Radfahrer Marcel Kittel : "Ich habe Doktor Franke gefragt, ob das Doping ist"
Marcel Kittel ließ sich vom mutmaßlichen Dopingarzt Andreas Franke behandeln. Er sei wohl zu naiv gewesen und habe sich keinen Widerspruch getraut, sagt er im Interview.
© Pascal Guyot/AFP/Getty Images

Der Radprofi Marcel Kittel
ZEIT ONLINE: Herr Kittel, Sie haben in der vergangenen Woche eine Etappe bei der Rundfahrt "Stern von Bessèges" gewonnen, aber nur sehr verhalten gejubelt. Wie sehr ärgert es Sie, dass Ihr Name zurzeit eher mit Doping in Verbindung gebracht wird?
Marcel Kittel: Natürlich wünsche ich mir, dass man sich mehr mit meinen sportlichen Leistungen befassen würde. Aber ich kann verstehen, dass mir momentan andere Fragen gestellt werden.
ZEIT ONLINE: Sie stehen auf der sogenannten Erfurter Liste. Andreas Franke, der ehemalige Sportmediziner am Olympiastützpunkt Thüringen, hat das Blut von mindestens dreißig Athleten verschiedener Sportarten mit UV-Licht behandelt. Darunter auch Ihres. Warum haben Sie das mitgemacht?
Kittel: Ich bin zu ihm gegangen, weil ich krank war, eine Grippe hatte oder eine Angina, nicht weil ich meine Leistung steigern wollte. Ich habe ihm vertraut. Tun Sie das nicht, wenn Sie zum Arzt gehen? Ich habe ihn gefragt, ob das Doping ist. Er hat das verneint. Ich war erst 18 Jahre alt.
Marcel Kittel, 23, ist ein deutscher Radprofi, der seit 2011 beim holländischen Rennstall Project 1t4i (zuvor Skil-Shimano) engagiert ist. Der Sprinter gewann im Jahr 2011 siebzehn Etappen, alleine vier bei der Polen-Rundfahrt und eine bei der Vuelta (Spanien-Rundfahrt).
ZEIT ONLINE: Und damit volljährig. Haben Ihre Alarmglocken bei harmlosen Krankheiten versagt?
Kittel: Ich war wohl zu naiv, hatte vielleicht auch zu wenig Selbstbewusstsein, einer Autorität zu widersprechen. Als Sportler hat man natürlich eine Eigenverantwortung, die habe ich damals noch nicht gelebt. Heute sage ich: Hätte ich es bloß nicht getan!
ZEIT ONLINE: Wie oft haben Sie Ihr Blut behandeln lassen?
Kittel: Vielleicht fünf bis acht Mal. 2008, also gut ein Jahr nach der ersten Therapie, hab ich es sein lassen.
ZEIT ONLINE: Ist die Nadel, im Vergleich mit einer Pille oder einem Pulver, eine besondere Schwelle?
Kittel: Im vorigen Jahr hat der Weltradsportverband eine "No-Needle-Policy" etabliert. Das finde ich gut. Frankes Therapie hat sich immer komisch angefühlt.
- Arzt unter Verdacht
Die Erfurter Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen mittlerweile suspendierten Arzt des Erfurter Olympiastützpunkts: Andreas Franke. Ihm werden Verstöße gegen des Arzneimittelgesetz vorgeworfen. Franke soll Sportlern Blut abgenommen, es mit UV-Licht bestrahlt und anschließend wieder injiziert haben. Die Behandlung soll die Sauerstoffaufnahmefähigkeit des Gewebes und damit die Leistungsfähigkeit erhöhen. Der Arzt argumentiert, er habe das Blut der Athleten lediglich einer Behandlung unterzogen, um Infekten vorzubeugen. Gedopt habe er niemanden. Medienberichten zufolge stehen dreißig verdächtige Sportler auf der sogenannten Erfurter Liste.
- Experten-Debatte
Ob diese Eigenblutbehandlung als Doping gilt, darüber wird momentan debattiert. Das Regelwerk der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) verbietet die UV-Bestrahlng explizit erst ab 2011. Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) sagte, dass dies aber nicht automatisch bedeute, dass die Methode vorher erlaubt gewesen sei.
- Claudia Pechstein
Ein Beitrag der ARD-Sportschau bringt auch die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, die wegen auffälliger Blutwerte für zwei Jahre gesperrt war, mit den Blutmanipulationen in Verbindung. Die wehrt sich nun und hat schwere Vorwürfe gegen die Nada erhoben. Auf ihrer Homepage veröffentlichte sie E-Mails, aus denen hervorgehen soll, dass die Wada die Nada informierte, Frankes Methoden seien für sie kein Blutdoping. Die Nada wiederum habe diese Informationen nicht an die Staatsanwaltschaft weitergegeben, sagt Pechstein. Die Vorstandsvorsitzende der Nada, Andrea Grotzmann, sagt, die Dokumente geben die Kommunikation zwischen Nada und Wada "nur bruchstückhaft wieder".
ZEIT ONLINE: Hatte sie Wirkung?
Kittel: Nein. Weder fühlte ich mich gesünder noch wurde ich schneller.
ZEIT ONLINE: Wenn man Ihnen glauben soll, hieße das: Franke hat Ihr Vertrauen missbraucht. Sie müssen eine wahnsinnige Wut auf ihn haben.
Kittel: Ich glaube ihm, dass er nur an meiner Genesung interessiert war, hätte mir aber mehr Umsicht gewünscht.
ZEIT ONLINE: Franke soll zeitweilig im Austausch mit Horst Tausch gestanden haben, einem Protagonisten des DDR-Doping. Überhaupt war die Praktik der UV-Bestrahlung in der DDR üblich.
Kittel: Das habe ich alles auch erst jetzt erfahren. Franke hätte im Interesse aller auf diese UV-Therapie verzichten sollen. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ab 2011 soll es ja auch nicht mehr erlaubt gewesen sein. Verbindlich geklärt ist es aber nun wohl erst seit diesem Jahr.
ZEIT ONLINE: Das IOC hat bereits im Jahr 1999 die Gabe von Blut als Blutdoping definiert. Sportrechtler diskutieren nun über die Auslegung vor der Regelverschärfung im Jahr 2011.
Kittel: Bei Franke lief das so: Über eine Spritze und einen Schlauch wird eine kleine Menge Blut, maximal 50 Milliliter, unter UV-Licht transportiert. Das ist wie eine verlängerte Vene, das Blut wird gar nicht vom Kreislauf getrennt, gar nicht entnommen. Mir wurde also kein Blut gegeben, nicht mal richtig entnommen.






Und warum geht man zu diesem Arzt, wenn man eine Grippe vermutet (also eine typische Hausarzt-Aufgabe)?
Beim Hausarzt gibt's doch nicht nur salbeitee. Der normale Arzt weiß doch gar nicht, welche Präparate ich schlucken darf, ohne aus versehen doch positiv zu werden bei einem Doping-Test.
Beim Hausarzt gibt's doch nicht nur salbeitee. Der normale Arzt weiß doch gar nicht, welche Präparate ich schlucken darf, ohne aus versehen doch positiv zu werden bei einem Doping-Test.
.. und dann eine Bestrahlung des Blutes mit UV-Licht? Dies erscheint mir deutlich mehr als naiv, wenn die meisten Patienten mit Grippe (Fieber etc.) eher auf Tabletten zurückgreifen.
Beim Hausarzt gibt's doch nicht nur salbeitee. Der normale Arzt weiß doch gar nicht, welche Präparate ich schlucken darf, ohne aus versehen doch positiv zu werden bei einem Doping-Test.
daß man nicht wieder den medialen Holzhammer herausholt, mit dem man dann ein großes Radsporttalent erschlägt. Sondern sich diejenigen greift, die einen 18jährigen zu einem solchen Arzt schicken!
A la guerre comme a la guerre.
Aus dem medizinischen Bereich ist bekannt, daß die UV-Bestrahlung unwirksam ist. Insofern kann hier nicht von Doping die Rede sein.
Bei der ganzen Manie habe ich als Arzt eher die Befürchtung, daß kein Sportler mehr überhaupt behandelt werden darf, da so ziemlich alle wirksamen Arzneien (und nun auch schon die unwirksamen Verfahren) auf der Dopingliste stehen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren