Doping-UrteilJan Ullrichs falsches Spiel mit der Öffentlichkeit

Jetzt ist es auch offiziell: Jan Ullrich hat gedopt. Trotzdem hätte der Radsportler im Rückblick ein Held der Deutschen sein können. Ein Kommentar von 

Jan Ullrich während der Pressekonferenz eines Haarshampoo-Herstellers

Jan Ullrich während der Pressekonferenz eines Haarshampoo-Herstellers  |  © Thomas Starke/Bongarts/Getty Images

Nein, was Neues gibt es nicht. Aber seit Donnerstag, dem 9. Februar 2012, ist offiziell, was jeder minimal Sportinteressierte sowieso erwartet hatte: Jan Ullrich, der einzige deutsche Sieger der Tour de France, hat gedopt. Mehr als sechs Jahre mussten seit dem letzten Tour-Start Ullrichs vergehen, bis ein Sportgericht zu diesem Urteil kam. Das ist das erste Desaster.

Das zweite betrifft Jan Ullrichs falsches Spiel mit der Öffentlichkeit. "Ich habe niemanden betrogen!" Hunderte Mal wollte Ullrich so eine Dopingbeichte umgehen. Vor und nach zahlreichen Radrennen, auf Pressekonferenzen, in Talkshows log er jedem, der fragte, indirekt ins Gesicht. Was offensichtlich war, wollte er nicht zugeben. Weil er die Konsequenzen fürchtete. Dabei ging es vermutlich vor allem ums Geld.

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Damit hat der Radfahrer seinem Sport eine Chance genommen. Wenn er es etwa in Reinhold Beckmanns TV-Studio vor mehreren Millionen Zuschauern gewagt hätte, die Wahrheit auszusprechen, hätte man ihm nicht nur die Opferrolle abgenommen, die er nun vergeblich versucht einzunehmen. Ein Dopinggeständnis, in dem Ullrich das verseuchte System des Profiradsports transparent hätte machen können, hätte der gesamten Sportart geholfen. Anders als weniger erfolgreiche, aber aufrichtigere Radfahrer wie Patrik Sinkewitz , hätte die Offenheit Ullrichs etwas verändern können.

Mit seiner Angst vor der Wahrheit hat Jan Ullrich sich auch selbst eine Chance genommen. Er ist und er bleibt einer der erfolgreichsten deutschen Sportler: Er wurde Zeitfahr-Weltmeister, Olympia- und Tour-de-France-Sieger. Dazu hätte er eine der größten Persönlichkeiten des Sports werden können. Wenn er sich getraut hätte.

Was bleibt ist die Realität. In der hat Alberto Contador die Tour de France gewonnen und anschließend sein Doping mit einem verunreinigten Steak erklärt . In der wurde Lance Armstrong, entgegen schwerwiegender Hinweise, in einem Doping-Prozess immer noch nicht verurteilt. Der Radsport hat seine Glaubwürdigkeit verloren. Und Jan Ullrich hat seinen Anteil dazu beigetragen.

Am Tag bevor dies öffentlich durch den internationalen Sportgerichtshof bestätigt wurde, teilte Ullrich übrigens mit, er wolle "eine Verurteilung zur Vergangenheitsbewältigung nutzen". Am selben Tag trat Ullrich dann als neuer Werbe-Promi bei einem Haarshampoo-Hersteller auf. Der Werbe-Slogan: "Doping für die Haare".

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Leserkommentare
    • kyon
    • 09. Februar 2012 18:11 Uhr

    Mir ist ein Mensch, der zu schwach ist, um zu seinem Fehler zu stehen, lieber als ein Mensch, der zum "Held der Deutschen" wird.

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    • bugme
    • 09. Februar 2012 19:00 Uhr

    ...wenn man fehler gemacht hat, oder durch seine Schwächen anderen geschadet hat, dann sollte man auch "den Arsch in der Hose haben" dazu zu stehen.
    Alles Andere wirkt mir sehr Wulfig.

    Was ich hier an einigen Kommentaren rauslesen kann ist, dass sich manche einer nicht im geringsten darüber im Klaren ist, was Dopen bedeutet.
    Dopen bedeutet im Wettkampf unerlaubte Mittel zu verwenden, um den anderen die Chance zu nehmen, auf ehrliche Art zu gewinnen.
    Das ist zuerst einmal extrem unsportlich und verstößt gegen jeglichen Ehrenkodex eines fairen Wettkampfes.
    Und Dopen darf nicht mit ausreizen aller erlaubten Mittel verwechselt werden, was im Radsport sicher gang und gäbe ist, weil man sich für eine Hammertour wie die Tour de France einfach professionell vorbereiten muss.
    Jemand, der dopt tut dies daher mit der klaren Absicht, sich einen Vorteil gegen die anderen Sportler, nicht zu verschaffen, sondern zu ergaunern. Doping ist schwerer Betrug und frei von Ehre.
    Daher kann ich wirklich, beim besten Willen, nicht nachvollziehen, wie man einem unehrlichen Menschen wie Jan Ullrich zubilligen will, "menschlich in Ordnung" zu sein.
    Zumal er es in keinster Weise fertiggebracht hat, etwas von seinem Verhalten einzugestehen und sogar andere angezeigt hat, die ihm seine Vergehen, zurecht, vorgeworfen haben.
    Und in seinem Statement, das er jetzt notgedrungen gemacht hat (siehe: http://www.spiegel.de/spo...) gibt er wieder nur das zu, was ihm haarklein bewiesen wurde und bemitleidet sich wieder selbst.
    Jan Ullrich ist menschlich eine absolute Null. Vielleicht auch weniger.

    • wilkem
    • 10. Februar 2012 13:38 Uhr

    Mir ist ein Mensch lieber, der die Wahrheit sagt, mag sie noch so hart sein, als ein Lügenbold und Trickser.

    • lh1976
    • 09. Februar 2012 18:18 Uhr

    Das ist nur eine Vermutung! Bewiesen wurde es nicht (Doping-Kontrolle)! Was ist denn eigentlich aus den anderen 150 Fuentes-Kunden geworden? Bis auf Basso und Ulla gab es doch kein anderes Verfahren mehr!

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    • Infamia
    • 09. Februar 2012 18:41 Uhr

    Die Blutbeutel in Fuentes Eisschrank wurden per DNA eindeutig Jan Ullrich zugewiesen. Was glauben Sie, wurde damit wohl gemacht? Bestimmt wurden die da nicht nur zum Spaß aufbewahrt. Und was mit anderen passiert oder nicht passiert, ist mir wurscht. Ullrich hat gedopt. Punkt, Aus, Ende, Basta.

    Oberstaatsanwalt Fred Apostel sagte: „Unsere Ermittlungen über 21 Monate haben ergeben: Ullrich hat gedopt.“
    Siehe: http://de.wikipedia.org/w...

    • TDU
    • 09. Februar 2012 18:23 Uhr

    Was glaubt man denn wäre dann passiert. X Anzeigen Entrüsteter aber nicht Betroffener (siehe "Taxi" Schumacher und Raucher Helmut Schmidt)und alle möglichen Klagen wegen angeblich finanzieller Nachteile.

    In anderen Ländern kann man es sich vielleicht erlauben, aber im Deutschland der Selbstgerechten, welches seine Helden auch noch am liebsten demontiert, nicht. Es gibt prominente Poltiker hier, die sagen nicht die Wahrheit obwohl ihnen keinesfalls der fianzielle Ruin drohen würde wie Jan Ullrich. Und der Radsport? Da wäre er ganz erledigt gewesen.

    • Infamia
    • 09. Februar 2012 18:41 Uhr

    Die Blutbeutel in Fuentes Eisschrank wurden per DNA eindeutig Jan Ullrich zugewiesen. Was glauben Sie, wurde damit wohl gemacht? Bestimmt wurden die da nicht nur zum Spaß aufbewahrt. Und was mit anderen passiert oder nicht passiert, ist mir wurscht. Ullrich hat gedopt. Punkt, Aus, Ende, Basta.

    Antwort auf "Gedopt?"
  1. Vorbild für junge Nachwuchssportler? Fehlanzeige. Ehrlichkeit?
    Fehlanzeige. Jan Ullrich ein großer Sportler? Mit Sicherheit nicht. An dem unredlich verdienten Geld wird er keine Freude haben und Werbepartnern wird die Freude schnell vergehen. Mein Interesse am Radsport beschränkt sich inzwischen auf die Fahrt zum Bäcker und zurück. Da fühle ich mich gut. Das habe ich Jan Ullrich voraus und das ist gut so.

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    "Vorbild für junge Nachwuchssportler? Fehlanzeige. Ehrlichkeit?
    Fehlanzeige. Jan Ullrich ein großer Sportler? Mit Sicherheit nicht. "
    Mit Sicherheit doch. Er war einer der Besten in dem was er tat um Geld zu verdienen. Dafür ist er ein Vorbild und ein große Sportler. Sicherlich passte er sich an, deswegen ist er kein Held. Ich bin jeden morgen mit Eintritt ins Büro auch nicht mehr ich selbst, was das angeht. Ohne Anpassung wird aus Dir nichts.

    Übrig bleibt, dass er im besten Rundfahreralter, trotz der Möglichkeit noch viel länger Millionen zu scheffeln, zurückgetreten ist, das ist ihm hoch anzurechnen. Alles andere ist mit der Hetzjagd der Medien mehr als entschuldigt, ich hätte genauso gehandelt. Die deutsche Medienlandschaft hat eine ganze Generation erfolgreicher Radfahrer vernichtet. Klar waren sie "schuldig". In einem Wettbewerb in dem jeder schuldig war. In dem heute auch noch alle schuldig sind, die vorn mitmischen. Und der sich von heute hochbejubeltem, millionengebührenfinanziertem Volksspektakel (= aka Fußball) in seiner Bescheißerei nicht wirklich unterscheidet.

    @ Herrn Dobbert: Einen uneinsichtigen Wiederholungstäter wie Sinkewitz als leuchtendes Beispiel hinzustellen, zeugt nicht gerade von intensiver Befassung mit dem Thema ;-)

  2. Was für eine Einsicht! Mir fehlen die Worte...was ganz neues halt. Schätze es wird bald ein neues Verfahren eröffnet. Oder der Fuentes-ausschliesslich-Radfahrer-Skandal neu aufgerollt. Und in 10 Jahren können wir es dann lesen: Jan Ullrich hat gedopt! keiner wusste es-jetzt ist es offiziell FAKT!!

    Durch diese Art von Berichterstattung eröffnen sich ganz neue Perspektiven. Die Menschen werden bald alle aufhören zu dopen. Auf zu neuen Welten!

  3. Wurde Ullrich nie gefragt, ob Doping seiner Auffassung nach "Betrügen" ist?

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    wohl an die juristische Definition.

    • greuel
    • 13. Juli 2012 13:01 Uhr

    Ich glaube, seine Argumentation geht in die Richtung, dass alle in der Tour de France gedopt waren. Somit hätte er sich gegenüber den anderen keinen unerlaubten Vorteil verschafft, also niemanden betrogen.

    • bugme
    • 09. Februar 2012 19:00 Uhr
    8. Njiet

    ...wenn man fehler gemacht hat, oder durch seine Schwächen anderen geschadet hat, dann sollte man auch "den Arsch in der Hose haben" dazu zu stehen.
    Alles Andere wirkt mir sehr Wulfig.

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    ...."wulfig" ein wirklich treffender Neologismus.

    B.B.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Alberto Contador | Radsport | Doping | Offenheit | Patrik Sinkewitz | Talkshow
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