Sechstage-Rennfahrer Marvulli Der Gladiator der Moderne
Franco Marvulli gewann ohne Kreuzband das weltweit wichtigste Sechstage-Radrennen. Christian Spiller porträtiert einen besessenen Sportler und noch besseren Entertainer.
© Maurizio Gambarini/picture alliance/dpa

Die Rennfahrer vor dem Start in Berlin
Gegen 19 Uhr kauert Franco Marvulli in einer hölzernen Koje im Innenraum des Berliner Velodroms und studiert den Tagesplan. Etwa eine halbe Stunde nach Mitternacht wird er wieder vom Fahrrad steigen, so steht es geschrieben. Bis dahin wird er treten und schwitzen, cremen und salben, lachen und schimpfen. Er wird zum Kämpfer und zum Kind, zum Entertainer und zum Extremsportler.
Dutzende Male werden die Hallensprecher Marvullis Namen in ihre Mikrofone brüllen. Die Zuschauer werden krakeelen und Marvulli vor Anstrengung mit dem Kopf hin- und herwackeln, rechts, links, rechts, links, sein Markenzeichen. Dagmar Frederic, die Sängerin, wird Marvulli knuddeln, Arthur Abraham, der Boxer, wird ihm auf die Schulter klopfen. Marvulli wird in einen Plastikeimer urinieren und sich Sitzcreme aufs Gesäß schmieren, durch einen Stoffvorhang von den 7.000 Zuschauern getrennt. Franco Marvulli ist Sechstage-Rennfahrer.
Der 33-Jährige aus Zürich gehört zu einer Gruppe von Radprofis, die den Mythos am Leben erhalten soll. Sechstagerennen, Sixdays – man denkt an den Madison Square Garden von New York, an die scharfen Pfiffe des Sportpalastwalzers. Man denkt an Kokain, Kaffee und Sauerstoff aus der Flasche und an Sieger, die vom Rad gezerrt werden mussten, weil sie das Ende des Rennens nicht bemerkten. Sixdays, das klingt nach Egon Erwin Kisch und Zigarrenrauchschwaden, nach Ganoven in den Logen und dem Proletariat auf den billigen Plätzen.
Das Rennen in Berlin, das weltweit größte und wichtigste, ist Marvullis 106. Sechstagerennen. Nur der Niederländer Danny Stam fuhr ein paar Rennen mehr, wird sein Rad aber für immer in den Schuppen schieben, sobald der Frühling da ist. Marvulli sitzt immer etwas linkisch auf dem Rad, als würde er jeden Moment aus dem Sattel rutschen. Schnell ist er dennoch, 13 Mal hat er schon in Berlin gewonnen, wurde Weltmeister, Vize-Olympiasieger. Er strahlt die Selbstverständlichkeit derjenigen aus, mit denen es das Leben gut meint. Er trägt eine Strubbelgelfrisur und ein Lächeln, breiter als der Zürichsee.
Es gibt den Sport-Marvulli und den Show-Marvulli. Der Sport-Marvulli ärgert sich, wenn er schlecht fuhr. Der Sport-Marvulli lässt sich von seinem Betreuer nach jedem Auftritt wie ein Kleinkind das klebrig-nasse Trikot über den Kopf ziehen, den Oberkörper waschen, ein trockenes Hemd überziehen. Der Sport-Marvulli braucht die Ordnung seiner Koje. Die Getränke, die Gummibärchen, die Riegel, die Wattestäbchen, das Nasenpray, die Halspastillen, die Vitamintabletten, die Sitzcreme, alles muss griffbereit sein.
Der Show-Marvulli sagt: "Ich sehe mich als Gladiator. Man muss kämpfen, kämpfen, kämpfen und am Ende gewinnt, wer nicht aufgibt." Der Show-Marvulli schreibt in seiner Koje Autogramme auf Gelbe Trikots und flirtet mit dem Publikum. Aber der Show-Marvulli weiß auch, dass es ihn ohne den Sport-Marvulli nicht geben würde.
In Berlin singen in diesen Jahren die Puhdys und Frank Zander, die Sieger werden von Autohaus-Chefs und Getränkegroßhändlern geehrt. Deren blondierte Frauen tanzen im Innenraum Discofox. Der Show-Marvulli wird derzeit besonders gebraucht, der Branche geht es nicht gut.
Der Sechstage-Kalender lichtete sich in den vergangenen Jahren, vor allem in Deutschland. Diese Rennen braucht niemand, sagen die Spötter und Skeptiker. Sie seien nur eine Kirmes, der Sport nur ein Vorwand zum Trinken und Schunkeln, die Dramaturgie der Rennen abgesprochen, die Fahrer gedopt. Anspruchslose Unterhaltung, eine Art Sport-Dschungelcamp. Radsportler rangieren im gefühlten Ehrlichkeits-Index hierzulande auf dem Niveau von Investmentbankern und dem Bundespräsidenten.
Der Show-Marvulli lächelt das alles weg. Was Doping angeht, so will er für niemanden die Hand ins Feuer legen, jeder muss selber wissen, was er macht. Und es störe ihn auch nicht, wenn einige Zuschauer vor lauter Bier, die Bahn nicht mehr erkennen. "Man kann nicht erwarten, dass die Leute fünf Stunden lang nur auf die Bahn schauen."
"Sport meets Showeffekt", sagt Marvulli über seinen Beruf. Man könne das mit einem Zirkus vergleichen. Eine Nummer jage die andere, jeden Tag aufs Neue. Und die Leute wollen ja was sehen für ihr Geld. Es geht darum, während des Rennens nicht nur anzugreifen, sondern das möglichst eindrucksvoll zu tun. Ein schneller Antritt, von weit hinten, damit die Zuschauer genug Zeit haben, hinterherzukommen. Es geht auch darum, immer vorne mitzufahren, damit die Hallensprecher oft genug den eigenen Namen rufen. Es geht selbst im Augenblick des Sieges darum, noch irgendwas zu machen. Das Vorderrad hochziehen, sich auf die Brust trommeln, solche Sachen.
Im Bauch des Velodroms, Kabine 6, legt Marvulli die Beine auf den Tisch und kümmert sich um ein Kreuzworträtsel. Anderthalb Stunden Pause, der Tag ist fast geschafft, auf dem Tagesplan stehen nur noch die Kleine Jagd und das Punktefahren. Es riecht nach Franzbranntwein und den Salben, die man sich abends auf die Brust schmiert, wenn man erkältet ist. Über ihm dröhnen die schweren Motorräder, in deren Windschatten die Steherrennfahrer ihre Runde drehen, das Rahmenprogramm. Vorher waren die Sprinter dran. Männer, deren Oberschenkel so dick sind, dass sie nur mit Mühe gerade aus laufen können.
Neben Marvulli wirft sich Silvan Dillier bäuchlings auf die Pritsche. Die Schulter tut weh. "Warum nur bin ich Sechstagefahrer geworden", sagt er und schafft es geradeso, ironisch zu klingen. Dillier ist der Rennpartner von Marvulli. 21 Jahre, Schweizer, es ist sein viertes Sechstagerennen. Er gilt als eines der größten Talente in der Branche, muss aber noch etwas arbeiten, vor allem am Show-Dillier.
Marvulli versteht den Jungen. "Es gibt Tage, da würde man sein Fahrrad am Liebsten zersägen." Da wünsche er sich einen normalen Bürojob, überschaubar, ohne Überraschungen. Ein Leben ohne kreischende Hallensprecher, ohne Autohaus-Chefs, ohne Sitzcreme. Er denkt kurz nach und ist dann der Sport-Marvulli: "Aber die Bahn ist meine Liebe."
Und dann erzählt er seine Geschichten. Von Rennabbrüchen, weil wütende Zuschauer Biergläser auf die Bahn schmissen, von Schlägereien auf der Bahn oder von dem Kreuzband, dass er sich mal bei einer Siegerehrung gerissen hat.
Das mit dem Kreuzband im Knie war kurz vor dem wichtigen Rennen in Berlin. Marvulli wollte trotzdem starten. Die Veranstalter riefen ihn an, sagten: "Marvulli, mach' keinen Scheiß!" Wenn er am ersten der sechs Tage ausfallen würde, hätten sie ein Problem. Und er auch. "Keine Sorge", sagte Marvulli und humpelte auf Krücken zu seinem Fahrrad. Treten konnte er.
Damals, 2008, war Marvulli nach sechs Tagen vorne. In diesem Jahr wird es nur zu Platz Zwei reichen.
- Datum 02.02.2012 - 16:07 Uhr
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