ZEIT ONLINE : Herr Littmann , Joachim Gauck war schon 2010 ein Kandidat der Grünen , jetzt ging die Initiative für ihn auch von den Grünen aus. Sie sind Grüner, ist Gauck Ihr Präsident?

Corny Littmann : Das wird sich zeigen, aber er ist eine gute Wahl.

ZEIT ONLINE : Gauck findet Sarrazin mutig , den Protest gegen S21 hysterisch und befürwortet militärische Interventionen. Werden die Grünen ihren Vorschlag noch mal bereuen ? Hans-Christian Ströbele hat schon gemotzt.

Littmann : Motzen lassen! In der Partei ist das Bewusstsein, dass man eine eigene Meinung haben darf, sehr weit verbreitet. Ich bin mir zudem sicher, im Amt wird Gauck vorsichtiger reden.

ZEIT ONLINE : Aber Gauck ist der falsche Mann für Antikapitalismusdebatten.

Littmann : Da bin ich mir gar nicht sicher. Über die Auswüchse auf den Finanzmärkten wird er sicher einiges zu sagen haben. Das tat zwar auch Köhler. Aber Gauck nimmt eine andere Perspektive ein. Er wird so reden, dass es die Leute verstehen. Er hat nämlich die Gabe, Kompliziertes einfach auszudrücken.

ZEIT ONLINE : Was halten Sie vom Redner Gauck?

Littmann : Er ist erst mal Pfarrer. Die sind geübt darin, die richtigen Worte zu finden. Seine Reden über Werte, Freiheit und Moral sind pastoral geprägt.

ZEIT ONLINE : Sagen Sie das mit einem Unterton?

Littmann : Nein. Einem Bundespräsidenten bleibt ja nichts als die Macht des Wortes. Richard von Weizsäckers Rede vierzig Jahre nach Kriegsende wirkt bis heute nach, auch die Ruck-Rede Roman Herzogs ist mir noch im Ohr. Nun bekommen wir einen Präsidenten, der sehr viel mitbringt für diese Funktion. Gauck redet immer frei, immer mitreißend. Man spürt, er hat Leben gelebt.

ZEIT ONLINE : Welche Rolle spielt es, dass Gauck Ostdeutscher ist?

Littmann : Die Ostdeutschen haben ein besonderes Verhältnis zu Gauck, vor allem in Mecklenburg-Vorpommern . Da gibt es aber nicht nur Zuneigung, sondern auch Skepsis. Gauck wurde ja eher an die Spitze der DDR-Bürgerbewegung gespült. Er gehörte zu den moderaten Kräften der Opposition, nicht zu den Protagonisten.

ZEIT ONLINE : Nimmt die Entscheidung für Gauck die Ostdeutschen in die Verantwortung für die Demokratie, auch die, die sich noch nicht mit ihr identifizieren?

Littmann : Kann sein. Aber ist das wirklich noch ein Problem? Die Mauer wurde vor über zwanzig Jahren zu Fall gebracht. Manchmal halte ich diese Diskussion für unsinnig. Es ist ja nicht zu erkennen, dass Merkel eine spezifisch ostdeutsche Politik macht.

ZEIT ONLINE : Gauck wurde durch einen parteipolitischen Spitzbubenstreich ins Amt gedealt. Ein Problem?

Littmann : Bis zum Karnevalssonntag hätte ich alles gegen Gauck gewettet, doch dann wurde mächtig geklüngelt. Merkel wollte Gauck ja nicht. Aber die FDP steht zurzeit unter dem Zwang, sich zu profilieren. Also hat sie aus Kalkül auf Gauck gesetzt. Es gibt viele Kräfte in der Partei, die erkennen, dass Rot-Grün-Gelb die einzige Machtkonstellation für die FDP 2013 sein wird – falls sie in den Bundestag wiedergewählt wird.

ZEIT ONLINE : Schadet es, dass Gauck ein Produkt der Parteiräson ist, ein Ampelmännchen?

Littmann : Nein, denn Gauck wird von der Bevölkerung gewünscht, geradezu ersehnt – das ist entscheidend. Die FDP wollte dem Volk auch mal aufs Maul schauen.

ZEIT ONLINE : Philipp Rösler feierte sich in den vergangenen Tagen, dabei stand er 2010 fest an der Seite Wulffs. Ist Gauck nicht vielmehr der Mann Wolfgang Kubickis, der Gauck schon gegen Johannes Rau ins Rennen schicken wollte?