers Rede vierzig Jahre nach Kriegsende wirkt bis heute nach, auch die Ruck-Rede Roman Herzogs ist mir noch im Ohr. Nun bekommen wir einen Präsidenten, der sehr viel mitbringt für diese Funktion. Gauck redet immer frei, immer mitreißend. Man spürt, er hat Leben gelebt.

ZEIT ONLINE : Welche Rolle spielt es, dass Gauck Ostdeutscher ist?

Littmann : Die Ostdeutschen haben ein besonderes Verhältnis zu Gauck, vor allem in Mecklenburg-Vorpommern . Da gibt es aber nicht nur Zuneigung, sondern auch Skepsis. Gauck wurde ja eher an die Spitze der DDR-Bürgerbewegung gespült. Er gehörte zu den moderaten Kräften der Opposition, nicht zu den Protagonisten.

ZEIT ONLINE : Nimmt die Entscheidung für Gauck die Ostdeutschen in die Verantwortung für die Demokratie, auch die, die sich noch nicht mit ihr identifizieren?

Littmann : Kann sein. Aber ist das wirklich noch ein Problem? Die Mauer wurde vor über zwanzig Jahren zu Fall gebracht. Manchmal halte ich diese Diskussion für unsinnig. Es ist ja nicht zu erkennen, dass Merkel eine spezifisch ostdeutsche Politik macht.

ZEIT ONLINE : Gauck wurde durch einen parteipolitischen Spitzbubenstreich ins Amt gedealt. Ein Problem?

Littmann : Bis zum Karnevalssonntag hätte ich alles gegen Gauck gewettet, doch dann wurde mächtig geklüngelt. Merkel wollte Gauck ja nicht. Aber die FDP steht zurzeit unter dem Zwang, sich zu profilieren. Also hat sie aus Kalkül auf Gauck gesetzt. Es gibt viele Kräfte in der Partei, die erkennen, dass Rot-Grün-Gelb die einzige Machtkonstellation für die FDP 2013 sein wird – falls sie in den Bundestag wiedergewählt wird.

ZEIT ONLINE : Schadet es, dass Gauck ein Produkt der Parteiräson ist, ein Ampelmännchen?

Littmann : Nein, denn Gauck wird von der Bevölkerung gewünscht, geradezu ersehnt – das ist entscheidend. Die FDP wollte dem Volk auch mal aufs Maul schauen.

ZEIT ONLINE : Philipp Rösler feierte sich in den vergangenen Tagen, dabei stand er 2010 fest an der Seite Wulffs. Ist Gauck nicht vielmehr der Mann Wolfgang Kubickis, der Gauck schon gegen Johannes Rau ins Rennen schicken wollte?

Leserkommentare
  1. vermischt mit viel Spekulation. Das weitere werden wir dann nach dem 18. März zu sehen und zu hören bekommen.

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    die Zeit versucht glaubensservil Schadensbegrenzung der Nominierung in seiner Stammleserschaft zu betreiben,

  2. Jetzt reicht es so langsam.
    Ich kann mir vieles denken, was die Leute ersehnen, Gauck, egal als was, gehört nicht dazu.

    19 Leserempfehlungen
    • edgar
    • 27. Februar 2012 17:45 Uhr

    "Nein, denn Gauck wird von der Bevölkerung gewünscht, geradezu ersehnt – das ist entscheidend."

    Die Medien - alle voran die Springer-Presse aber natürlich z.B. auch die ZEIT - reden den Mesnchen ein, dass sie Gauck "ersehnen".
    Bis vor kurzem wussten viele Menschn doch nicht viel mehr, als dass er der nach ihm genannten Behörde vorstand - wenn überhaupt.

    Und:
    "Gauck wurde ja eher an die Spitze der DDR-Bürgerbewegung gespült."
    Da gibt es glaubhafte Argumentationen (s.LINK), dass er nie wirklich ein Bürgerrechtler war, er sich selbst gerne so sieht, ansonsten ihn die Presse "an die Spitze der DDR-Bürgerbewegung gespült" hat.

    http://www.tagesspiegel.d...

    12 Leserempfehlungen
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    zum einen sollte man sich in Erinnerung rufen, wie im Sommer 2010 ein regelrechter Gauck-Hype intoniert wurde. Und damit meine ich nicht die Medien, sondern bspw. Teilnehmer an Diskussionsforen wie diesem hier. Im ünrigen hat Gauck ja auch etwas mitzuteilen. Er ist eine Figur, an der man sich reiben, aber auch orientieren kann. Wer nun vorschnell fordert, ein Präsident habe zu moderieren, auszugleichen, der möge bitte nicht mehr abfällig vom Bundespräsidenten als "Grüßaugust" schwadronieren. Auch ein Richard v. Weizsäcker hat auf seine Weise polarisiert; seine berühmte Rede zum 08. Mai 1985 hat beileibe nicht jedem gefallen. Aber darauf kommt es auch nicht an. Sie war richtig, sie war passend, sie hat Standpunkt bezogen. Und das Zeug zu so etwas hat Gauck ebenfalls. Im übrigen: auch Herrn v. Weizsäcker sind nach meiner Wahrnehmung Eitelkeiten nicht fremd. Ist das unbedingt von Nachteil?

  3. zum einen sollte man sich in Erinnerung rufen, wie im Sommer 2010 ein regelrechter Gauck-Hype intoniert wurde. Und damit meine ich nicht die Medien, sondern bspw. Teilnehmer an Diskussionsforen wie diesem hier. Im ünrigen hat Gauck ja auch etwas mitzuteilen. Er ist eine Figur, an der man sich reiben, aber auch orientieren kann. Wer nun vorschnell fordert, ein Präsident habe zu moderieren, auszugleichen, der möge bitte nicht mehr abfällig vom Bundespräsidenten als "Grüßaugust" schwadronieren. Auch ein Richard v. Weizsäcker hat auf seine Weise polarisiert; seine berühmte Rede zum 08. Mai 1985 hat beileibe nicht jedem gefallen. Aber darauf kommt es auch nicht an. Sie war richtig, sie war passend, sie hat Standpunkt bezogen. Und das Zeug zu so etwas hat Gauck ebenfalls. Im übrigen: auch Herrn v. Weizsäcker sind nach meiner Wahrnehmung Eitelkeiten nicht fremd. Ist das unbedingt von Nachteil?

    3 Leserempfehlungen
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    • edgar
    • 27. Februar 2012 18:04 Uhr

    "wie im Sommer 2010 ein regelrechter Gauck-Hype intoniert wurde."
    Also geht es doch nicht von den Menschen, sondern von einigen Meinungsmachern aus, die das alles "intonierten".

    Ich habe ferner keine Zweifel daran, dass "Gauck ja auch etwas mitzuteilen" hat - fragt sich eben bloß was - bestimmte Intervies sind ja mittlerweile bekannt und belegt.

    Und anbei noch ein Zitat aus Wiki bezüglich "Eitelkeiten":
    "Sünden entstehen nach der klassischen Theologie (!) aus sieben schlechten Charaktereigenschaften: * Superbia: Hochmut (Eitelkeit, Stolz, Übermut)"
    Damit kann nun jeder umgehen wie er will.
    Bei christlichen Predigern können wir dann allerdings nur noch behaupten, Sie predigen Wasser unnd trinken Wein.

    • Harzer
    • 27. Februar 2012 17:59 Uhr

    ... aus diesem Thema doch erst einmal heraus.

    Unsere bundesdemoratische Einheitspartei steht wie ein Mann hinter ihm, damit hat er den Posten eigendlich sicher.

    Er lebte in der DDR. Wenigstens über diese Zeit konnte er schon einmal gar keine Schnäppchen einsammeln.

    Er wird also sicher besser als Lübcke und schlechter als Weizsäcker werden.

    Lassen wir ihn starten und sehen, was er so an- und ver-gauckt ... .

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  4. "Nimmt die Entscheidung für Gauck die Ostdeutschen in die Verantwortung für die Demokratie, auch die, die sich noch nicht mit ihr identifizieren?"

    Eine ernst gemeinte Frage:

    Wer sind die Ostdeutschen, die sich noch nicht mit ihr identifzieren können? Wie groß ist diese Gruppe? Woraus schließen Sie deren Verhalten zur Demokratie?

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    Redaktion

    @Agathe Puppenlustig: Umfragen, ob die praktizierte Demokratie die beste Staatsform ist und ob sie sie für verteidigenswert halten, bejahen deutlich mehr West- als Ostdeutsche. Aber vielleicht habe ich zu ungenau formuliert. Die Ostdeutschen befürworten in großer Mehrheit die Demokratie, die Skepsis richtet sich eher gegen bundesrepublikanische Institutionen.

    Skepsis zu bundesrepubkikanischen Institutionen bedeutet doch nicht zwangsläufig, dass man die demeokratische Staatsform ablehnt oder sich nicht mit ihr identifiziert.

    Und Skepsis ist zum Beispiel spätestens seit dem Versagen des Verfassungsschutzes im Fall der rechtsradikalen NSU mehr als angebracht.

    Um mir ein eigenes Bild machen zu können, würde ich mich freuen, wenn Sie mir die Umfrageergebnisse zur Verfügung stellen können.

    • m.f.le
    • 27. Februar 2012 19:19 Uhr

    Und ich mag diesen Mann nicht. Er scheint nur alles auf Schein aufgebaut zuhaben und da hätten wir gleich den Wulf behalten können.

    • Cambert
    • 27. Februar 2012 20:20 Uhr

    ...in der "praktizierten Demokratie" immer noch die Demokratie und können sie nicht finden? Wenn man sich die verschiedenen politischen Vergewaltigungen der deutschen Bevölkerung seit Maastricht ... bis jetzt ESM so ansieht, werden viele Westdeutsche bald hinzu kommen.

    • edgar
    • 27. Februar 2012 18:04 Uhr

    "wie im Sommer 2010 ein regelrechter Gauck-Hype intoniert wurde."
    Also geht es doch nicht von den Menschen, sondern von einigen Meinungsmachern aus, die das alles "intonierten".

    Ich habe ferner keine Zweifel daran, dass "Gauck ja auch etwas mitzuteilen" hat - fragt sich eben bloß was - bestimmte Intervies sind ja mittlerweile bekannt und belegt.

    Und anbei noch ein Zitat aus Wiki bezüglich "Eitelkeiten":
    "Sünden entstehen nach der klassischen Theologie (!) aus sieben schlechten Charaktereigenschaften: * Superbia: Hochmut (Eitelkeit, Stolz, Übermut)"
    Damit kann nun jeder umgehen wie er will.
    Bei christlichen Predigern können wir dann allerdings nur noch behaupten, Sie predigen Wasser unnd trinken Wein.

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    Gänze veröffentlicht werden. Aus dem Zusammenhang gerissene Zitate geben manchmal eben nicht den Gesamtkontext wieder und manch eine Wortwahl wird von denselben Leuten beklagt, die sich in anderen Fällen über den "stromlinienförmigen Politiker" aufregen.
    Man kann Bigotterie auch übertreiben.

  5. ....eine Alternative zu Herrn Wulff der Herr Gauck.Ob als Herzensmann der Bundesbürger(innen)oder sehnsuchtvoll erwartet, bleibt dahingestellt - wird er gewählt, dann ist es gut so.

    B.B.

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    • edgar
    • 27. Februar 2012 18:09 Uhr

    "Allemal.....
    ....eine Alternative zu Herrn Wulff der Herr Gauck."

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